Athen: Wenn sich Wege in der Krise kreuzen 

Artikel veröffentlicht am 31. März 2016
Artikel veröffentlicht am 31. März 2016

Bei der Jugend in Athen nimmt die Mutlosigkeit verschiedene Formen an. Einige klammern sich an Europa als letzte Hoffnung, andere machen es für die Probleme verantwortlich. Wir haben am Hotspot Hellas junge Frauen und Männer getroffen, die davon erzählen, was es heißt, in Zeiten der Ungewissheit zu leben. 

Die Wirtschaftskrise hat Griechenland tiefe Wunden zugefügt. Seitdem müssen die Griechen mit Problemen fertig werden, die größer sind als sie selbst. Die aktuelle Flüchtlingskrise ist eine extreme Situation, die fast mit der Belagerung von 1687 verglichen werden kann. Zu dieser Zeit belagerte die Republik Venedig Athen, damals unter osmanischer Herrschaft. Der Doge Francesco Morosini traf mit einem einzigen Kanonenschuss den - bis dahin noch unbeschädigten - Parthenon.

Natürlich ist die heutige Situation nicht mit der im 17. Jahrhundert vergleichbar. Aber auch heute steht Griechenland im Zeichen des Zerfalls und der Zersplitterung. Paradoxerweise könnten die Wege vieler junger Griechen sich mit denen der Flüchtlinge kreuzen, die am Piräus und auf den griechischen Inseln landen: wenige wollen bleiben, viele wollen wegziehen. Aber sie bleiben in der Stadt eingesperrt und warten darauf, dass etwas sich verändert - die einen, dass die Grenzen wieder geöffnet werden, die anderen, dass endlich neue Arbeitsmöglichkeiten entstehen.

Die Wirtschaftskrise verschwindet aus den Zeitungen, aber ihre Wirkung hält immer noch an. Der Internationale Währungsfonds hebt heute hervor, dass die anfängliche Opposition Europas (im Jahr 2010) gegen einen griechischen Schuldenschnitt wenig hilfreich war. Hätte man gleich zugestimmt, statt noch zwei Jahre zu warten, hätte Athen sich mit viel geringeren Kosten retten können. Wird Europa aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und der Bevölkerung die Hoffnung und der Jugend ihre Zukunft zurückgeben?

Kostantinos Kartelias. 34 Jahre, Hochzeitsfotograf

Ist es richtig, dass Griechenland jetzt in Europa bleibt? Absolut nicht. Wir sind das einzige Land in der EU mit einer linken Regierung, und sie wollen uns nicht. Deshalb üben sie weiter Druck auf uns aus, die nächsten Abkommen, die wir absegnen, sind wirklich hart. Sie haben uns praktisch bedroht: entweder unterschreiben und zahlen oder sie werfen uns raus. Aber mit der Drachme wären die Schulden noch höher gewesen: insgesamt ist es ein Disaster und Europa war kein Geschäft für uns. Sie wollen uns alles nehmen, die Flughäfen, die Inseln. Wir werden verkauft.

Es war also ein Fehler, dass Griechenland der EU beigetreten ist?Ich denke, dass die europäische Union nicht für jeden gut ist. Am Anfang, für die ersten 10 Jahre, haben sie uns eine Menge Geld für Infrastruktur und andere Projekte gegeben, aber als es ums Rückzahlen ging, haben wir gemerkt, dass das Geld weg war. Ein Teil von Politikern gestohlen, ein Teil als Spesen für die Olympiade 2004 verbraucht.

Was wird jetzt passieren?Wir werden ja quasi gezwungen auszutreten. Ich denke nicht, dass das Abkommen mit der EU langfristig funktionieren kann. Es gibt zu viele Einschnitte und das wissen sie sehr gut. Meiner Meinung nach wollen sie uns sagen: 'Wir wollen euch nicht in Europa', aber mit allen Opfern, die von uns verlangt werden, versuchen sie uns zu zwingen, die EU von uns aus zu verlassen.

Welche Zukunft hat die Jugend hier?Ich hab keine Ahnung. Ich denke, in 10 Jahren werden wir eine andere Gesellschaft haben, vielleicht mit anderen Grenzen, sie werden versuchen, uns in Nord und Süd zu trennen.

