"Auf den Dächern" zur Rolle des Ungehorsams 

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2014

Der neulich auf dem Festival der Freiheiten vorgeführte Dokumentarfilm von Nicolas Drolc, "Auf den Dächern", erzählt was die Häftlinge verschiedener französischer Gefängnisse in den 1970er Jahren dazu verleitet hat, sich gegen die damaligen Strafvollzugsbedingungen aufzulehnen.

"Gehorsam oder Ungehorsam", das ist die nicht minder subversive Leitfrage des diesjährigen Festivals der Freiheiten. Konferenzen, Film-Aufführungen und Konzerte finden statt und animieren zur Diskussion. Passend zum Thema hinterfragt auch Nicolas Drolc die Rolle des Ungehorsams in seinem Dokumentarfilm "Über den Dächern". Anhand von Zeugenaussagen zeichnet er die Geschichte einer Serie von Revolten nach, die in mehreren französischen Gefängnisse in den Jahren 1971 und 1972 stattfgefunden haben. Häftlinge, Wärter und damalige Intellektuelle erzählen von den Ereignissen, die die Häftlinge dazu geführt haben aufzubegehren. Um ihrer Wut öffentlichen Ausdruck zu geben, stiegen die Aufständischen des Gefängnisses Charles III in Nancy sogar hoch "auf die Dächer" des Gebäudes.

"Ich bin nicht kriminell, ich verteidige nur meine Rechte"

Der Dokumentarfilm erstellt ein fürchterliches Porträt über die damals herrschenden Haftbedingungen in französischen Gefängnissen. Die Brutalität, die Demütigungen und die Entbehrungen, die von den Häftlingen erfahren wurden, werden nacherzählt, um den Ausbruch der Revolten besser nachvollziehen zu können. Obwohl diese Erzählung als Hintergrund dient, stellt der Dokumentarfilm aber auch zeitlose Fragen. So hinterfragt er zum Beispiel den Status von Häftlingen und fragt welche Rechte diejenigen noch haben, denen man die Feiheit entzogen hat. 

Automatisch stellt sich noch eine Reihe anderer Fragen. Werden die Menschenrechte im Gefängnis immer geachtet? Wenn dem nicht so ist, wie kann man sie verteidigen? Soll und darf man aufbegehren? "Auf den Dächern" zeichnet ein Bild vom Durchschnittsbürger nach, als jemand, der sich geringfügig für solche Fragestellungen interessiert oder ihnen sogar feindselig gegenüber steht. Auf Archivbildern erklärte damals ein Fußgänger, dass er beim Anblick der Häftlinge auf den Gefängnisdächern, am liebsten "ein Maschinengewehr in die Hand nehmen und in den Haufen schießen würde".  Äußerst extreme Äußerungen, die mit der Einfachheit der Forderungen der Häftlingen stark kontrastieren.

Ungehorsam: illegal aber legitim

Anhand dieses konkreten Falls stellt Nicolas Drolc Fragen über die Rolle des Ungehorsams und was er bringen kann. Der Unterschied zwischen Legitimität und Legalität wird erklärt und untermauert das Anliegen. Kurz gesagt lautet die Idee dahinter, dass etwas illegal aber durchaus legitim sein kann.  Eben in diesem Fall ist Ungehorsam eine gute Sache. Der Anwalt der sechs vermeintlichen Rädelsführer von Nancy, Henri Leclerc, unterstreicht, dass Ungehorsam außerdem eine fortschrittliche-progressive Politik nähren kann. "Infolge dieser Aufstände wurden die ersten Gefängnis-Reformen eingeleitet", bestätigt er.

Sein Optimismus wird jedoch nicht von allen Rednern im Dokumentarfilm geteilt. Manche stellen die erzielten Reformen in Frage, während andere, völlig desillusioniert, der Auffassung sind, dass Ungehorsam nichts bringt. Doch, ganz gleich ob das Glas nun halb leer oder halb voll ist, Nicolas Drolc selbst nimmt keine Stellung und lässt dem Zuschauer die volle Freiheit, sich selbst ein Urteil zu bilden.