Auf der Jagd nach dem Heiligen Gral, 1h von London

Artikel veröffentlicht am 18. September 2009
Artikel veröffentlicht am 18. September 2009
Dan Browns fünfter Roman The Lost Symbol, der seit dem 16. September auf Englisch erhältlich ist, hat bereits an den ersten Verkaufstagen alle Rekorde gebrochen. In Deutschland wird Das verlorene Symbol ab dem 14. Oktober in den Buchläden stehen. Unterdessen begeben wir uns auf die Suche nach dem Gral im englischen Hertford.

Hertford ist eine mittelalterliche Stadt voller origineller Gebäude aus dem 14. Jahrhundert, die den Anschein erwecken, unter dem Gewicht ihres Altertums in sich selbst zu versinken. Wenn Hertford in den Nachrichten erscheint, dann meistens wegen des Erfolges des einheimischen Kricket-Teams. Das alles änderte sich schlagartig 2004, als die dort ansässigen Brüder Acheson der Stadtzeitung berichteten, dass ein mit einer Sprengfalle versehenes Netzwerk verborgener Tunnel unterhalb der Stadt verliefe. Dieses würde für nicht weiter spezifizierte Rituale genutzt. Außerdem befänden sich dort kostbare Gegenstände.

Tim Acheson unterschrieb einen Brief an den Vatikan als „der Botschafter des Geistlichen Rates im Namen des Großmeisters der armen Kriegskameraden Jesus Christus’ und des großartigen salomonischen Templerordens“. In gewöhnlichem Englisch bedeutet dies, dass er den Templerorden repräsentiert. Wen? Die Ritter des Templerordens wurden lange Zeit verdächtigt, den Heiligen Gral irgendwo versteckt zu haben, nachdem sie ihn in Jerusalem während der Kreuzzüge gefunden hatten. Sie sollten ursprünglich am Freitag, den 13. Oktober 1307 vernichtet werden, als der Papst sie als Ketzer verurteilte und ihren Großmeister verbrennen ließ. Vier Templer wurden in der Burg Hertfort eingekerkert. Einige konnten anscheinend dennoch flüchten. Denn der Orden registrierte sich 2002 als offizielle NGO bei der UNO. 

Regionaler Klatsch und Tratsch

Die Suche nach dem Kelch, den Jesus beim letzten Abendmahl benutzte, war Jahrhunderte lang eine Art weltweite Schatzsuche. Warum sollte er gefunden werden? Vielleicht kann er Wasser in Wein verwandeln oder möglicherweise Kranke heilen?

Ein Mann aus Hertford sagte einmal ‘Ich bin ein Templer, ich weiß über die Tunnel Bescheid‘, aber seine Geschichte wurde schnell totgeschwiegen.

„Es gibt keine Beweise für all diese Gerüchte“, sagt die Empfangsdame der Touristeninformation Hertford. „Es heißt, dass es einen Tunnel unter diesem Laden gibt, aber ich kann ihnen versichern, dass dies nicht der Fall ist.“ Sie kann auch keine Sehenswürdigkeiten für Touristen empfehlen, die sich für die einheimische Geschichte und den Templerorden interessieren. „Nein.“ Ein Museum, die Burg vielleicht? “Sie können in der Bibliothek vorbeischauen, wenn sie sich für Geschichte interessieren.“ Unwissentlich schickt die ablehnende Empfangsdame mich an die richtige Stelle. Die einheimische Bibliothekarin kennt allen Tratsch. “Ein Mann aus Hertford sagte einmal ‘Ich bin ein Templer, ich weiß über die Tunnel Bescheid‘, aber seine Geschichte wurde schnell totgeschwiegen“, erzählt sie mir. „Es wird vermutet, dass die Tunnel unter dem Restaurant Lussmans beginnen, welches zum Besitz der Familie Acherson gehört. Es gab viel Gerede darüber.“

Es ist merkwürdig, dass die Touristeninformation so zurückhaltend erscheint, die Vorteile der Stadtgeschichte wahrzunehmen. Es wirkte zum Beispiel Wunder für die Rosslyn-Kirche, die durch das massive Touristeninteresse nach The Da Vinci Code (Sakrileg; 2006) vor der Schließung gerettet wurde. Die Bibliothekarin stimmt mir zu. „Es wurde versucht, Touristen nach Hertford zu locken. Ich gehe davon aus, dass sie einfach keine Menschen hier haben wollten, die die Straßen überfluten. Viele Filmteams kamen, Journalisten machten Interviews. Besonders japanische Filmteams. Aber der Stadtrat spielte die Angelegenheit geradezu herunter. In dieser Angelegenheit sollte Ruhe bewahrt werden.

Gralriten

©Naomi O'LearyThe Insider, eine Internetseite über die Verschwörungstheorie, beinhaltet Informationen über das bunte Glasfenster in der St. Andrews Kirche in Hertford. Darauf schauen sich Jesus und Maria Magdalena gegenseitig bedeutungsvoll an, ein Stock mit aufkeimenden neuen Blättern stellt die Ketzertheorie eines Nachkommen produzierenden Jesus dar und Johannes der Täufer hält seinerseits den Gral.

