Aus den Augen, aus dem Sinn

Artikel veröffentlicht am 30. November 2006
Artikel veröffentlicht am 30. November 2006

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In Paris demonstrieren Prostituierte für mehr Engagement gegen AIDS und kritisieren die Regierung für das Verbot von Straßenprostitution.

Die Prostituierten von Paris sind am 30. November wieder in Arbeitskleidern auf die Straße gegangen – um zu demonstrieren. Damit schließen sie sich erstmals der Kampagne an, die eine engagierte Politik gegen AIDS fordert. Die Botschaft der Prostituierten ist deutlich: Was die französische Regierung zur AIDS-Vorsorge beiträgt, ist nicht nur unsinnig, sondern kontraproduktiv. Seit drei Jahren ist Straßenprostituion gesetzlich verboten. Damit hat die Regierung es französischen Sexarbeitern erschwert, sich gegen AIDS zu schützen.

Auszug der Prostituierten

„Das Verbot ist eine Katastrophe“, meint Françoise Gil, Forscherin an der Hochschule für Sozialwissenschaften EHESS in Paris und Vorsitzende der Organisation Femmes de droits, droits de Femmes. „Innenminister Nicolas Sarkozy behauptet, er habe das Prostitutionsproblem beseitigt, dabei hat er die Prostituierten nur in Randbezirke abgeschoben“, erklärt Gil. Mit der Gesetzesänderung im Jahr 2003 habe die Regierung erreicht, dass Straßenprostituierte aus Angst vor der Polizei ihre gewohnten Plätze verließen und in die Wälder der Vorstädte umsiedelten.

So genanntes „passives Anwerben“ gilt seit der Reform des Gesetzes zur Inneren Sicherheit als Straftat. Für das Anbieten von Sex, aber auch eine entsprechende Kleidung, riskieren Sexarbeiter ein halbes Jahr Haft und eine Geldbuße von bis zu 3750 Euro – obwohl Frankreich Prostitution grundsätzlich toleriert.

Verhütung – ein geografisches Problem

Der Auszug der Prostituierten hat Folgen für die AIDS-Prävention. Allein aus geografischen Gründen kommt die Aufklärungsarbeit von Prositutierten-Organisationen nicht mehr bei der Zielgruppe an. Die Pariser Gesellschaft transsexueller Sexarbeiter (PASTT) beispielsweise organisiert nächtliche Treffen mit Prostituierten, informiert über das AIDS-Risiko und verteilt Kondome. „Aber wir können nicht bis zu den Wäldern und Straßen außerhalb von Paris rausfahren, dazu haben wir nicht genügend Mittel und Menschen“, erklärt PASTT-Vorsitzende Camille Cabral.

Prostituierte sind auf den ersten Blick nicht anfälliger für AIDS als andere Europäer. In der aktuellen Studie der UN-Organisation UNAIDS schneidet Westeuropa mit 22 000 Neu-Infizierten verhältnismäßig gut ab. In Osteuropa und Zentral-Asien erkrankten dagegen mehr als zehn mal so viele Menschen an AIDS, etwa 270 000. Untersuchungen in Paris ergeben jedoch ein anderes Bild.

Unter den Pariser Prostituierten sind viele afrikanische Frauen, hauptsächlich aus Sierra Leone, Nigeria, Kamerun, der Elfenbeinküste. Die Pariser Zentrale des Roten Kreuzes in Moulin-Joly kam bei einer eigenen Studie zu dem Ergebnis, dass die Krankheitsquote unter diesen Frauen genauso hoch ist wie in ihren Heimatländern: Fast jede zehnte Frau hat AIDS. Bei den aus Osteuropa imigrierten Sexarbeiterinnen fiel kein HIV-Test positiv aus. Die osteuropäischen Prostituierten gaben an, bei der Arbeit immer ein Kondom zu benutzen.

Françoise Gil, die an der Studie mitarbeitete, berichtet jedoch von einer „großen Nachfrage nach Abtreibungen, obwohl sie selbst immer nur von Einzelfällen reden.“ Gil zufolge schlossen die Ärzte daraus, dass die Mafia-Männer ungeschützten Sex mit ihren Prostituierten hätten und sie und sich selbst damit dem Risiko aussetzen. „Prostituierte aus dem Ausland sind seit dem Verbot oft schlecht informiert und vorsichtiger, was den Umgang mit Institutionen betrifft“, sagt Gil. Die Vorstädte seien zu schlecht ausgestattet und hätten nicht genügend finanzielle Mittel, um dem Zustrom von Prostituierten gerecht zu werden.

Moralische und physische Gewalt

Cadyne ist 23, Jura-Studentin und arbeitet als Prostituierte. „Unsere Arbeitsbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert“, bestätigt sie. „Wenn es noch so viele Prostituierte wie früher gibt, dann verstecken sie sich, um den Repressalien der Polizei zu entgehen.“ Sie müssten Geldstrafen zahlen und würden regelmäßig verhaftet, erzählt Cadyne. „Denjenigen, die in Wohnwagen arbeiten, wird gedroht, dass sie ihren Führerschein verlieren.“

Die Soziologen Mossuz-Lavau und Handman haben diesen Trend beobachtet und warnen in ihrem 2005 veröffentlichten Bericht vor zunehmender Gewalt seitens der Polizei. Manchmal würden die Polizisten auch Kondome bei Strichern als Zeichen von Straßenprostitution auslegen und konfiszieren. „Ein junger rumänischer Stricher an der Porte Dauphine hat sich geweigert, Kondome bei sich zu haben, weil er dachte, die Polizei würde ihn verhaften“, bestätigt Gil. In der transsexuellen Szene seien solche Fälle nicht bekannt, erklärte PASTT-Vorsitzende Camille Cabral.

Cabral und Gil sind sich jedoch einig, dass die Polizisten im Umgang mit Prostituierten unzureichend ausgebildet sind. „Meine Anfragen blieben unbeantwortet“, sagt Cabral. „Ich habe den Polizeipräsident kontaktiert und Kurse für die Einsatzkräfte angeboten, um das Bewusstsein dafür zu stärken.“ Ein Sprecher der Polizei bestätigte, dass „die Polizei keine speziellen Kurse über den Umgang mit Prostituierten anbietet. Wir haben gelernt, vergewaltigte Frauen aufzunehmen, was natürlich Sexarbeiterinnen einschließt.“ Männliche Opfer kämen bei der Schulung gar nicht vor. Das zeige, dass „wir glauben, dass Männer immer noch psychologisch stärker sind als Frauen“. Er fügte jedoch schnell hinzu: „Prostituierte sind Opfer, das vergessen wir nie.“

Genau diese Einstellung aber führe laut Cadyne zu einer Rechtfertigung des gegenwärtigen Bannes. Sie habe Probleme, von der Bank einen Kredit zu bekommen, eine Wohnung zu mieten, oder ihre Rechte einzufordern. „Prostituierte werden zunehmend von der Gesellschaft stigmatisiert“, sagt Cadyne.