Atomenergie, Stolz der Slowenen?

Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2011
Wenn man in Krško (Gurkfeld) die kleinen, mit Apfelbäumen versehenen Gärten durchquert, hat man beinahe den Eindruck sich im Garten Eden zu befinden. In Realität jedoch ist man weit ab vom Paradies: Das kleine slowenische Städtchen, welches sich einige Kilometer von der kroatischen Grenze befindet, ist weniger für seine Grünflächen als für das hiesige Atomkraftwerk bekannt.

Die Slowenen sind stolz: 2007 hat die Agency for Radioactive Waste1650 Personen befragt, die allesamt davon überzeugt waren, dass Atomenergie die sicherste und sparsamste Energiequelle sei. Die Einwohner der slowenischen Kleinstadt Krško, die von speziellen, aus Staatskassen finanzierten Dienstleistungen und Infrastrukturen profitieren, teilen weitgehend diese Meinung.

Nach Ljubljana: Mendoza

Befragt man den Durchschnittsslowenen zum Zwischenfall im Atomkraftwerk von Krško 2008, der durch eine Funktionsstörung des ersten Reaktor-Kühlungssystems ausgelöst wurde und obendrein Angst vor einem zweiten Tschernobyl hervorrief, wird er einem lachend ins Gesicht sagen, dass die Medien das Ereignis unnötig aufgeblasen hätten. Nicht einmal das Wort Fukushima kann an ihrer felsenfesten Meinung rütteln. Doch es gibt sehr wohl Risiken, wie es die Geologen, die die Erdbebenaktivität in der Nähe der Zentrale beobachten, bestätigen.

„Gäbe es einen Vorfall in Krško, würde Mendoza zur größten slowenischen Stadt der Welt werden.“ Franci Malečkar, Verantwortlicher des Bereichs Umwelt des Vereins Alpe Adria Green, spricht hier von einer kleinen Stadt in Argentinien, die größtenteils slowenische Auswanderer zu ihren Einwohnern zählt. In anderen Worten: Gäbe es ein Reaktorunglück in Slowenien, würde kein einziger Slowene überleben. Der Verein hat auch eine Studie über den Platz der Atomenergie auf dem slowenischen Arbeitsmarkt erstellt. „Die Lebensdauer eines Kraftwerks überschreitet keine 30 Jahre. Und das gilt auch für die damit verbundenen Arbeitsplätze. Im Gegenzug könnte der Bereich der erneuerbaren Energien, wenn man ausreichend investiert, langfristig 60 000 grüne Arbeitsplätze schaffen. Ein Glücksfall für Slowenien, in dem die Arbeitslosigkeit stetig steigt“, erklärt uns Malečkar. Trotzdem scheint sich niemand tatsächlich für diese Art Neuerungen zu interessieren.

Gleichgültigkeit der Medien

Am 28. Mai haben sich etwa hundert Anhänger des Komitees 'Stopp Atomenergie' zusammengefunden und sind von Triest (Italien) in Richtung Krško aufgebrochen. Als Zeichen für Erde und Fruchtbarkeit hatte jeder der Teilnehmer eine Blume oder einen kleinen Baum mitgebracht, um diese vor dem slowenischen Kernkraftwerk zu pflanzen. Die Aktion sollte eine Antwort auf den italienischen Slogan „Piantamola con il nucleare“ [Doppeldeutigkeit: im ersten Sinn bedeutet „piantare“ pflanzen, bildlich bedeutet „piantamola“ „das reicht“, A.d.R.].

An den Slowenen scheint die Anti-Atom-Aktion spurlos vorübergegangen zu sein. In der Tat berichten die Medien des Landes nur sehr beschränkt zum Thema Atomenergie. Genau das ist es, was Darko Kranjc, der junge Präsident der SMS Youth Party-European Greens, bemängelt. „Die Medien werden von der Regierung unterstützt und hüten sich somit davor die Konsequenzen darzustellen, die das Kernkraftwerk von Krško auf unsere Gesundheit haben kann, von Protesten zu berichten oder offizielle Statistiken zu veröffentlichen, die die langwierigen Wechselwirkungen zwischen Kernkraft und Gesundheitsproblemen beweisen.“

Die Medien werden von der Regierung unterstützt und hüten sich davor die Konsequenzen darzustellen, die das Kernkraftwerk von Krško auf unsere Gesundheit haben kann.

