Auf der Suche nach der verlorenen (Erasmus)Zeit

Artikel veröffentlicht am 9. November 2007
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Artikel veröffentlicht am 9. November 2007

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Aurélie und Annalisa. Zwei parallele Laufbahnen, eine gemeinsame Botschaft: Das Hochschulaustauschprogramm ist mehr als nur eine Zeile im Lebenslauf.

"Ich war eine andere, aber niemand merkte es"

Aurélie Chaudieu (25) aus Frankreich, Verantwortliche für internationale Projekte in einer gemeinnützigen Organisation

Erasmus? Unbeschreiblich. 2004 habe ich an der Universität Roskilde in Dänemark Geografie studiert. Von dort aus schickte man mich nach Schweden, wo ich eine territoriale Erhebung über die ethnische Minderheit der Sami durchführen sollte. Während der Erasmus-Zeit wurden wir Teilnehmer zu einer richtigen Familie, so als wollten wir uns vor der Außenwelt schützen, vor einem Land, von dem man nicht sofort all seine Nuancen versteht. Ich habe Personen kennen gelernt, die ich in meinem Heimatland vielleicht einfach ignoriert hätte und die hier zu meinem Lebenselixier wurden.

Nach meiner Rückkehr wurde mir klar, dass ich mit Erasmus wie in einer Blase gelebt und mich von dem "Leben davor" völlig isoliert hatte. So als wenn du bei einem banalen Tischgespräch mit Freunden feststellst, dass alle wie immer sind und nur du dich verändert hast. Allerdings war ich die Einzige, die das merkte. Heute, nach drei Jahren, fühle ich, dass Europa Teil meines Alltags geworden ist. Zum einen beruflich, weil viele Projekte, an denen ich arbeite, von der Kommission finanziert werden. Zum anderen persönlich, dank der vielen Freunde auf dem ganzen Kontinent. Außerdem bin ich zu einer Schlussfolgerung gelangt: Erasmus ist der Beginn von etwas sehr Wichtigem: dem Aufbau eines authentischen Europas der Bürger, das über die Wirtschaftsgemeinschaft hinausgeht.

"Ich gehörte zu den Pionieren"

Annalisa Zinani (34) aus Italien sucht Arbeit als Finanzkontrolleurin

Ich habe 1995 in Marseille Wirtschaft studiert. Das waren damals gerade die Anfänge von Erasmus, eine richtige Herausforderung: das Stipendium zu ergattern, Kontakte mit der Universität zu knüpfen, der Kampf, den Dozenten zu erklären, worin das Projekt besteht, damit die Prüfungen anerkannt werden … und dann der Familie beizubringen, was man vorhatte. Es war ein "Überlebenstest", den ich mit einer Art "Wehrdienst zum Kennenlernen anderer Europäer" vergleiche. Zunächst einmal beginnt man, die Dinge anders zu sehen und wahrzunehmen, als man es gewohnt ist. Das bedeutet im Verlauf der Zeit, dass du mit deinen Wurzeln zwar weiterhin fest in der Grunderziehung verankert bleibst, aber um Toleranz und Neugier bereichert wirst.

Erasmus ist der Beginn eines Lebens und verursacht eine innere Aufregung, nach der man später immer wieder sucht. Man beginnt, sich mit dem eigenen inneren Kompass zu orientieren und sich endlich frei im Raum zu bewegen. Aber Vorsicht: Es könnte auch der Beginn einer neuen "Krankheit" sein, von der wir in den kommenden Jahren sicher öfter hören werden. Es kann nämlich passieren, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wie der innere Kompass funktioniert, auf der Suche nach einem Gleichgewicht, das man nicht findet, weil alle Bezugspunkte zu verschwimmen beginnen. Aber der Einsatz lohnt sich.

Foto Homepage: (ichaka/istockphoto)