Auf der anderen Seite: Kroatische Frauen, die in Italien arbeiten

Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2012
Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2012
Als 1991 der Krieg in Kroatien begann, wandertern viele Kroaten ins Nachbarland Italien aus. Ältere Frauen und Rentnerinnen machen einen Teil der 1 Million Hausarbeits-Migrantinnen Italiens aus. Wie wird sich Kroatiens EU-Beitritt 2013 auf die wirtschaftliche und soziale Auswanderung von Kroatinnen auswirken, die noch immer jeden zweiten Monat nach Italien gehen, um zu arbeiten?
Ein Journalist der italienisch-sprechenden Minderheit in Istrien bringt folgendes in Erfahrung

Die meisten Migrantinnen in Italien sind zwischen 30 und 50 Jahre alt und kommen aus Osteuropa, Südamerika und Afrika; etwa 600.000 Menschen sind laut WIEGO als Hausangestellte registriert. 'Es war Krieg in Kroatien, so dachte ich mir, ich arbeite in einem italienischen Haus in Rom, pflege die alten Familienangehörigen und komme zurück, um meinen Ruhestand zu genießen’, sagt Miranda, 71 Jahre alt. "20 Jahre später bin ich immer noch hier. Die Krise in Kroatien ist noch schlimmer, deshalb muss ich meine Familie, die erwerbslosen Kinder und die Enkelkinder weiter unterstützen. Auch muss ich einige Schulden meines verstorbenen Mannes abbezahlen. Es nimmt kein Ende. Ich bete nur, dass ich gesund bleibe und durchhalte." Miranda arbeitet 24 Stunden, 7 Tage die Woche, und oft nachts. "Ich muss an der Bettseite eines alten Mannes bleiben und ihm Medizin, Wasser und was immer er braucht, geben. Ich habe nur 30 Minuten, um einen Spaziergang zu machen oder mir etwas zu kaufen", sagt sie.

Rollentausch

Städte wie Mailand, Neapel und Brescia in der Lombardei stehen zusammen mit Rom ganz oben auf der Liste bei der Regularisierung von Hilfskräften, wobei die meisten Anträge von Menschen aus der Ukraine, aus Marokko und aus Moldawien gestellt werden. Die Frauen dieser Staatsangehörigkeit erhalten durchschnittlich 25 Euro pro Tag. Dies macht es für Kroatinnen wie Miranda, welche 35-40 Euro am Tag verdienen, schwer, sich zu beschweren.

Da Italien derzeit eine Arbeitslosenquote von 11% vorweist (in Kroatien waren es im September 2012 15,2%), üben nun auch Italienerinnen diese Art Job aus. "Deshalb zahlen uns die Italiener auch die 40 Euro Reisekosten für nach Hause nicht mehr", sagt Miranda, die jeden zweiten Monat in Kroatien verbringt. 2009 wurden weniger als 300.000 Anträge auf Regularisierung von Hausangestellten gestellt, bei erwarteten 700.000. In einem Bericht über das ILO-Abkommen zu Hausangestellten von 2011, veröffentlicht im ITUC Action Guide, steht, dass ca. 1,2 Millionen Haushaltshilfen in Italien leben (verglichen mit 1,1 Millionen in Deutschland, 2002). Das Sicherheitsdekret (decreto sicurezza) kann Arbeitgeber der 'Begünstigung illegaler Immigration' überführen. Klara und Miranda, welche keine Aufenthaltserlaubnis haben, können verurteilt (Geldstrafen über 5-10 Tausend Euro) und ausgewiesen werden.

Fakten einer Fallstudie von Solidar: Unter dem Bossi-Fini-Gesetz zu Einwanderung und Asyl kann eine Nicht-EU-Haushaltshilfe oder Pflegekraft eingestellt werden, wenn sie regelmäßig in Italien war und eine Arbeitserlaubnis vorweist. In anderen Fällen legt das 'Dekret zu den Einwanderungsströmen' (Decreto flussi) eine Quote an ausländischen Arbeitskräften fest, welche in Italien jedes Jahr akzeptiert werden und eine Online-Arbeitsgenehmigung beantragen können. Die Aufenthaltserlaubnis muss innerhalb von acht Tagen nach Ankunft in Italien über eine unterzeichnete Aufenthaltsvereinbarung beantragt werden. Im Oktober wurde durch das auf einen Monat begrenzte Pilotprojekt Sanatoria (oder regolarizzazione) (Legalisierungskampagne) durch die italienische staatliche Regierung allen Nicht-EU-Staatsbürgern erlaubt, ohne eine Genehmigung in Italien zu leben; das Projekt war jedoch nicht erfolgreich.

