Auf der Suche nach dem nächsten Kick

Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2006

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Das Liebesleben von Frankreichs Innenminister oder der nackte Rücken der Deutschen Kanzlerin: Boulevardblätter verheißen Intimität, und dabei verschwimmt die Grenze zwischen Promiklatsch und Politik.

„Freddie Starr hat meinen Hamster gegessen“ lautete die Schlagzeile der Zeitung The Sun vom 13. März 1986. Sie kündete von einem neuen Journalismus in Europa. Dieser wurde von Bildern dominiert, die exklusive Einblicke in das Privatleben der Idole gewährten. Diese Artikel, die weniger auf Informationen als auf Hochglanzphotos und eingängigen Überschriften beruhten wurden verkauft, als wären sie Handelsware.

Wir verkaufen uns selbst

Diese neue Art des Journalismus entwickelte sich zu einem ganz großen Geschäft. Alles wird aufgedeckt, nichts erscheint zu persönlich, allein die Bilder machen die Geschichte. Dieser Geschäftszweig ist so erfolgreich, dass jede Woche neue Magazine von Firmen auf den Markt gebracht werden oder die bereits bestehenden Formate aufs Fernsehen zugeschnitten werden. Wie zum Beispiel das englische Magazin Closer, das 2005 in Frankreich gestartet wurde und mittlerweile mit 420 000 wöchentlich verkauften Exemplaren auf dem vierten Platz im französischen Markt rangiert. Closer hat im Sommer 2005 einen Medienkrieg mit seinem Konkurrenten Voic ausgefochten, was zu noch mehr Skandalen und noch billigeren Preisen führte. Für diese beiden sind Bilder das große Geschäft, werden doch alleine in Frankreich jede Woche drei Millionen „Celebrity“-Magazine verkauft. Voici wird von Gruner & Jahr, Europas größtem Zeitungsverleger herausgegeben. Ihre Schwesterausgabe, die Illustrierte Gala, wird in Frankreich, Deutschland, Polen, Spanien und Russland verkauft.

In Deutschland gibt es einen riesigen Markt mit 37 wöchentlich herausgegebenen Frauenmagazinen, die eine Gesamtauflage von 12,4 Millionen Kopien erreichen.

Andere große Fische im Klatsch und Tratsch-Business sind Bildzeitungen wie beispielsweise The Sun, das meistverkaufte Blatt im Vereinigten Königreich, mit 3,3 Millionen verkauften Exemplaren täglich. Das wird nur noch von der deutschen Bild übertrumpft, die 3.6 Millionen Exemplare verkauft und damit das meistgekaufte Blatt in Europa ist.

Die Nachfrage erzeugen

Die auf Stars spezialisierte Presse ist beständig auf der Suche nach der nächsten Schlagzeile. Königliche Familien, Film und Musikstars sind die bevorzugten Ziele. Die Suche nach der nächsten Sensation wird von der der Presse ständig weiterbetrieben, um mehr Leser anzulocken und sie mit dem beständigen Aufstieg und Fall der Prominenten zu ködern.

Solche Geschichten müssen von Bildern begleitet werden. Eine Serie von Rechtsstreitigkeiten wurde in Europa ausgetragen, um zu ermitteln, ob die so genannten Paparazzi das Recht der Prominenten auf Privatsphäre verletzen oder nicht. Erst kürzlich entschieden französische Gerichte, den Paparazzi, die Prinzessin Diana in ihren tödlichen Autounfall gejagt hatten, eine symbolische Strafe von einem Euro aufzuerlegen. Doch es hat den Anschein, als wäre wenig getan worden, ihnen dies auszureden.

Diese Photos erzeugen erst die Nachfrage. Je enthüllender sie sind, desto mehr dürstet es den Leser nach einer noch größeren Sensation, etwas noch intimerem. Vor zwei Jahren reichte es noch aus, Prominente in Bikinis an einem Strand zu zeigen, heutzutage ist es alltäglich, halbnackte Prominente aufs Titelblatt zu bringen wenn man seine Zeitschrift verkaufen möchte. Kein Thema scheint zu billig, Tabus sind fehlanzeige. Durch diese Suche nach immer höheren Verkaufszahlen schaffen die Magazine in ihrer Leserschaft eine Nachfrage nach immer kitschigeren und billigeren Fotos.

Auch die Prominenten selbst haben ihren Teil zu dieser Entwicklung beigetragen. Um berühmt zu bleiben, müssen sie schließlich in den Schlagzeilen bleiben. Dieses Prinzip hat zu Phänomenen wie beispielsweise Paris Hilton geführt, die einfach nur prominent um ihrer Prominenz willen sind. Exhibitionismus ist heutzutage zum verkaufsfördernden Charakteristikum schlechthin geworden.

Möchten sie ein neues Buch herausgeben? Dann enthüllen sie einfach etwas Intimes im Fernsehen! Nur, dass diese Enthüllungen niemals intimer Natur sind. Sie sind manipuliert, damit Nachfrage für ein Produkt erzeugt wird. Es handelt sich um eine unechte Intimität. Diese bereitet dem Leser eine Art Genugtuung, da ihm echte Intimität abgeht. Um diese Nachfrage weiter voranzutreiben, müssen die Magazine die Stars, die sie mit ihrem Voyeurismus geschaffen haben, wieder zerstören und den Leser dabei zum Komplizen machen. Erst vor kurzem fanden englische Bildzeitungen großes Vergnügen daran, Kate Moss Kokain schnupfend in einem Londoner Nachtclub zu präsentieren. Selbst wenn einem in der Modebranche jedermann bestätigen wird, dass Kokain-Konsum nichts Neues ist. Es ist einzig und allein der Kontext des Photos, der die Neuigkeit schafft: Die Möglichkeit, seinen Puls hochzujagen, indem man einen Rausch aus falscher Moral und aufregendem Voyeurismus schafft.

Aus den Bildern lesen

Warum lassen sich die Leser bereitwillig ausnutzen? Laurence Debril vom französischen Nachrichtenmagazin L`Express hat eine Antwort. „Der typische Leser ist unter 30 und denkt sich beim Lesen nichts. Es ist eine Generation, die mit der Politik und ihren Institutionen nichts anfangen kann. Indem diese Leute diese Magazine lesen, glauben sie, das alles möglich ist.“

Skandale mit prominenter Beteiligung sind mindestens so interessant wie ernste politische Ereignisse. In England ist ein Mitglied des Parlaments vor kurzem in der Sendung Big Brother aufgetaucht und in Frankreich ergriff letzten Sommer die „Sarkozy Saga“ die Nation: Innenminister Sarkozy und seine Lebensgefährtin trennten sich. Doch wie der jüngste Merkel-Skandal zeigt, bei dem die Zeitung The Sun Photos des entblössten Kanzelrinnenrückens zeigt, ist die Grenze zwischen Prominentenskandal und politischem Ereignis nicht mehr zu erkennen. Die Erklärung von Arnaud de Puyfontaine, dem Geschäftsführer des französischen Verlages von Close, Emap, ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: „Wir werden für sie alles tun, woran sie noch nicht einmal zu denken wagen.“

Für eine Generation, die sich für Politik nicht interessiert und die völlig in eine auf Konsum gegründete Kultur integriert ist, sind Klatschblätter vielleicht der einzige Weg, eine funktionierende Öffentlichkeit herzustellen.