Aus Männersicht: Emma Watson und Feminismus in Europa

Artikel veröffentlicht am 24. September 2014
Artikel veröffentlicht am 24. September 2014

Am 19. September hielt Emma Watson vor den Vereinten Nationen eine Rede zu der Kampagne mit dem Namen "He For She". Eine Kampagne, die sich für mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern einsetzt und sich dabei auch speziell an Männer richtet. Deshalb haben wir von cafébabel uns mal in der Männerwelt umgehört, was sie zum Thema Feminismus zu sagen haben. 

Eine mutige junge Frau präsentierte sich dort vor den Vereinten Nationen in New York City und sprach über eines der dringensten und dauerhaftesten Themen der Welt: Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Emma Watson, UN-Botschafterin und einstige Harry Potter Schauspielerin, hielt eine Rede über die He For She Kampagne. Diese Bewegung setzt sich damit auseinander, welche Rolle Männer im Kampf gegen Sexismus spielen und rufen Männer dazu auf, zusammen mit ihren Töchtern, Partnerinnen, Müttern, Schwestern, Freundinnen und allen anderen Frauen für die Gleichberechtigung zu kämpfen. Mit Gegenwind war zu rechnen, denn noch immer sind Frauen, die für ihre Sache einstehen, häufig öffentlicher Kritik ausgesetzt. Aber wenn man mal die ganzen Trolle beiseite lässt, was halten denn Männer eigentlich von Emma Watsons Rede?

Adrien aus Frankreich: Meine Meinung zu Emma Watsons Rede... Endlich! Ja, endlich werden die Männer mal mit einbezogen. Ich stimme ihr 100 Prozent zu. Ich bin davon überzeugt, dass es besonders in einem Land wie Frankreich, das immer noch als Land der Machos gilt, schwierig ist, seine Stimme für Feminismus zu erheben. Häufig gilt es nicht als männlich genug, sich für Feminismus auszusprechen und dann wird sich über einen lustig gemacht. Ganz besonders, wenn du sagst, dass Frauen gleichberechtigt sein sollten. Ich stimme ihr da voll und ganz zu, dass man nicht über Gleichberechtigung sprechen kann, wenn man nicht alle Seiten dazu einlädt seine oder ihre Meinung zu sagen. Jeder sollte Zugang zu den selben Möglichkeiten haben: Bildung, Lohn, Verantwortung, Rechte und auch Pflichten. Und es sollte das Ziel beider Seiten sein, dass durchzusetzen.

Ovidiu aus Romänien: Sexuelle Gleichberechtigung ist kein reines Frauenthema, sondern eines der Männer. Beim Feminismus geht es nicht um hysterische Frauen, es geht um die Rechte aller, es geht um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Feminismus sollte aber auch keine Kastration sein. Ich hoffe und wünsche mir, dass meine Tochter Feministin ist, aber noch mehr wünsche ich mir eigentlich, dass sie gar keine mehr sein muss.  

Tullio aus Italien: Immer wenn ein Mann dieses Thema kommentiert, kann das peinlich, unüberlegt oder sogar falsch sein. Wiederum andere wollen sich gar nicht dazu äußern… Die junge Emma Watson hat eine starke Persönlichkeit, auch wenn ihre zitternde Stimme es vielleicht anders erscheinen lässt, wirkt sie doch ehrlich und authetisch. Nichts an ihrer Rede war überflüssig. Sie (oder ihr Pressesprecher) hat zwei sehr wichtige Punkte angeführt: zunächst einmal das Ziel der Kampagne He For She. Zum ersten Mal ist es nicht mehr nur "Sie für sich selbst", sondern er, der Mann, wird genau so miteinbezogen. Es ist an der Zeit, dass Männer ohne Scham oder Angst akzeptieren, dass es, trotz der Entwicklung unserer Gesellschaft, immer noc hein schwarzes Loch gibt, wenn es um die sexuelle Gleichberechtigung geht. Menschen, die Wissenschaft und die Kultur scheinen hochentwickelt, während unsere Gesellschaft in einem alten System zu stecken scheint, welches sexuelle Unterschiede durch die Bildung schon an ihre Kinder weitergibt. Die Zeit für Männer ist gekommen etwas zu tun, was weiter geht, als die eingeübten Rituale, die manchmal so wirken, als seien sie für die Ewigkeit bestimmt (und gottgegeben) oder noch schlimmer: "natürlich". Tut etwas für die Frauen. Der zweite Punkt, der deutlich wird, ist: Feminismus ist "der Glaube daran, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben. Es ist die Theorie von der politischen, ökonomischen und sozialen Gleichberechtigung der Geschlechter." Emma hatte gutes Recht, dass noch einmal so auf den Punkt zu bringen. Warum wurde das negativ aufgenommen? Aus vielerlei Gründen, aber auch weil wir den Fehler gemacht haben, den Wandel mit Gewalt umsetzen zu wollen (z.B. durch die Frauenquote). So fühlt es sich an wie eine Racheaktion, wie in den Filmen, in denen Frauen alle Männer hassen und sich rächen. Wie die Frauen, die Emma Watson in ihrer Rede beschreibt. Man muss betonen, dass es Gleichheit und Ungleichheit gibt, wir sind unterschiedlich und gleich, das ist das ewige Geheimnis des Lebens. Die Unterschiede reichen tief und die sind kulturell, die Zeit ist reif, wir dürfen nicht warten. Jetzt ist die Zeit uns wirklich für sie einzusetzen.

