Auf den Fersen von Premier Hashim Thaçi in Priština

Artikel veröffentlicht am 30. März 2011
Artikel veröffentlicht am 30. März 2011
Der Premierminister des Kosovo geht dann und wann als seriöser Politiker durch, andererseits wird er als ehemaliger Guerilla-Führer und Mafiaboss bezeichnet: Hashim Thaçi projiziert viele Bilder, die an offene Wunden des Balkans erinnern.
Deshalb sind wir den Spuren des 42-Jährigen 4 Tage lang im Kosovo gefolgt: Von der Provinz, in der Thaçi geboren wurde, über die 'serbische Vorhölle' - die Enklave Mitrovica - bis zu einem Treffen im Grand Hotel von Priština.

Gerade erst in Priština angekommen, höre ich von einem Cocktail-Empfang für Politiker - im Grand Hotel der Stadt soll die Party steigen. Ich betrete die Empfangshalle ohne Sicherheitskontrolle und befinde mich plötzlich in einer dunklen Masse von Anzugtypen mit Fliegen und klirrenden Champagnergläsern. Einer von ihnen flaniert besonders auffällig durch den Raum: Es handelt sich um Hashim Thaci, den ehemaligen Anführer der paramilitärischen Befreiungsarmee des Kosovo UÇK, aktuellen Premierminister des Kosovo und - laut eines kürzlich veröffentlichten Berichts des Europarats - auch ein Großkrimineller, dem Heroin-Schmuggel und Organhandel vorgeworfen werden. „Jetzt oder nie“, rempelt mich mein argentinischer Kollege und Fotograf an - und so bewege ich mich auf die Gruppe Männer zu, die Thaçi gerade die Hand schütteln. Als er sich in meine Richtung umdreht, mustert er zunächst meine Hand, dann meine Turnschuhe, Jeans und Kapuzenpulli - bis wir uns endlich Auge in Auge gegenüber stehen. Mein Gesicht sagt: Latino, Dreitagebart und Stress, der sich auf grund der Situation nun bemerkbar macht. Thaçi zieht die Augenbrauen leicht nach oben und sieht mich in einer Art und Weise an, als wolle er sagen: ‘Wer zur Hölle bist Du eigentlich?“

„Fragen? Jetzt?”, erwidert er überrascht. “Nein, nein…”. Er dreht sich diskret zu einer in rot gekleideten Dame, senkt die Augen und zieht die Brauen an, um dann in einem kaum hörbaren aber trotzdem gekonnt platzierten Geräusch ihre Aufmerksamkeit zu erlangen - die typische Geste von jemandem, der gern beobachtet wird. Sein Gesicht spricht Bände über das Verhalten des Premiers: Da wären zunächst seine wie eingedrückt wirkenden Augen (sprich: er ist kein guter Zuhörer), eine enge Stirn (er hat zwar Ideen, aber sehr engstirnige), ein eckiges, aber nicht besonders hervorstehendes Kinn (starkes Temperament, dass sich aber den Umständen gut anpassen kann).

Priština

Wir sind in einem Land (oder einer sezessionistischen Region, je nachdem welche Person man gerade befragt), in dem jeder jeden kennt und wo man einige Worte mit dem Premierminister wechseln kann, obwohl man gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen ist. Grundsätzlich hat jeder Kosovar (insgesamt gibt es 2 Millionen, davon 90% Albaner, 7% Serben und 3% andere Ethnien) eine Meinung zu Hashim Thaçi. Fragt man die Leute vor Ort nach ihrem Standpunkt, offenbart sich ihre politische Zugehörigkeit im Handumdrehen.

Priština, am 17. Februar. Tausende Kosovo-Albaner feiern den dritten Jahrestag der Unabhängigkeit des Kosovo. Es werden kleine Kosovo-, aber auch Albanien- und USA-Flaggen geschwenkt. „Er hat Dich schräg angesehen? Das ist nicht weiter verwunderlich bei Thaçi“, sagt mir Sokol. „Ich habe im gleichen Gebäude wie er gearbeitet, er ist ein ziemlich unkommunikativer Typ.“ Sokol ist 30 Jahre alt. Seine Meinung steht stellvertretend für die Jugend im Kosovo, die dynamisch aber aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit ohne Zukunftsperspektiven ist.