Warum hast du beschlossen, trotzdem hier zu bleiben?Ich bleibe, weil mir das Leben hier trotz allem sehr gut gefällt. Wen man sich mit der eigenen Arbeit ernähren kann, ist dieses Land perfekt zum Leben. Glücklicherweise läuft meine Arbeit gut, ich kann mich im Moment also nicht beschweren.

Wie siehst du Athen heute?Das Leben hier ist billiger geworden. Die Preise sind gesunken, wir schaffen auch neue Gemeinschaftsprojekte, wo alles weniger kostet. Weil wir alle Kinder der Krise sind und wissen, was es heißt, in einer schwierigen Zeit wie dieser zu leben.

Danae. 26 Jahre, Studentin und Arbeiterin

Soll Griechenland die EU verlassen?Ja. Ich denke, dass es im Moment keinen Vorteil für Griechenland gibt. Es wäre besser, kein Teil der EU mehr zu sein, wenn man sich ansieht, was wir mitmachen mussten.

Waren die schweren Proteste richtig?Ja, weil es auch Resultate gebracht hat. Es gibt noch viel zu tun, aber ich denke, wenn wir nicht auf die Straße gegangen wären, sähe der Alltag noch schlimmer aus.Von außen betrachtet scheint es so, als habe sich gegenüber vorher wirklich wenig verändert und dass die Proteste keinen Einfluss hatten.Nein, im Gegenteil. Ich bin bereit, jeden Moment wieder auf die Straße zu gehen. Wir jungen Menschen haben das Recht und die Pflicht unser Land zu verbessern, Europa zum Trotz. Ein anderes Griechenland ist möglich und wir Jungen müssen das auf uns nehmen.

Du bleibst also in Athen?Mir geht es gut, das ist mein Land und ich habe keine Pläne mich zu verändern. Ich wohne hier und ich gehe nicht weg.

Aris. 26 Jahre, Ingenieurstudent, arbeitet als Model und für die PR einer Disko

Denkst du, es war nach der Krise richtig, Teil der Europäischen Union zu bleiben?Die Tatsache, dass wir uns in einer Gemeinschaft wieder vereint haben, war positiv für alle Europäer, das wird durch die Geschichte gerechtfertigt. Wenn eine Krise kommt, allgemein wenn es ein Problem gibt, hilft Kooperation - nicht Teilung.

Hast du je daran gedacht wegzugehen?Athen ist meine Stadt, ich studiere hier. Ich bin viel gereist bei meiner Arbeit als Model und ich finde, dass Athen eine der schönsten Städte zum Leben ist. Aber wie viele andere junge Menschen habe ich natürlich darüber nachgedacht, woanders hinzuziehen: im Ausland zu leben und zu arbeiten ist eine großartige Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln.

Wenn du umziehen müsstest, wohin würdest du gehen?Mir würde London sehr gefallen, es ist immer noch gewisserweise eine der Hauptstädte Europas und ein Stadt mit unendlichen Möglichkeiten.

War es die richtige Entscheidung, auf die Straße zu gehen und hat es etwas gebracht? Angesichts dessen, was passierte, war es praktisch unvermeidbar zu protestieren und zu streiken. Die Leute hatten alles Recht, ihre Unzufriedenheit auf jede Weise auszudrücken, auch wenn es für unser tägliches Leben schwierig war.

Giannis, Marita, Philippos, Narod. Schauspielstudenten an der Universität von Athen

War es gut für Griechenland, Teil der EU zu sein?

Marita: Die Gegensätze innerhalb der EU sind klar zutage getreten, als die Wirtschaftskrise anfing. So wie die EU konstruiert wurde, funktioniert sie nicht, das haben wir Griechen erlebt. Ich habe keine echte Solidarität bemerkt: in einer starken Gemeinschaft helfen die anderen, wenn man in Schwierigkeiten ist. Aber so war es nicht, sie haben uns nur gesagt: „Ihr müsst so viel Geld verdienen, wie ist mir egal, aber seid erfolgreich“. Ist das die europäische Solidarität?

Philippos: Die Infrastruktur, die Straßen, die Universitäten wurden zum großen Teil mit EU-Geldern gebaut. Wenn wir jetzt aus der EU austreten würden, wäre es, als würde man ein lebenswichtiges Organ transplantieren und Griechenland könnte sterben. Viele junge Menschen, wie zum Beispiel ich, wollen ins Ausland gehen, um zu arbeiten und zu studieren: wenn Griechenland aus der EU austreten würde, hätten wir Probleme mit Arbeitserlaubnissen. Wir müssen bleiben, jetzt auszutreten wäre ein schwerer Fehler für unsere Zukunft.

