Äthero-sexuell

Artikel veröffentlicht am 7. Dezember 2007
Artikel veröffentlicht am 7. Dezember 2007
Libido = null. In Anbetracht des allumfassenden Porno und der Diktatur des großen O, entscheidet so manch einer betttechnisch die Bettdecke lieber über den Kopf zu ziehen. Auch wenn Youporn und andere Prediger anrüchiger Unanständigkeiten uns vom Gegenteil zu überzeugen versuchen: die Lust ist manchmal im Streik. Panne? Abstinenz ?

Laut einer Ipsos-Studie vom Juni 2004 gaben 25 Prozent der befragten Französinnen und 15 Prozent der Männer an, in Keuschheit zu leben. Lieber Himmel! Und ob gewollt oder ungewollt: ein Drittel der Informanten schienen sich nicht im Geringsten an der Abwesenheit der „schönsten Sache der Welt“ zu stören.

Das Phänomen existiert, wird in der Presse kommentiert und von Psychiatern eifrig auseinanderklamüsert. Verdrängte Kindheitstraumata, Overdose des ‚Kommen um jeden Preis‘: mehr und mehr keusche Mittdreißiger stören sich eher peripher an dieser Lappalie. Ihr Motto: Schluss mit Lust(ig). „Asexuelle Revolution“: so nennt der französische Journalist Jean-François de Tonnac den gegenläufigen Trend sexuell offenherziger Gesellschaften.

Das 2006 auf dem ‚entschieden jungfräulichen‘ französischen Buchmarkt erschienene ‚No sex last year‘ zeugt abermals von einem zunehmenden Interesse am Durchschnittsalltag von quasi-vestalischen Paaren. Auch La Repubblica hatte den richtigen Riecher: ‚D‘, eine Beilage der italienischen Tageszeitung, widmete seine Titelseite den Anhängern der ‚No Sex‘-Bewegung.

Lichtjahre vom großstädtischen Sexualaktivismus entfernt, wimmelt es auch im Internet von Boten der Keuschheit. Als Ableger der Horizontal-Ajatollahs präsentiert sich das virtuelle asexuality.org als „Netz für gegenseitige Hilfe und die Sichtbarkeit von Asexualtität“. In den Foren der französischen Version finden sich instruktive Posts von „Kann ein Asexueller im Leben erfolgreich sein?“ bis hin zu „Sie liebten den Liebesakt“…

Diese Kaste der ‘Anti-Libidinisten’ - so das namentliche Pendant aus den Niederlanden – ist schlussendlich nichts weiter als die treue Jüngerschaft der ‚A-Pride‘-Einstellung, eine Bewegung von der anderen Seite des Atlantiks, die der Amerikaner David Jay in der Blüte seiner Jahre angestoßen hat. Sein Credo: „Asexualität betrifft nicht nur Amöben“. Na dann. Leben wir doch einfach unsere Identität als Hampelmänner ohne Männlichkeit.

Nach Penis-Superstar bricht nun die post-koitale Zeit der Finsternis an. Schluss mit sexuellen Freigeistern und anderen lasziven Kreaturen; Platz für standhafte Madonnen, unbefleckte Jünglinge, für eine Erotik mit Heiligenschein! Ein wollüstiger Hauch von Saty(i)r(e).