Auf den Spuren der Schattenwirtschaft in Neapel

Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2014
Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2014

Willkommen in Napoli – dem Zuhause von Pizza, Camorra und Pompeii (oder so ähnlich). Mal ehrlich, Neapel hat schon einen ziemlich schlechten Bad-Ass-Ruf. Zeit zu lernen, wie echte Neapolitaner sich durchschlagen.

Neapel – unzählig sind die Adjektive, mit denen die süditalienische Metropole beschrieben wird: da wären zum Beispiel gefährlich, dreckig, laut oder arm. Diese Stichworte sind vielleicht für eine Stippvisite durch die Zickzack-Straßen der Quartieri Spagnoli, eines der ärmsten Stadtviertel der Stadt, zutreffend. Hier, wo die brummenden Vespas eine ständige Gefahr für unvorsichtige Fußgänger darstellen, die Fassaden vom vielen Lächeln müde sind, die Camorra im Schatten lauert, während die italienische Mamma den Nachwuchs in neapolitanischem Dialekt zurückpfeift - was natürlich so gut fuktioniert, wie einen Sack Flöhe zu hüten.

Es wäre eigentlich ziemlich leicht für eine Journalistin mit norditalienischen Wurzeln, über Neapel und den armen Süden abzulästern. Aber wenn man erst mal ein wenig an der Oberfläche kratzt, zeigt Neapel auch schnell seine elektrisierende Seite. Die Hauptstadt der Region Kampanien ist ein Zuhause für Kleinunternehmer, Menschen, die hart arbeiten und wissen, wie man durchkommt. Man kann die Geschäftigkeit in den Straßen von Neapel förmlich spüren. Hier ist jeder ständig busy, aktiv und scheinbar in irgendwelche Kauf- und Verkaufsaktionen verwickelt. Soviel schonmal zum 'faulen' Süden.

Sich durchschlagen in Neapel

In seinen 5000 Jahren Geschichte war Neapel immer für seine robuste Wirtschaft und als bekannter Handelsdrehpunkt bekannt. Die Überbleibsel seiner frühreren Größe sind bis heute über die ganze Stadt verstreut, so zum Beispiel die atemberaubende Piazza del Plebiscito. Doch die Geschicke der Stadt haben sich mit der Einigung Italiens merklich geändert - von diesem Moment an ging es stetig bergab. Diese lange Krise hat eine auf Bargeld basierende Schattenwirtschaft beflügelt, die nicht selten die Grenze zwischen Legalität und Kriminalität verwischt.

Während andere europäische Länder aus der Kreditkartenzahlung längst ein gängiges Modell gemacht haben, lautet das Credo in Neapel weiterhin - nur Bares ist Wahres! Für eine der berühmten Pizzen der Antica Pizzeria da Michele mit Karte zahlen - könnt ihr euch aus dem Kopf schlagen! Chiara* hat vor kurzem selbst eine Bäckerei eröffnet, aber auch hier kann man nicht bargeldlos zahlen. Gern gibt sie Auskunft zur Schattenwirtschaft in Neapel, zum eigenen Business jedoch weniger - no comment.

„Die Schattenwirtschaft ist ein gängiges Phänomen unter all denjenigen, die keinen festen Job gefunden haben. Das sind vor allem Einwanderer oder Menschen, die den Gürtel am Monatsende eng schnallen müssen“, sagt Chiara. „Diese Art von Business hat auch Vorteile, zum Beispiel niedrigere Preise, aber auch viele Nachteile wie die Unsicherheit, die eine solche Schattenwirtschaft mit sich bringt.“

„Gerade für junge Leute ist es normal geworden, in einem Restaurant zu arbeiten, um Geld zu verdienen und für ihr Studium zu bezahlen. Und fast all diese Jobs werden bar auf die Hand bezahlt und laufen ohne Verträge“, erklärt Mario, ein Student, der schwarz in einem Restaurant arbeitet. „Das ist weitverbreitet und gehört schon fast zur Normalität. Kann man das wirklich noch als regelwidrig oder illegal bezeichnen?“

„Die Barzahlung hat auch viel mit den aktuellen Problemen in Italien zu tun. In dieser Grauzone treffen Legalität und Kriminalität aufeinander und können nicht mehr auseinandergehalten werden“, erklärt Professor Nicholas DeMaria Harney, Experte für Wirtschaftskultur der University of Western Australia. „Viele der Regeln sind gut gemeint, aber haben in einer viel zu komplexen Arbeitswelt gegipfelt, die es heute so kompliziert machen, jemanden einzustellen. Es ist schon fast zu einer Strategie für Kleinunternehmer geworden, diese Hürde nicht mehr zu nehmen. Große Teile der Schattenwirtschaft basieren also auf dem einfachen Kalkül, die Steuer umgehen zu wollen.“

Auch Migranten sind oft Schwarzarbeiter. Henry, der aus Nigeria stammt, kam vor sechs Jahren in Lampedusa, in einem dieser wackeligen Holzboote über das Mittelmeer an. Heute überlebt er dank der Schattenwirtschaft, er hilft zum Beispiel Kunden beim Tragen ihrer Einkäufe. Henry verdient rund 20 Euro, die er als Trinkgeld für seinen Service erhält, was zum Leben natürlich nicht reicht.