Maciek aus Polen/Kanada: Es ist eine gute Rede zum Thema emotionale Verbundenheit. Es ist ein wichtiger Punkt, den sie dort anspricht, um nicht nur Frauen, sondern auch Männer zu erreichen. Folglich ist es auch eine sehr gute Idee, darauf anzuerkennen, dass Männer genauso von sexueller Diskriminierung betroffen sind. Ich kann nur von der männlichen Warte aus sprechen, aber vieles von der feministischen Haltung, die sie beschreibt (Aggressionen, Dominanz,...) sind auf jeden Fall real, aber für viele Männer läuft das unbewusst ab. Es zeigt sich oft im Druck von der Außenwelt. Das beginnt schon in der Jugend, wenn z.B. viele Jungs anerzogen bekommen, dass es nicht männlich ist, sich nett, tolerant und offen zu verhalten. Im Grunde ist es eine humanistische Rede und sie erwähnt auch viele wichtige Aspekte, aber im Grunde muss man auch sagen, dass es eine Rede von dem Geschlechterverhältnis im 'Westen' ist – natürlich stellt sie auch Bezüge zu anderen Regionen her, aber für die Veränderung dort braucht es viel tiefergehende Veränderung der Gesellschaftsstruktur, als einfach nur eine neue Haltung, so wie sie es erwähnt. 

Diethelm aus Deutschland: Ich finde es gut, wenn es Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern gibt, aber es ist auch klar, dass uns bestimmte Rollen anerzogen werden. Und es ist schwer diese abzulegen. Ich habe oft das Gefühl, dass Frauen vielleicht gar nicht so wirklich vollständige Gleichberechtigung wollen, da damit auch mehr Verantwortung einhergeht. Zwischen meiner Frau und mir war das nie ein Thema und ich fühle mich auf keinen Fall von Frauen diskriminiert. Aber manche Feministinnen gehen zu weit und sind zu radikal. Ich glaube, manchmal werden diese Diskussionen nur benutzt, um bestimmte Interessen durchzubringen, die gar nichts mit dem eigentlichen Thema zut un haben, sondern eher mit ökonomischen Interessen oder Machtansprüchen. Letztendlich ist das Thema für mich überbewertet, weil ich in meinem Alltag fast nie mit sexueller Diskriminierung konfrontiert bin. Gleichberechtigung ist für mich einfach eine Grundhaltung.

Pieter aus den Niederlanden: Das ist ein Versuch die feministische Bewegung zu entradikalisieren und neu auszuhandeln, was Feminismus eigentlich bedeutet, um es dann wieder in die Debatte um Gleichberechtigung einzubringen. Meiner Meinung nach nennt sie einige wichtige Punkte. Ich finde es gut, dass die Diskussion wieder auflebt, auch wenn es den Anschein hat, dass es Frauen mehr betrifft, als Männer. Laut der Sozialtheorie ist es nie möglich, dass die Minderheit oder diejenigen, die Diskriminierungen ausgesetzt sind, die Sache ändern können: die Mehrheit muss den ersten Schritt machen. Der Diskurs um Minderheiten und Dominanz ist sehr interessant und man muss diejenigen, die in diesem Diskurs die Mehrheit stellen, davon überzeugen, dass Diskriminierung auch sie etwas angeht. Erst wenn diese Leute es auch als ihr Problem empfinden, kann man das Problem an der Wurzel packen.  

Tomas aus der Slowakei: Sie bringt mehrere wichtige Sachen zur Sprache. Zum einen, dass 'Feminismus' eine falsch verstandene Theorie ist und vielleicht überdacht werden muss. Für mich war der wichtigste Teil der Rede der, an dem sie erklärt, dass wir uns alle als Menschen, und nicht als Mann oder Frau, sehen sollten. Natürlich gibt es körperliche und auch mentale Unterschiede, aber diese berechtigen noch lange nicht dazu, Mann und Frau unterschiedlich zu behandeln. Wenn ich ein Arbeitgeber wäre, würde ich nie jemanden weniger bezahlen, nur weil es eine Frau ist. Im Grunde denke ich, dass das Talent vieler Frauen verschwendet wird, weil sie nicht richtig gewärtschätzt und unterbezahlt werden. 

Federico aus Italien: Ich finde nicht, dass das Wort 'Feminismus' negativ besetzt ist. Auf der anderen Seite zeigen Stars wie Beyoncé und Emma Watson, dass das Thema immer beliebter wird. Frauen sind die umgekehrte Armee des Kapitalismus. Sie sollen unabhängig sein, damit sie mehr konsumieren, damit sie mehr gegen  Männer vorgehen und so den Wettbewerb zwischen Männer und Frauen voranzutreiben und so Profit zu schaffen. Mittlerweile nutzen wir weibliche Vorbilder, damit junge Mädchen denken, dass man eine Feministin sein muss, um cool zu sein!   

Für mehr Informationen zu He For She, besuche ihre Webseite oder folge ihnen auf Facebook oder Twitter, @Facebook @HeForShe or #HeForShe.