Auf dem Weg zu einem europäischen Islam?

Artikel veröffentlicht am 1. November 2005
Artikel veröffentlicht am 1. November 2005

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Die utopische Vorstellung von einem Schmelztiegel der Kulturen in Europa steht in krassem Gegensatz zur steigenden Anzahl von islamfeindlichen Vorfällen in Europa.

Die Warschauer Erklärung, die am 17. Mai dieses Jahres vom Europarat angenommen wurde, bezeichnet den Kampf gegen die Islamophobie ausdrücklich als eines der Hauptziele der Europäer. Es ist das erste Mal, dass sich die Staatschefs einer derartigen Terminologie bedienten. Nur einige Monate nach der Ermordung des niederländischen, islamkritischen Regisseurs Theo van Gogh sowie den Attentaten des 11. März 2004 in Spanien, wird den Europäern bewusst, dass die Übergriffe auf die muslimische Bevölkerung nicht als isolierte und sporadische Vorfälle abzutun sind. Vielmehr spiegeln sie Spannungen wider, die seit längerem in vielen europäischen Ländern schwelen und sich immer deutlicher bemerkbar machen.

Für Mohammed, einen seit über 20 Jahren in Sevilla ansässigen Moslem, war der Wendepunkt der 11. September 2001. Obwohl er betont, dass ihm in seinem engeren Bekanntenkreis keine „veränderte Behandlung“ zuteil wird, fühlt er sich im Allgemeinen „mehr beobachtet“. Wie er, bedauern viele Anhänger des Islam und zahlreiche muslimische Interessenvertretungen, die gefährliche Simplifizierung der Debatte, die den Islam mit fundamentalistischen Ideologien und Terrorismus gleichsetzt; oder aber mit der illegalen Einwanderung, verbunden mit der Marginalisierung und der Kriminalität. Was sich manchmal als Diskriminierung von muslimischen Immigranten darstellt, ist oftmals das Produkt der Angst vor der Verbreitung einer sich schnell vermehrenden, kulturell sehr andersartigen Bevölkerung. Folglich läuft der Islam Gefahr, eher ethnischen – statt rein religiösen – Vorurteilen zum Opfer zu fallen.

Ästhetik statt Ethik

Dem Begriffspaar Islam-Immigration muss ein drittes Element hinzugefügt werden: das der Sichtbarkeit. Vieles von der Polemik um die Praktizierung des Islam in Europa ist eher dem ästhetisch-symbolischen Aspekt zuzuschreiben, der die Doktrin begleitet, statt der Doktrin als solcher. In Frankreich wurde den Mädchen sogar verboten, in öffentlichen Schulen das islamische Kopftuch zu tragen.

In Spanien, wo 1992 eines der fortschrittlichsten Gesetze zur Sicherung der Religionsfreiheit im Allgemeinen und des Islam im Besonderen erlassen wurde, musste die Errichtung von Moscheen gegen die Ablehnung einiger Nachbarn erkämpft werden, während das gleiche Thema momentan in Italien für hitzige Debatten sorgt. In manchen Regionen Spaniens, wie zum Beispiel in Andalusien – einem Einfallstor für die marokkanische Immigration in Europa – zählt jedoch Islamkunde zu den Schulfächern. Eine Frage, die in Deutschland bisher ergebnislos diskutiert wird.

Pfeiler der europäischen Konstruktion

Bisher existieren zwei europäische Integrationsmodelle bezüglich der muslimischen Bevölkerung, die beide eine Krise zu durchlaufen scheinen. Die nördlichen Länder bevorzugten bisher einen multikulturalistischen, integrierenden Ansatz, der nach den Attentaten von London und ethnischen Unruhen wie in Bradford zunehmend hinterfragt wird. Der säkulare und assimilierende französische Ansatz ignoriert jedoch die Wichtigkeit religiöser Identität. Im Zentrum der Debatte steht der traditionelle Laizismus Europas. Einige politische Parteien propagierten während der Ausarbeitungsphase des Europäischen Verfassungstextes sogar die Anerkennung des christlichen Humanismus als einem der Grundpfeiler der europäischen Konstruktion, die jedoch nicht nur das Element der Multikulturalität, sondern auch das der Multireligiosität nicht leugnen kann.

Man könnte mithin von einer „Europäisierung des Islam“ sprechen, oder wie die franzöische Zeitung „Le Monde“ am 15. Februar 2005 schrieb, von einem „europäischen Islam“. Diese Idee basiert auf einer Neudefinierung der Rolle des Islam im Europa des 21. Jahrhunderts, welches das kulturelle Vermächtnis des Islam nicht abstreiten kann. Vielleicht führt der Weg über eine Annäherung von beiden Seiten, durch die ein Gleichgewicht zwischen der islamischen Ideologie einerseits und dem westlichen Menschenrechtsverständnis andererseits geschaffen werden könnte. Ein aktuelles Beispiel aus Deutschland ist der Fall der 23jährigen, alleinerziehenden Mutter Hatun Sürücü, die von ihren drei Brüdern ermordet wurde, weil sie nicht den traditionellen Konzepten ihrer Religion folgte.

Sowohl Deutschland als auch Frankreich betrachten eine mögliche Ausdehnung der EU-Grenzen in die Richtung der Türkei mit Skepsis. Die designierte deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat ihre Bedenken gegenüber einer türkischen Vollmitgliedschaft offen geäußert, während die spanische Regierung der Generalversammlung der Vereinten Nationen einen Vorschlag zu einer „Allianz der Zivilisationen“ unterbreitete, die das Ziel hat, die Beziehungen zwischen Orient und Okzident zu stärken.

Zum Artikel trugen bei: Andrea Fialková (Tschechische Republik), Rahel Weingärtner (Deutschland), Letizia Gambini (Italien), Judit Jaràdi (Ungarn), Christophe Schramm (USA)