„Als ich nach Italien kam, habe ich von einem besseren Leben geträumt, von einem Job. Doch hier werde ich wie ein Underdog behandelt“, sagt er. „Es gibt keine Gelegenheiten für mich, nicht mal für die Italiener selbst. Ich habe Papiere, aber kann leider keinen Job finden, um ein korrektes Gehalt zu verdienen. Könnte ich nach Deutschland, würde ich dort schöne italienische Kleidung verkaufen und Steuern in Italien zahlen. Dann könnte ich auch eine richtige Wohnung mieten und mich um meine Familie kümmern. Aber bisher habe ich nur diesen Mini-Job, der nicht einmal ausreicht, um meine eigenen Bedürfnisse zu decken.“

Schattenseiten

Das Ausmaß der Schattenwirtschaft hat aufgrund der Steuereinbußen des Staates einen zerstörerischen Effekt. 2013 belief sich Italiens Bruttoinlandprodukt auf 1,57 Milliarden, das ist das viertgrößte BIP europaweit. Italien hat mit 333 Millionen Euro, 21% des nationalen BIP, eine der umfassendsten Schattenwirtschaften in Westeuropa. Nur Griechenland liegt mir 23,6% noch darüber. Forscher fanden außerdem eine direkte Verbindung zwischen bargeldloser Zahlung und dem Umfang der Schattenwirtschaft: in Ländern, in denen viel bargeldlos bezahlt wird, existieren weniger kriminelle Machenschaften in puncto Steuerhinterziehung.

In bestimmten Branchen ist der bargeldlose Finanzverkehr besonders verbreitet, ob zur Steuerhinterziehung oder Geldwäsche. Einer Studie von Visa Europe zufolge seien bestimmte Sektoren aufgrund kultureller Praktiken und kleinerer Bargeld-Transaktionen anfälliger.

Und wo ist die Regierung?

Mitten in der Stadt könnte einem eher ein Fantom aus Pompeii als ein Regierungsvertreter über den Weg laufen. Ausgedehnte Märkte füllen hier in Neapel ganze Straßenzüge, auch Straßenverkäufer von falschen Gucci und Prada-Accessoires dürfen natürlich nicht fehlen, während gleich daneben rauchend Schmiere gestanden wird. Die meisten dieser Straßenverkäufer arbeiten illegal. Aber keine Polizei weit und breit.

„Die Präsenz unserer staatlichen Verteter in Neapel ist so gering, dass die Menschen einfach andere Überlebensstrategien ausgeheckt haben. Sie vertrauen dem Staat nicht, die eigenen Gesetze zu befolgen und die Dinge anzupacken“, erklärt Nicholas. „Neapolitaner sprechen aber nicht so gern darüber, denn sie sind von dieser Situation ziemlich genervt.“

„Der Staat spart uns mit seinen Steuern kaputt und bietet null Sicherheit für die Zukunft“, sagt Chiara. „Ich denke, aus dieser Situation kann nur eine autoritärere Regierung oder eine ziemlich heftige Revolution führen.“

Die Guardia di Finanza, die angesehenste Polizeieinheit Italiens, macht vielen Einwohnern aufgrund ihrer unkontrollierbaren Überwachungstaktiken der Schattenwirtschaft Neapels Angst. Sie ist beispielsweise für die Bekämpfung von finanziellen Delikten und Schmuggel verantwortlich - und gleichzeitig wird oft gemunkelt, die Guardia selbst sei von Korruption durchzogen. Doch in der Regionalvertretung von Kampanien war niemand zu Gesprächen bereit. Einige Verteter legten Hintergrundinformationen zu ihrer Arbeit vor und teilten ihre Leidenschaft für moderne Kunst. Basta.

Die Kunst des Arrangierens

Auf den neapolitanischen Kopfsteinpflastern fühlt man sich selten allein. Irgendwie scheint immer irgendwer zugegen, der einem nachschaut. In Nepal existiert ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Menschen haben gegenseitig ein Auge auf sich. Oder auf die Polizei, wenn sie zur Camorra gehören. Seine sozialen Kontakte zu pflegen gehört hier zum Überleben - Neapolitaner sind Meister im arriangiarsi. Im Deutschen würde man das wohl mit 'sich durchschlagen, sich zu helfen wissen' übersetzen. Während Rom versucht, Italien endlich aus dem Krisensumpf zu ziehen, wird Neapel sich weiter durchschlagen, mit oder ohne Hilfe aus der Hauptstadt.

*Name von der Redaktion geändert

Danke an das cafébabel Napoli-Team.

Dieser Artikel ist Teil des cafébabel-Projekts EU in Motion, mit Unterstützung des Europäischen Parlaments und der Fondation Hippocrène.