Ausverkauf einer Stadt – Su Friedrich schaut in „Gut Renovation“ auf Gentrifzierung

Artikel veröffentlicht am 14. Februar 2013
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Artikel veröffentlicht am 14. Februar 2013

Investitionen in Immobilien werden immer beliebter. Also wechseln Häuser den Besitzer, werden modernisiert und die Mietpreise steigen. Die Bewohner werden in Randbezirke verdrängt. Doch das ist kein reines Berliner Problem. Weltweit erleben Menschen den Druck des Immobilienhypes. So auch Su Friedrich. In ihrer Doku „Gut Renovation“ zeigt sie, wie ein Stadtviertel New Yorks ausverkauft wurde.

1989 mie­te­te und re­no­vier­te Fried­rich mit Freun­din­nen eine Etage in einem alten Fa­brik­ge­bäu­de in Wil­li­ams­burg, einem Ar­bei­ter­vier­tel in Brook­lyn. Nach und nach wur­den pro­du­zie­ren­den Be­trie­be, Hand­wer­ker und Künst­ler­lofts von Bau­spe­ku­lan­ten ver­drängt, die man mit Steu­er­ge­schen­ken an­ge­lockt hatte. Auch die Regisseurin musste aus ihrer Wohnung raus. Der Gold­rausch Wohn­raum be­gann. Und das Aus­se­hen eines Stadt­vier­tels ver­än­der­te sich.

Auf der Ber­li­na­le zeigt Fried­rich in der Sek­ti­on Pan­ora­ma nun den Wan­del in die­ser Ge­gend. Der Do­ku­men­tar­film er­zählt emo­tio­nal den zu­nächst schlei­chen­den Umbau der Ei­gen­tums­ver­hält­nis­se in der Ge­gend zwi­schen East River und Brook­lyn-Queens Ex­press­way. Vom Ver­kauf von Grund­stü­cken, über den Ab­riss der In­dus­trie­bau­ten bis hin zur Er­rich­tung neuer ex­klu­si­ver Ei­gen­tums­woh­nun­gen für eine wohl­ha­ben­de Kli­en­tel: Akri­bisch hält Fried­rich mit ihrer Ka­me­ra den Um­bruch fest. In immer schnel­le­ren Bild­fol­gen kar­to­gra­fiert sie, fast schon wie in einer Feld­stu­die, Ab­ris­se und Neu­bau­ten und ver­deut­licht so Aus­maß und Tempo der Gen­tri­fi­zie­rung. Bei Num­mer 173 gibt sie schließ­lich auf. 

„Willkommen in der Nachbarschaft. Sie ruinieren sie.“

Und so zeigt sie in der Ich-Per­spek­ti­ve ihre wach­sen­de Wut. Sie pro­vo­ziert. Bei­ßen­de Kom­men­ta­re sind ihre Waf­fen: So sprüht sie „Hier leb­ten ein­mal Künst­ler.“ auf einen Bau­zaun oder ruft Bau­un­ter­neh­mern „Will­kom­men in der Nach­bar­schaft. Sie rui­nie­ren sie.“ zu.  Doch sie be­weist auch Komik. Iro­nisch filmt sie die De­si­gner-Hun­de-Pa­ra­de, die jeden Tag an ihrem Fens­ter vor­bei spa­ziert. Die wohl lus­tigs­te Szene dreht sich um einen gi­gan­ti­schen Fels­bro­cken. Er soll bei Bau­ar­bei­ten vom ge­gen­über­lie­gen­den Grund­stück ent­sorgt wer­den. Doch der Stein ist zu groß und zu schwer, um ihn in einem Stück ab­zu­trans­por­tie­ren. Mi­nu­ti­ös zeigt Fried­rich, einem Slap­stick gleich, die Ver­su­che der Bau­ar­bei­ter, das Pro­blem zu lösen. Ein Pro­blem, das zwei Wo­chen dau­ert. 

Gut Re­no­va­ti­on ist ein Ab­schied vom alten Wil­li­ams­burg. Auch wenn der Film keine Ur­sa­chen der Gen­tri­fi­zie­rung her­aus­ar­bei­tet und keine wei­ter­ge­hen­de Ana­ly­se auf­weist, so zeigt er dem Zu­schau­er doch sehr deut­lich, wie es ist, aus dem ei­ge­nen Stadt­vier­tel weg­zie­hen zu müs­sen. Su Fried­richs Do­ku­men­ta­ti­on ist eine ge­lun­ge­ne sehr per­sön­li­che Be­stands­auf­nah­me, die das Thema Gen­tri­fi­zie­rung end­lich mal aus einer an­de­ren Per­spek­ti­ve er­zählt.