Autor Hanif Kureishi: "Begierde ist der Antrieb unserer Existenz"

Artikel veröffentlicht am 23. April 2012
Artikel veröffentlicht am 23. April 2012
„Ich mag reiche und arme Leute; und ich mag auch merkwürdige Leute. Die Leute, die mir auf die Nerven gehen, sind normale Menschen“, bekundet der englische Dramatiker und Drehbuchautor seine Meinung auf dem Literaturfestival Fabula, welches diesen Frühling in Slowenien stattfand.
Mit dieser Aussage schafft es Hanif Kureishi, das Publikum bereits während der ersten Sekunden seines Auftritts zu „beleidigen“.

Das Literaturfestival “Fabula” etabliert sich mehr und mehr in der slowenischen Literaturszene. Dieses Jahr begrüßte es vom 27. Februar bis zum 10. März zum neunten Mal in Folge nationale und internationale Autoren. Der diesjährige literarische Höhepunkt in Ljubljana war die öffentliche Diskussionsrunde mit Hanif Kureishi. „Ich bin sehr glücklich, hier zu sein“, beginnt der weltbekannte Schriftsteller und Drehbuchautor. „Ich freue mich darüber, Sie alle hier zu sehen. Ich habe den Eindruck, dass die gesamte Bevölkerung Sloweniens heute Abend hier versammelt ist.“ Mit diesem Witz spielt Kureishi auf die eher bescheidene Bevölkerungszahl Sloweniens an, das gerade einmal 2 Millionen Einwohner zählt. Der ganze Saal lacht mit diesem Mann, der so ganz mit sich im Reinen zu sein scheint. Wie wir jedoch später erfahren, war dem nicht immer so. Dies war auch der Grund, der Kureishi überhaupt erst zum Schreiben finden ließ.

Welten des Ausdrucks und der Zensur

Als Sohn einer englischen Mutter und eines pakistanischen Vaters wuchs Kureishi in Bromley, südöstlich von London auf und musste bald lernen, was es heißt, in einer Welt, in der Menschen entweder schwarz oder weiß sind, anders zu sein. „Es war unglaublich langweilig, in einem Vorort aufzuwachsen“, erinnert sich der Schriftsteller, der mit Frau und Kindern in London lebt. „Es war ein langweiliger Ort. Immigranten wie mein Vater wurden oft zusammengeschlagen. Ich habe dort viel gelernt. Ich hatte das Gefühl, dass meine Identität zerstört wurde. Als Immigrant wird man automatisch zum Opfer. Man wird ganz wirr im Kopf.“ Schreiben half dem heute 57-Jährigen, dieses Chaos zu klären. „Ich musste über diese Dinge nachdenken, also habe ich mit dem Schreiben angefangen. Ich begann, darüber nachzudenken, wo ich wirklich herkam und so entsteht dann ein Buch.“

2012 lag der Schwerpunkt des „Fabula”-Festivals auf 'sozial engagierter Literatur'. In diesem Zusammenhang tut der Autor seine Meinung über verbotene Literatur kund. Das Augenmerk legt Kureishi dabei hauptsächlich auf das berühmt-berüchtigte Beispiel der Fatwa, die gegen seinen Landsmann Salman Rushdie für dessen viertes Buch Die Satanischen Verse (1988) erlassen wurde. Nach seiner Aussage hat sich die Lage seitdem nicht verbessert. „Eine meiner Cousinen unterrichtet postkoloniale Literatur an der Universität in Karatschi [Pakistan]. Als sie in einen Buchladen ging, um das Buch Mitternachtskinder (Rushdie, 1981) zu kaufen, fragte sie der Verkäufer: 'Warum können Sie nicht wie alle anderen auch P.G. Woodhouse lesen? Wenn ich ein Buch von Salman Rushdie verkaufen würde, wäre mein Laden schon längst abgebrannt.' Daraus schließe ich, dass Bücher gefährlich sind. Es gibt immer noch Dinge, die nicht gesagt werden dürfen. Dinge, die Leute nicht hören wollen. Dadurch wird Literatur erst möglich.“

Fatwa oder der Jäger der Begierden

Hanif Kureishis Buch Das schwarze Album (1996) führte zu ähnlichen Kontroversen. Es wurde als direkte Antwort auf Rushdies Fatwa aufgefasst. „Das schwarze Album war keine Blasphemie“ sagt Kureishi. „Es handelt nicht vom Koran. Es handelt davon, Dinge auszusprechen. Es handelt von den Satanischen Versen. Ich hatte keine Angst. Es wäre mir gar nicht eingefallen, Angst zu haben. Ich dachte einfach, dass es wichtig ist, über diese Dinge zu schreiben.“ Ist es auch wichtig, über den Geist der Gesellschaft zu schreiben, in der wir leben? „Für die meisten Schriftsteller ist es ein purer Glücksgriff, den maßgeblichen Zeitgeist im richtigen Moment zu treffen“, gibt Kureishi zu. „Aber das schaffen sie nie wieder. Man weiß gar nicht, was man tut. Man ist einfach nur da. Es ist alles in deinem Inneren, du bist der Zeitgeist. Und dann wandelst du ihn für andere Menschen in Worte um.“

Kureishis Bücher, welche in 36 Sprachen übersetzt wurden, basieren auf dem Phänomen der Begierde. „Die Geschichte, die man schreibt, fängt da an, wo sich zwei Menschen treffen; genau dann, wenn etwas zwischen ihnen passiert. Begierde ist der Antrieb unserer Existenz. Menschen sind nur dann lebendig, wenn sie sich vor etwas fürchten oder etwas absolut begehren. Dann sind sie so wunderbar wie sonst nie. Und dann begehrst auch du sie unglaublich stark. Nicht nur, um Sex zu haben. Das wäre zu einfach. Sondern weil du jemanden wirklich willst, weil du diese Person magst, von diesem Menschen abhängig bist. Aus schriftstellerischer Perspektive haben wir es hier mit einer wunderbaren Geschichte zu tun. So fängt die Geschichte eines jeden von uns an.“

Die Suche nach guten Geschichten war es auch, die Hanif Kureishi zu eher unkonventionellen Themen von Fetisch bis Sadomasochismus trieb. „Ich habe mich gefragt, was passiert, wenn man all sein Begehren erfüllt. Sex ist nicht gefährlich genug. Die tatsächliche Gefahr ist, sich zu verlieben. Es ist einfach, ständig Sex zu haben. Die Schwierigkeiten fangen dann an, wenn man sich wirklich auf eine andere Person einlässt. Das ist viel schwieriger und viel schmerzhafter. Unter diesem Blickwinkel wird Sex bedeutungslos, ihm kann kein wirklicher Wert beigemessen werden, während Liebe dein ganzes Leben verändern kann. Wenn also jemand, der Liebe und Sex klar trennen kann, an einem Samstagabend mit 20 Leuten Sex hat (mit Kondom natürlich) riskiert er in diesem Sinne gar nichts.“ Ljubljana war an diesem Abend Hals über Kopf in Hanif Kureishi verliebt.