Ausreise-Business Tunesien: Nur die Rosinen

Artikel veröffentlicht am 8. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 8. Oktober 2014

Tunesien, das einzige Land in der Euromed-Region, das nach dem Arabischen Frühling heute relativ stabil erscheint und dafür als Hoffnungsträger für die gesamte Region gefeiert wird, steht vor großen wirtschaftlichen Problemen. Deshalb wollen viele junge Tunesier nach Europa auswandern und sind dafür sogar bereit, ein kleines Vermögen zu zahlen.

Für viele junge Tunesier wirkt ein Arbeitsvisum für die EU wie ein Traum, bedenkt man, dass die Akademikerarbeitslosigkeit im Land bei 38 Prozent liegt. Zum Greifen nah wird dieser Traum, wenn man über einen guten Abschluss in Informatik, Ingenieurwissenschaften oder Medizin verfügt und gleichzeitig eine oder mehrere europäische Sprachen sehr gut beherrscht. Denn tunesische Absolventen dieser Fächer sind in vielen europäischen Ländern sehr gefragt. Dafür spricht einerseits die hohe Qualität der universitären Ausbildung in  Tunesien und andererseits der Fachkräftemangel in Europa, besonders in bestimmten Branchen, wie IT. Gerade in der oberen Mittelschicht hat fast jeder Tunesier ein Familienmitglied in Paris oder Frankfurt.  

Hoffnungen der tunesischen Jugend

Aus diesem Auswanderungsdruck hat sich mittlerweile ein richtiges Business entwickelt. So haben sich in den letzten Jahren mehrere Agenturen gegründet, die darauf spezialisiert sind, Auswanderungswilligen die nötigen Dossiers vorzubereiten und zu übersetzen. Eine Mitarbeiterin der Agentur Getusion erklärt, es gebe derzeit einen regelrechten Ansturm. Der Unternehmensgründer - ein Tunesier, der selbst schon einige Jahre in Deutschland gelebt hat – habe dabei eine richtige Marktlücke erwischt.

Schließlich ist Auswandern für jemanden, der nicht gerade die Privilegien eines europäischen Reisepasses mitbringt, nicht einfach und will gut vorbereitet sein. Viele Anfragen gibt es dabei von Tunesiern, die einen Teil ihres Studiums oder ein Praktikum in der EU absolvieren wollen. Beliebt sind hier neben Frankreich, auch Deutschland, Belgien oder die skandinavischen Länder.

(Offizielle Webseite der Fotografin Irene Cavaliere, Facebook-Seite der Fotografin)

Mobilitätspartnerschaft mit Tunesien

Die EU hat dieses Jahr mit Tunesien eine sogenannte Mobilitätspartnerschaft vereinbart. Das Dokument, das im März 2014 beschlossen wurde, sieht Erleichterungen in der Visa-Vergabe vor. Damit einhergehen soll auch eine bessere gegenseitige Anerkennung  von Berufs- und Universitätsabschlüssen. Tunesische Bürger sollen darüber hinaus besser über Ausbildungs- und Beschäftigungsangebote in Europa informiert werden. Daneben verpflichtet sich die EU im Rahmen dieser Partnerschaft, die Integration tunesischer Bürger in der EU voranzubringen sowie die Rolle tunesischer Gemeinschaften in der EU als Entwicklungsakteure zu stärken.

Die bittere Kehrseite dieser Partnerschaft besteht, neben all den positiven Aspekten im Bereich der Vereinfachung der legalen Migration, in der gemeinsamen Kooperation im Kampf gegen illegale Migration. Dabei sollen Grenzkontrollen verschärft werden und es wurden Verhandlungen zur Rückübernahme illegaler Migrantengruppen aufgenommen.

Kritische Stimmen lassen angesichts dessen verlauten, die EU externalisiere mit dieser Praxis ihre Asyl- und Einwanderungspolitik und wälze die Folgen ihrer Migrationspolitik auf die Länder in ihrer Nachbarschaft ab. Dieser zweigleisige Ansatz der EU in der Migrationsfrage ist nicht unumstritten. So bedient sich die EU in dem Fachkräftepool  der an sie angrenzenden Länder und pickt sich dabei allein heraus, was für sie selbst oder für ihre Mitgliedsstaaten als gewinnbringend erscheint. Der Traum zur Ausreise wird dabei nur den besonders privilegierten Schichten ermöglicht. Die Misere der illegalen Migranten wird kaum behoben.