Es liegt in der Ironie der Geschichte, dass viele Frauen ihre eigenen Familien für eine Weile verlassen müssen, um ihnen zu helfen, indem sie nach Italien zum Arbeiten gehen. Auch Klara arbeitet in Rom, um ihrer Familie zu helfen. Ihr Ehemann ist krank und ihre Tochter alleinerziehend. "Ich bessere mein geringes Monatsbudget auf, indem ich jeden zweiten Monat nach Italien gehe, vor allem, um meinem Enkelsohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen", sagt sie. "Bei einer Familie war es mir nicht erlaubt, Früchte, Süßigkeiten oder etwa Joghurt zu essen. Die Familie, bei der ich jetzt arbeite, ist besser, aber perfekt ist es bei weitem nicht."

Kroatische Botschafter in Rom

Miranda und Klara riskierten, dass ihre Ehen kaputt gehen; auch Kinder von Migrantinnen können schwierig werden. Dies führt dazu, dass Italiener immer noch Vorurteile gegen Frauen aus dem Balkan allgemein hegen, jedoch arbeiten diese nicht nur im Niedriglohnsektor. Kroatinnen, welche die Möglichkeit hatten, zu studieren oder eine andere Art von Job auszuüben, sind in Rom sehr erfolgreich. Überhaupt, eine Menge an Dingen hat sich seit 1991 verändert. Seit 2004 bietet der Verein Lipa in Rom Frauen wie Klara rechtliche und behördliche Unterstützung an. Luci Zuvela, die kroatische Präsidentin der Organisation, kam als Studentin nach Rom, ungefähr zur selben Zeit wie Miranda als Hausarbeits-Migrantin. Sie übersetzte den Kinder-Klassiker Das Igelhäuschen ('Jezeva kucica' von dem jugoslawischen Autor Branko Copic) ins Italienische ('La casetta del porcospino'). Das berühmte Märchen über einen Igel, der sein Zuhause liebt, da es für ihn Freiheit bedeutet und der deshalb darum kämpft, gehört zur Pflichtlektüre in kroatischen Grundschulen. "Wir wollten Erinnerungsbewahrer bleiben oder es mindestens werden", sagt Zuvela. "Dieses Märchen war und ist ein Indikator dafür, dass sogar die Kleinen die Großen bezwingen können - durch Arbeit, Glauben und Einsatz."

In der Nähe der Kirche Heiliger Hieronymus der Kroaten, wo sich das Päpstliche Kroatische Institut befindet, arbeitet die Professorin Zorka Verovic Sellan als Lehrerin für den Verein Italien-Kroatien. Sie kam vor acht Jahren nach Rom und ist mit einem Italiener verheiratet. Zwei ihrer heute zwölf Studierenden erzählen, warum sie angefangen haben, Kroatisch zu lernen. "Meine Mutter wurde in Kroatien geboren. Nun, seit sie verstorben ist, lerne ich Kroatisch", erklärt Sandra Colani. Ihre Freundin Alessandra Verresi, auch pensioniert, begleitet sie im Unterricht, beim Hausaufgabenmachen und beim Lernen über Kroatien. Beide besuchten kürzlich Zadar in Kroatien und mochten es sehr. "Wenn ich in die Heimatstadt meiner Mutter zurückgehe, möchte ich die Sprache können. Auch wenn es in meinem Alter nicht so einfach ist, versuche ich mein Bestes", sagt Colani, die Worte ihrer Studienkollegin Alessia Mesiano wiederholend, deren Mutter auch Kroatin war.

Bei Lipa besteht Konsens darüber, dass sich die Klischees und Vorurteile verändern. In Italien nennt man Frauen aus dem Balkan 'in gamba' - sie sind voller Energie und geben ihr Bestes, um voran zu kommen. Dadurch, dass Kroatinnen und Kroaten schon ab Sommer 2013 EU-Staatsbürger sein werden, wird nichts mehr so sein wie zuvor; die neue Welt beginnt mit dem Eintritt Kroatiens in die EU. Klara, die anmerkt, dass ihr monatliches Einkommen von 500 Euro heutzutage nicht wirklich viel ist, wird sicherlich eine veränderte Situation erleben. "Ich bin glücklich, ich hoffe, ich kann hier noch ein paar Jahre arbeiten, um meine niedrige Rente aus Kroatien über 300 Euro im Monat aufzustocken."

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Vielen Dank an das cafebabel.com Localteam in Rom.

Illustrationen: Teaserbild (cc)moleskincity/flickr/moleskine; Im Text: Luci Zuvela, Sandra Colani und Alessandra Verresi ©PA