Interessanterweise ist die Domain The Insider auf keinen anderen als Tim Acheson registriert. Als ich in St. Andrews anrufe, trinken die Gemeindemitglieder gerade ihren morgendlichen Kaffee. Der Gemeindevorsteher ist erfreut, mir die Kirche zu zeigen. Er weißt auf den goldenen Kelch im Fenster hin. Im Griff des Kelches ist ein kleines Modell einer Kirche zu sehen. „Das ist die Kirche in Schottland, Rosslyn oder so so ähnlich - die aus The Da Vinci Code (Sakrileg).“

Beckwiths ist ein Antiquariat, welches im zweitältesten Gebäude in Herford liegt und angemessen schlaff aussieht, wie ein Biskuitkuchen, mit einem zu schweren Tortendeckel. Suspekte Gegenstände füllen das Innere des Geschäfts. Ein großes Porträt eines mittelalterlichen Ritters lehnt an der hinteren Wand und es gibt eine Auswahl an stattlichen Schwertern zu verkaufen. Im hinteren Teil des Geschäftes entdecke ich eine altertümliche spiralförmige Treppe, die nach unten führt: „Eintritt während des Gebets und der Lesung der Heiligen Schrift verboten.“ Wenn Gralriten irgendwo in Hertfort stattfinden, dann muss es hier sein.

©Naomi O'LearyDer Besitzer begeistert sich für die hiesige Geschichte und freut sich, zu plaudern. „Wir werden ein paar Kelche bekommen“, erzählt er mir. „Die wirklich alten Dinge verkaufen sich sehr schnell.“ Er widerspricht den Informationen aus dem Touristenbüro. „Es stimmt, dass es Tunnel gibt. Allerdings sind viele verstopft und wahrscheinlich gefährlich. Freunde von mir wohnten in der West Street. Sie haben ihr Haus jetzt verkauft, aber sie hatten einen Tunnel unter ihrem Haus.“ Unter der spiralförmigen Treppe gibt es einen Keller, der ausgegraben wurde: „Wir haben dort einen mittelalterlichen Kamin gefunden, der in der Wand versteckt war. Darin war ein Kinderschuh versteckt, vermutlich eine Art Glücksbringer zum Brot backen. Jedenfalls blieb er dort versteckt, bis wir ihn fanden.“ Man wird den Eindruck nicht los, dass jene, die in Hertford nach Mythen und Intrigen Ausschau halten, auch fündig werden.

Guide: Auch an diesen Orten brodelt die Gerüchteküche um den Heiligen Gral

Oak Island, Nova Scotia, Kanada

• Oak Island, Nova Scotia, Kanada - Henry St. Clair, angeblich ein schottischer Templer, soll nach Nova Scotia gereist sein, um dort den Gral in der sogenannten „Geldgrube“ zu verstecken. Die „Geldgrube“ ist eine anscheinend künstliche Vertiefung, die 1795 auf der damals unbewohnten Insel Oak Island entdeckt wurde. Spätere Ausgrabungen offenbarten eine Schieferplatte, auf der seltsame Zeichen eingeritzt gewesen sein sollen. Diese wurden für Hinweise auf den verborgenen Schatz gehalten. Heute ist die Platte verschwunden.

Rosslyn-Kapelle, Schottland

• Rosslyn-Kapelle, Schottland - von derselben St. Clair Familie erbaut. Die Kirche aus dem 15. Jahrhundert ist mit Steinmetzarbeiten geschmückt, die mit dem Templerorden in Verbindung gebracht werden. Es gibt zum Beispiel ein Bild von zwei Rittern auf einem Pferd, ein Symbol ihrer anfänglichen Macht. Es wird gesagt, dass der Grundriß der Kapelle den salomonischen Tempel in Jerusalem, wo sich der Templerorden während der Kreuzzüge aufhielt, widerspiegelt. The Da Vinci Code (Sakrileg) befaßt sich mit weiteren Besonderheiten.

Kathedrale von Valencia, Spanien

• Die Kathedrale von Valencia, Spanien - Historiker haben herausgefunden, dass der santo cáliz (Heilige Kelch), der sich in der Kathedrale von Valencia befindet, in Palästina oder Ägypten zwischen dem 4. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Jahrundert n. Chr. hergestellt wurde. Der Apostel Petrus soll ihn mit nach Rom gebracht haben und er wurde 1134 zum ersten Mal als Gefäß erwähnt, indem „Jesus Christus sein Blut segnete“.

Nanteos Mansion, Wales

• Nanteos Mansion, Wales - der Ort des Nanteos-Kelches. Ein Holzgefäß, das angeblich Heilkräfte besitzt. Im 18. Jahrhundert wurde Wasser, welches in ihm aufbewahrt wurde, weltweit als Medizin verkauft. Der Kelch wurde von Pilgern, einschließlich Thomas Wagner, Guy de Maupassant und Algernon Swinburne aufgesucht. Sein heutiger Standort wird streng geheim gehalten.