Aus dem Leben eines Bloggers

Artikel veröffentlicht am 12. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 12. Juni 2006

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Clive Matthews ist die Person hinter dem erfolgreichen Blog „Europhobia“. Der Blogger ist aber kein bildschirmbesessener Freak, sondern steht mit beiden Beinen auf dem Boden.

Blogger bringen ihr Leben damit zu, vor schmutzigen Computerbildschirmen in dunklen Kellerkammern zu sitzen– sie sind ständig im Netz, sind den heißen Nachrichten auf der Spur, schreiben ihre Beiträge im Sekundentakt. So lautet zumindest das Vorurteil.

Clive Matthews ist ein Blogger. Er betreibt den „Europhobia“- Blog, eines der wenigen englischsprachigen pro-europäischen Blogs im Netz und ein Überraschungserfolg schlechthin. In der Blogospäre ist er als „Nosemonkey“ bekannt.

Ich treffe mich mit Clive zum Mittagessen in einem Pub in West London, und vom ersten Augenblick macht er alle Vorurteile vergessen. „Blogger sind nicht die, für die man sie hält. Dieses Bild von dem Typen mit Brille, der 40 Jahre alt ist und immer noch bei seinen Eltern wohnt, ist falsch. Die meisten Blogger, die ich getroffen habe, sind ganz und gar nicht so. Sie arbeiten alle vollzeit und haben Familie.“

Diese Beschreibung passt auch auf Clive, 27. Er ist verheiratet und arbeitet von Montag bis Freitag als Autor für eine Geschichts- und Reisezeitschrift. Er ist klug – ein Eindruck, der durch sein Kettenrauchen selbstgedrehter Zigaretten gestärkt wird. Aber ein Bildschirm-Junkie ist er sicher nicht.

„Bloggen ist ein Hobby“ sagt er, und nimmt einen Schluck von seinem Ale. „Ich verbringe eine Stunde am Tag damit, manchmal nur eine halbe Stunde. Bei der Arbeit gibt es oft Leerlauf, weil unsere Zeitschrift nur alle zwei Monate erscheint. Ich nutze diese Zeit für meinen Blog, und mache den Rest zu Hause.“

Von der Schreibübung zum Erfolg

„Europhobia“ wurde ein Riesenerfolg. Täglich besuchen 500 Leser die Site, mehr als 500 Sites haben einen Link zu Matthews’ Blog gesetzt. Es wird oft von Zeitungen wie The Guardian zitiert. Das Newsweek-Magazine kommentierte, es sei „immer hervorragend“, the European Voice beschrieb es als „faszinierend und gut geschrieben“, und die BBC meinte es sei „großartig und ausgewogen“. Inzwischen hat die Site verschiedene Webawards gewonnen.

Daran hatte Matthews nicht im Traum gedacht, als er vor drei Jahren den Blog startete. „Eigentlich bin ich ins Bloggen gestolpert“ sagt er. Nach seinem Geschichtsstudium am University College in London drehte er einen Film bevor er freier Autor wurde. Er wollte sich unbedingt in der Welt des politischen Kommentars etablieren und war auf der Suche nach intellektueller Stimulanz. So hat er die Blogs entdeckt. Sie boten die Möglichkeit, beides zu kombinieren. „Vor allem wollte ich das Schreiben üben“, sagt Matthews.

„Als ich begann, gab es noch nicht so viel Politik-Blogs. Die meisten Blogs waren bloß alberne, halb-seriöse Sachen“ sagt er. Damals war er ein Europaskeptiker – was er heute unumwunden zugibt– und wurde dann zum Europafan. Er wollte mit ein paar der irreführenden Argumente der Europaskeptiker aufräumen. „Ich schrieb einfach ein paar Seiten zusammen. Als ich merkte, dass ein paar andere auf „Europhobia“ gelinkt hatten, dachte ich, ich mache mal weiter.“ Und das tat er dann auch. So wurde „Europhobia“ ins Leben gerufen.

Heute spricht der Blog alle möglichen Aspekte der Britisch-Europäischen Politik an, und oft geht er über diese hinaus. Wo nimmt er jeden Tag seine Inspiration her? „Das ist ganz einfach“, sagt er „Ärger und Irritation. Ich lese einen Artikel oder eine Schlagzeile, oder höre morgens Radio. Dann spüre ich das Bedürfnis, mich zu äußern und eine Hass-Tirade loszulassen! Und genau darum handelt es sich beim Bloggen – sich über Sachen auszulassen und gehört zu werden. Die Wut vereint alle Blogger.“

Nosemonkey für eine halbe Stunde

Wie viele Blogger pflegt Clive eine Online- und eine Offline-Identität – und versucht diese möglichst zu trennen. „Ich habe mir lange überlegt, ob ich meinen Namen drunter setze. Wenn Leute deinen Namen googlen, will man nicht unbedingt, dass sie alles finden, womit man in Verbindung steht. Erst recht nicht, wenn man so viel geflucht hat! Es ist eine schwierige und zwiespältige Sache.“

Ab und zu schwappt das Bloggen in sein Privatleben. „Hin und wieder bin ich besessen davon. Ich checke ständig meine E-Mails, schaue nach, was andere geschrieben haben. Das kann etwas nervig werden. Wenn ich ein paar Tage meine E-Mails nicht checke, fühle ich mich abgeschnitten“. Ab und zu gibt es Streit mit Freunden wegen dem Blog, oder, viel wichtiger, mit seinem europaskeptischen Vater.

Trotz des Erfolgs von „Europhobia“ bleibt Clive realistisch, was den Einfluss von Bloggern betrifft. „In Großbritannien haben Blogs auf jeden Fall einen Einfluss auf die Presse, aber ich glaube nicht, dass sie sehr viel politischen Einfluss ausüben. Es sei denn, sie werden von einem Journalisten entdeckt“ sagt er, und dreht sich schon wieder eine Zigarette.

„Ist noch Zeit für ein Glas?“ fragt er. Leider nein. Er muss zurück ins Büro. Aber wenn er diesen Nachmittag Zeit hat, könnte er wieder zu Nosemonkey werden – nur für eine halbe Stunde, versteht sich – und so der „Europhobia“-Leserschaft ein weiteres Blog-Juwel bieten. Vielleicht löst dieses Interview eine Hass-Tirade bei ihm aus...

Mit der Britisch-Europäischen Politik als selbst gewähltes Thema, wird Nosemonkey in nächster Zeit auf keinen Fall das „Futter“ ausgehen. Könnte er jemals mit dem Bloggen aufhören? „Ja, wahrscheinlich“ sagt er, und macht seine Zigarette aus. „Aber ich müsste auf jeden Fall eine Ersatzbeschäftigung finden.“