In instabilen Ländern können Machenschaften im Untergrund und ein paar Jahre Gefängnis echte politische Vorteile sein. Hinter Gittern wird ein Politiker zum Märtyrer, zum Symbol des einsamen, weggeschlossenen Denkers. Thaçi war nur im Untergrund aktiv (sein Code-Name war « Die Schlange »), doch die Euphorie um die Schlange ist längst Vergangenheit. „Während des Krieges wurde er von allen angehimmelt, er war ein Modell, der politische Anführer der Guerilla“, erklärt Sokol. „Heute herrscht die Korruption. Siehst Du das Gebäude dort zum Beispiel?“, fragt er und deutet auf eine Baustelle. „Das wird von der Firma des neuen Präsidenten (Behgiet Pacolli; A.d.R.) gebaut.“

Es ist ein Uhr nachts. Der 27-jährige Drini sitzt im typischen Balkan-Style am Tisch: breitbeinig, die eine Hand auf ein Knie gestützt, die Brust weit über den Tisch gebeugt und den Ellenbogen auf der Tischplatte. „Thaçis Ding ist die Politik. Der hat sein ganzes Leben noch keine Waffe in der Hand gehalten.“ Drini würde gern sehen, dass die ehemaligen Führer der UÇK, die immer noch auf ihren Posten sitzen und korrupt sind, Platz für die neue Generation machen. „Eigentlich hat Thaçi überhaupt keine Macht. Er kann sich nur auf seinem Posten halten, weil eine Reihe Clans Einfluss üben. Und am Ende der Kette macht er das, was ihm die USA diktieren.“

Trotz der offensichtlichen Politikverdrossenheit, glaubt jedoch keiner der Kosovo-Albaner, die ich befrage, an den Europarat-Bericht, der Thaçi damit belastet, die Guerilla mit seinen kriminellen Machenschaften finanziert zu haben. Und zwar aus folgenden Gründen:

- 1) « Es gibt keine Beweise » (ein Teil der Informationen stamme nicht aus einer direkten Quelle, sondern aus zweiter Hand, wie es auch die britischen und deutschen Geheimdienste bestätigen)

- 2) « [Der Schweizer Europaabgeordnete] Dick Marty und Carla Del Ponte [Schweizer Juristin, Chefanklägerin in Den Haag für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien und Autorin des Buches «Die Jagd - Ich und die Kriegsverbrecher»] sind pro-serbisch » (außer dass Carla Del Ponte Milosevic einsperren ließ)

- 3) « Jeder Idiot weiß doch, dass die UÇK nicht über die Infrastruktur verfügt, um Organe zu schmuggeln“ (Organhandel ist aber auch in deutlich unterentwickelteren Ländern wie Pakistan, Moldawien und Mosambik sehr verbreitet)

Kalaschnikows und öffentlicher Zorn

Im Verlauf der 1990er Jahre hat der serbische Präsident, Slobodan Milosevic, eine anti-albanische Apartheid heraufbeschworen und somit ein Klima des Terrors geschaffen, das enorme Flüchtlingswellen hervorrief. Die Unabhängigkeitsguerilla UÇK hatte Operationen, die auf albanischer Seite als « Resistance » und auf serbischer als « Terrorismus » aufgefasst wurden, gestartet, welche zu dem Krieg führten, der allen noch allzu deutlich im Gedächtnis ist. Die NATO musste eingreifen, um die ethnischen Säuberungen zu beenden (so der albanische Standpunkt) und um eine pro-amerikanische Enklave einzurichten (so der serbische), indem Bomben auf Serbien abgefeuert wurden. Viele radikale Albaner haben sich in diesem Rahmen auch an den im Kosovo verbliebenen Serben gerächt, indem sie sie verfolgten. Das Resultat? Totale Verwirrung und äußerst sensible Standpunkte.