Denkt ihr, dass die Streiks etwas genützt haben?

Narod: Erst muss man festhalten, dass es richtig ist, für die eigenen Rechte zu streiken. Das Problem ist, dass die Leute in einer Situation wie dieser zur Arbeit gehen müssen, Geld nach Hause bringen müssen, denn wie könnten sie sonst ihre Kinder ernähren, die Miete bezahlen? Deshalb ist ein Streik heute eine schwere und extreme Entscheidung. Die Streiks funktionieren, wenn man andererseits eine Regierung hat, die zuhört, die auch etwas bewegt.

Marita: Das Problem ist, dass die griechische Regierung zur Zeit keine Macht hat, deshalb haben auch die Streiks einen extrem begrenzten Effekt. Wer heute für uns entscheidet, ist sicher nicht unsere Regierung, es ist vor allem Europa. Es ist schwer, beispielsweise gegen Deutschland zu streiken. Wenn die U-Bahn nicht fährt: welche Auswirkung hat das auf Berlin? Keine. Wenn wir hier protestieren, interessiert das im Ausland niemanden. Wir müssen einen neuen Weg finden, uns außerhalb des Landes Gehör zu verschaffen.

Kann man im Ausland bessere Stellen finden, um dann mehr Ressourcen und neue Perspektiven nach Hause zurückzubringen?

Philippos: Ich höre viele Griechen sagen „Ich gehe ins Ausland, suche eine neue Arbeit. Oder ich studiere auf einen besseren Abschluss und danach komme ich zurück“. Die Wirklichkeit? Insgeheim wissen sie, dass man nur schwer zurückkommt, wenn man einmal gegangen ist.

Giannis: Wer die Möglichkeit hat zu gehen, es schaffen kann, muss es probieren. Ich habe keine Freunde im Ausland und im Moment habe ich keine wirtschaftlichen Probleme, aber das hält mich sicher nicht davon ab zu gehen. Mein Traum ist es, ein anderes Land zu finden, um etwas Neues auszuprobieren. Wenn man mit der Einsamkeit umgehen kann, dem Landeswechsel, soll man es tun. Ich träume davon, als Schauspieler nach Los Angeles zu gehen, und manchmal werden Träume wahr. Ich habe in den Schauspielkursen viele Leute getroffen, die beschlossen haben in Athen zu bleiben und die in ihrer eigenen Stadt kämpfen wollen. Ich glaube nicht, dass das eine richtige oder falsche Entscheidung ist, es hängt alles am Charakter des Einzelnen.

Narod: Ich habe viele Freunde, die Schauspieler sind. Sie haben sich entschlossen, zu bleiben. Auszuwandern wäre der letzte Ausweg. Ich glaube, wer hier bleibt, bekommt viel Unterstützung von der eigenen Familie. Ich denke, die Solidarität ist ein grundlegendes Element der griechischen Familie, sich gegenseitig helfen und sich vereinen. Trotz der tausend Probleme wird niemand zurückgelassen, nicht von den Freunden und nicht von seinen Lieben. Wenn ein junger Mensch heute entscheidet, zuhause mit der Familie zu bleiben und für die eigene Zukunft zu sparen, sehe ich darin nichts schlechtes.

Marita: Wer bleibt, so wie ich, macht das auch um der Familie zu helfen. Neben dem Studium habe ich das Glück, eine Arbeit zu haben. Als zu Hause Hilfe gebraucht wurde, konnte ich sicher nicht nein sagen. Mein Vater hat eine Weile gearbeitet, ohne bezahlt zu werden. Ich habe geholfen, die Kosten zu begleichen und ich bin stolz, geblieben zu sein.

Wie hast du die Zeit der Krise erlebt?

Marita: Meine Eltern waren immer Theaterschauspieler, wir hatten nie viel Geld. Die Krise hat sicher nicht geholfen, aber weil wir schon in Schwierigkeiten waren, war ihr Einfluss paradoxerweise nicht so groß: wir waren es immer gewohnt, uns zu arrangieren. Ich denke, dass andere Familien, die nie den Verlust einer Arbeit oder etwas anderes erlebt hatten, den Schlag viel schlimmer gespürt haben. Heute versuchen auch sie das, was wir früher lebten. Alles in Allem lebe ich noch genau wie früher.

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Fotos, Text und Interviews von Giacomo Cosua.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.