Am 10. Juni 2011, eine Woche nachdem Angela Merkel angekündigt hatte, deutsche Atomkraftwerke bis 2022 vom Netz nehmen zu wollen und die Referenden in Italien eine klare Tendenz zur Ablehnung von Atomenergie aufzeigten, präsentiert die slowenische Regierung fast zeitgleich ihr National Energy Program (NEP). Darin wird klar: die Slowenen bleiben bei der Kernenergie. Obwohl die Laufzeit der Zentrale von Krško auf 2023 beschränkt ist, hat die Regierung nicht vor, sie einfach in den Ruhestand gehen zu lassen. Das Kraftwerk soll noch bis 2043 am Netz bleiben. Zusätzlich will man in Slowenien einen zweiten Reaktor in direkter Nachbarschaft bauen. Die Erfahrung von Fukushima werden dabei völlig außen vorgelassen: „Krško wird weitere 20 Jahre Kernenergie produzieren. Slowenien wird der Atomkraft nicht aufgrund eines Vorfalls versagen“, bestätigte die Wirtschaftsministerin Darja Radic bei der Präsentation des Energieplans. 45 Tage lang soll das NEP nun debattiert werden. Die Regierung wählt daraufhin die 5 besten Optionen und präsentiert das NEP vor dem Parlament, sodass es noch bis Ende des Jahres verabschiedet werden kann.

Die Stiftung Umanotera, die sich für mehr nachhaltigeEntwicklung in Slowenien einsetzt, hat mit ihrer Stellungnahme gegen das NEP nicht gezögert: „Die Regierung muss sauberen Energien mehr Platz einräumen und jegliche thermische oder atomare Energieformen ausschließen.“ Aber der schlimmste Feind im Kampf gegen die Kernkraft ist die allgemeine Gleichgültigkeit der Slowenen: Die große Mehrheit schert sich nicht um die Debatte oder behauptet andere Sorgen zu haben.

Demnächst soll ein neues Kohlekraftwerk (TES6) mit einer Leistung von 600 mW in Sostanj (im Nord- Osten Sloweniens) gebaut werden. Kostenpunkt: eine Milliarde Euro! Trotz der Tatsache, dass das neue Kohlekraftwerk enorme Mengen an CO2 ausstoßen wird, haben die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) ihre Zustimmung für eine Finanzspritze von 750 Millionen Euro für das Projekt gegeben. Das Projekt ist nicht wirklich im Einklang mit den europäischen Zielsetzungen zur Verringerung der CO2-Emissionen bis 2050 um 80 bis 95% im Vergleich zu 1990.

Dorn im Fuß

Luka Omladic ist Wirtschaftsprofessor und der führende Kopf der Oppositionsbewegung gegen das geplante Kohlekraftwerk TES6. Zum Thema Braunkohle (Kohle zur Herstellung von Elektrizität), die als Brennstoff genutzt wird, erklärt er: „Es handelt sich um die schlimmste Art von thermischer Energie, die man finden kann. Man könnte, um den Schaden einzugrenzen, zumindest zur Gasversorgung übergehen. Und vor allem mehr auf erneuerbare Energien setzen.“ Genau diese Forderung stellt auch GreenpeaceSlowenien.

Zudem ist das neue Kraftwerk bereits ein Zankapfel zwischen Kroatien und Slowenien geworden, die dessen Verwaltung und Erwerb untereinander aufteilen. Das Projekt stammt noch aus der Zeit, in der beide Länder zu Jugoslawien gehörten. Wir sprechen hier von einer Energieform, die 40% der jährlichen slowenischen Elektrizitätsproduktion ausmacht, und die dem Land eine grundlegende energetische Unabhängigkeit verschafft.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Green Europe  on the ground 2010-2011.

Foto: Krško (cc)fluido & franz/flickr; Carovana ©Legambiente Trieste