2008 hat die EULEX (EU-Mission) die UNO als Rechtsstaatlichkeitsmission im Kosovo ersetzt

« Thaçis Männer haben uns aus unserem Dorf vertrieben, mich und weitere 15000 Menschen. Sie haben unser Haus angezündet und uns zusammengeschlagen!“, erinnert sich Dragan Petrovic, serbo-kosovarischer Arzt, der im Norden von Mitrovica wohnt. „Seitdem bin ich das, was die UNO einen inneren Flüchtling nennt.“ Mitrovica Nord ist eine Enklave, die die Autorität von Priština nicht anerkennt: Die Bewohner zahlen hier keine aus der Hauptstadt eingeforderten Steuern und die Stadt wird fast ausschließlich von der serbischen Regierung finanziert (Bildung, Gesundheitswesen, Energieversorgung). „Der Bericht zum Organhandel hat die Wahrheit ans Licht gebracht! Von Mensch zu Mensch und außerhalb aller politischen und sozialen Debatten ist Hashim Thaçi ganz einfach ein brutaler Verbrecher.“ Auch andere, ähnliche Geschichten machen die Runde. Man spricht von Geheimpolizei, von verschwundenen Personen und Morddrohungen, die jeder riskiert, der Thaçis Männer provoziert.

Hochburg der Thaçi

Die Probleme der letzten Wahlen im Kosovo haben sich nur um einen einzigen Ort gedreht: Drenica, die Provinz, in welcher der Krieg die verheerendsten Spuren hinterlassen hat. Es ist aber auch die anti-serbischste unter den Provinzen und außerdem die ärmste Region in Europa. Hier ist Hashim Thaçi geboren. « Der Kosovo braucht Männer wie ihn », erklärt Xhevat, ein Touristenguide, der durch ehemalige Guerilla-Verstecke führt. „Viele Leute werfen ihm vor, dass er nur in Drenica investiert, aber das stimmt nicht. Thaçi hat für den ganzen Kosovo viel getan. » Die Europäische Kommission prangert jedoch Wahlfälschungen in Drenica an. Und hat die Stadt zudem zu Neuwahlen aufgefordert. Man sagt, dass hier sogar die Toten für Thaçi gestimmt hätten.

Er versichert : die Thaçis waren immer beliebt in der Region

Eine Stunde später stehen wir vor dem Landhaus von Thaçi: ein simpler Wohnort ohne Protzereien. Sein Neffe möchte keine Auskunft geben, schlägt uns jedoch höflich vor mit einem Nachbarn zu diskutieren, der den aktuellen Premierminister seit seiner Kindheit kennt. „Er war immer ein ernster und verantwortungsbewusster Junge… auch wenn er nicht immer auf die Anderen hörte - als würde allein seine Meinung zählen“, erinnert sich Ramadan Zeka. „Er war schon als Student Patriot. Im Anschluss haben wir alle davon gehört, dass er in irgendetwas verwickelt war, aber wir wussten nicht, dass es sich um die Guerilla handelte.“ Eine Gruppe Jugendlicher, die gerade Dünger auf dem Boden verteilen, halten plötzlich inne und schauen uns an, als seien wir Außerirdische. „Er kommt immer noch hierher zurück. Er ist der selbe geblieben. Weder sein Vater noch er schauen von oben auf uns herab. »

Wer ist also Hashim Thaçi? Ein blutrünstiger Rauschgifthändler und Handlanger der USA? Ein mutiger Politiker? Oder die simple Inkarnation eines Ortes, der von Verbrechen und Gewalt durchdrungen ist? Wir sagen dem Neffen, der uns bis zu einer Moschee mit zahlreichen Einschusslöchern begleitet, an dieser Stelle auf Wiedersehen. „Sobald der Artikel veröffentlicht wird, schicke ich eine E-Mail; du kannst ihn dann Deinem Onkel zeigen, ok? „Ja, ja, ich werde gleich heute noch mit ihm sprechen.“ „Danke… und richte bitte unsere Grüße aus!“

[Vielen Dank an Dafina Morina.]

Dieser Artikel ist Teil unseres Balkan-Reportageprojekts 2010-2011 Orient Express Reporter!

Fotos: ©Ezequiel Scagnetti