Auf der Mauer auf der Lauer: Kunst im Wachturm

Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2008

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Er ist nur ein kleiner Würfel - und doch trägt ein ganzes Stück deutscher Geschichte in sich.

Er ist so klein, dass man ihn leicht übersieht. Wenn man sich dem Schlesischen Park nähert und die großen Bäume ihren Schatten über Gehwege werfen, auf denen die Berliner gemächlich spazieren gehen, dann kann man sich nur schwer vorstellen, dass dies einmal ein Ort der Abgrenzung war, der Berlin mit der Mauer und den Todeszonen zweiteilte. Wenn dann der Turm plötzlich hinter den Büschen auftaucht, wirkt er noch weniger überzeugend: Er ist klein und grau, bis auf die farbigen Tags am unteren Ende. Noch weniger würde man denken, dass der Turm eine Kunstausstellung beherbergt. Doch seit dem Mauerfall vor knapp 20 Jahren finden hier künstlerische Aktivitäten statt.

Zerstörungswelle

Der 10 Meter hohe Turm, der zwischen 1976 und 1983 gebaut wurde, hatte die Zuständigkeit für die 18 anderen anliegenden Türme. Anfang der 1990er stand er kurz vor dem Abriss - wie die meisten Mauerdenkmäler. Die DDR-Regierung beauftragte die Grenztruppen, alle Grenzanlagen in Berlin abzubauen. Dies wurde von der breiten Öffentlichkeit unterstützt. "Es gab kaum Anstrengungen, sie als Zeitzeugen zu bewahren", wie PhD Hubert Staroste vom Berliner Denkmalschutz erklärt.

Das graue Monument überlebte die Zerstörungswelle dank des Vereins 'Museum der Verbotenen Kunst'. Die Soldaten des Turms übergaben ihn Kalle Winkler, einem Berliner Punk, Songwriter und Museumsgründer, nachdem die Mauer mit der Einstellung der Grenzkontrolle am 1. Juli 1990 überflüssig wurde. "Die Offiziere übergaben den Turm, um zu zeigen, dass sie bereit waren, den Frieden zu bewahren", erklärt Roland Prejawa, aktives Mitglied des Museums der Verbotenen Künste. Aber es war ein langer Kampf, da es verboten war, militärisches Eigentum an Privatpersonen zu übergeben. Außerdem gehört laut deutscher Gesetzgebung der Grundbesitz dem Landeigentümer - demzufolge fiel der Wachturm in die Hände des Staates.

Ossis und Wessis am Scheideweg

Mit der Wende wurde auch die politische und öffentliche Meinung vom Wandel geprägt. Die Leute begannen zu verstehen, dass diese grauen Monumente Bestandteil der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte sind. 1992 wurde der Wachturm am Schlesischen Busch unter Denkmalschutz gestellt. "Wir wollten die ehemalige Führungsstelle zu einem Treffpunkt für Ost- und Westberliner machen, weil es der erste Ort der Stadt war, der neben Orten wie dem Checkpoint Charly geöffnet wurde", erläutert Prejawa.

Das Museum der Verbotenen Kunst organisierte Ausstellungen und eröffnete ein Café im Turm. Es wurde in der DDR verbotene Kunst gezeigt und erklärt, wie die deutsch-deutsche Grenze funktionierte. Anfangs interessierten sich die Berliner leidenschaftlich füreinander, aber die Neugierde nahm mit der Zeit ab. Ende der 1990er interessierten sich fast nur noch Touristen für das Denkmal. Das Museum blieb bis 2004 geöffnet. Dann ging das Geld aus. Der Turm wurde an die Regierung zurückgegeben.

Fragen an die Vergangenheit

Ein neues Kapitel in der Geschichte des Turms begann mit dem Verein Kunstfabrik am Flutgraben e.V. Der Berliner Stadtverwaltung waren die Ideen ausgegangen, aber sie wollte die künstlerischen Aktivitäten fortsetzen. Eine Kunstfabrik schien bei allen gut anzukommen und der Verein konnte seine Ausstellungen ab 2004 eröffnen. "Die Idee war es, den Turm für die Öffentlichkeit weiterhin zugänglich zu machen. Das ist gar nicht so einfach, wenn der Turm in den Köpfen der Menschen als geschlossen gilt", so Svenja Moor, die Kunstkuratorin des Projekts.

©kunstfabrik.orgDie aktuelle Austellung 'Dorle' befasst sich mit einer Frau, die - nach ihrem Versuch aus der DDR zu flüchten - festgenommen und anschließend "eingeladen" wurde, für die Stasi zu arbeiten. Die Berliner Künstlerin Christine Berndt, die ursprünglich Zahnmedizin an der Charité studierte und nach dem Studium die Künstlerinnengruppe msk7 gründete, kannte Dorle persönlich. Ihre Ausstellung dreht sich um innere Konflikte. "Es ist schwierig, sich ein Urteil zu bilden, denn Dorle ist gleichzeitig unschuldig und schuldig", erklärt sie. Berndt sagt, die Form des Turms und dessen Enge vermitteln das Gefühl des inneren Gefängnis', in dem Dorle lebte. "Es war auch ein inneres Gefängnis für die Grenzsoldaten, die dort arbeiten mussten. Sie fragten sich: Was soll ich machen, wenn ein Freund von mir versucht zu flüchten? Muss ich ihn dann erschießen? In mancher Hinsicht steht der Wachturm für die DDR-Unterdrückung", fügt Berndt hinzu.

Besucher reagieren sehr unterschiedlich auf die Ausstellung. Manche mögen die Musik nicht, andere wundern sich über die Installation. Sie hätten etwas "Historisches" erwartet. Trotzdem sind sich alle einig, dass Kunstausstellungen eine gute Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart darstellen können. "Die Leute vergessen schnell“, meint Berry Hall, ein amerikanischer Tourist zu Besuch in Berlin.