Atheistenkampagne: Haftbefehl gegen Papst Benedikt XVI.

Artikel veröffentlicht am 20. April 2010
Artikel veröffentlicht am 20. April 2010
Trübe Stimmung? Am 19. April 2010 feierte Papst Benedikt XVI. seine ersten fünf Jahre im Amt.
Doch zwischen dem britischen Wissenschaftler Richard Dawkins und Autor Christopher Hitchens, die gegen Joseph Ratzinger während seines Staatsbesuch in Großbritannien rechtliche Maßnahmen für „Verbrechen an der Menschheit“ einleiten wollen, und den kontraproduktiven Kommentaren hochrangiger katholischer Geistlicher, freut sich am Ende der Dritte: der Atheismus!

Es gibt viele Gründe, den Umgang der katholischen Kirche mit dem Missbrauch von Kindern durch ihre Priester zu kritisieren. Kürzlich hat der Staatssekretär des Vatikans, Kardinal Bartone, einen weiteren Grund hinzugefügt, als er auf einem Besuch in Chile Pädophilie mit Homosexualität in Verbindung brachte. Noch toller waren die überlieferten Bemerkungen des italienischen Bischofs im Ruhestand, Giacomo Babini, der die Not der Kirche durch eine leicht antisemitisch getönte Brille betrachtet.

Dies ist ein weiterer Beweis dafür - wenn es denn weiterer Beweise bedarf - dass die Kirche die Stärke des Bebens, das der Missbrauchsskandal ausgelöst hat, noch immer nicht begriffen hat. Sie reagiert weiterhin mit Ausweichen, Unschärfe und Herumreden. Was sie dazu veranlasst, ist klar: Die Reaktion der Kirche wird durch die zunehmende Säkularisierung und den sich ausbreitenden Atheismus in der europäischen Gesellschaft gelenkt. Und sie macht dabei falsch, was man nur falsch machen kann. Über 9.000 Iren haben sich schon über die Internetseite ‘count me out‘ („Ohne mich“) von der Kirche losgesagt

Haftbefehl gegen den Papst ?

Auf dem Plakat: "Mach nicht die Atheisten für Deine eigenen Sünden verantwortlich"Die theoretische Möglichkeit, dass Papst Benedikt XVI. bei seinem vom 16. bis 19. September anstehenden Besuch im Vereinigten Königreich aufgrund von Beschuldigungen, die mit seiner Handhabung des sexuellen Missbrauchs an Kindern durch Priester im Zusammenhang stehen, verhaftet werden könnte, gibt den Mitgliedern der römischen Kurie (dem leitenden Organ der Kirche) zweifellos zu denken. Eine solche Möglichkeit könnte die pastorale Mission des Pontifex im Ausland sehr schwierig gestalten.

Großbritannien ist nicht das einzige Land, das in diesem Jahr auf dem Reiseplan des Papstes steht. Es ist auch nicht das einzige Land, in dem es Fälle von Kindesvergewaltigung durch Priester gab. Dass eine Verhaftung auf Initiative der lästigen Atheisten erfolgen könnte, würde einen absehbaren Schock auslösen. Victor Hugo bemerkte einst, nichts sei so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen sei. Nun ist die Zeit des Atheismus gekommen.

Die geschichtlichen Maßstäbe sind auf den Kopf gestellt worden. Die zunehmende Polarisierung zwischen atheistischen Aktivisten und institutionalisierter Religion gipfelt darin, dass der mobilisierte Unglaube den Berufsethikern im Vatikan in moralischer Hinsicht den Rang abläuft. Aber, so fragte der atheistische Kampagnenführer Richard Dawkins am 11. April, warum brauchte es dazu die Atheisten? Wo waren die nationalen Regierungen? Wo die Polizei?

Dass die meisten Europäer eine Verhaftung des Papstes für weit hergeholt, schändlich oder schlichtweg unrealistisch halten, zeigt, wie stark Europas kollektive Unterwerfung noch immer ist. Durch gut gemeintes aber fehlgeleitetes Mitleid mit der bedrängten Kirche oder ‘Toleranz‘- und ‘Respektsbekundungen‘ wird den unzähligen Missbrauchsopfern keine Gerechtigkeit widerfahren. Dawkins und seinem Partner in der Haftbefehlskampagne gegen den Papst, dem atheistischen Schriftsteller Christopher Hitchens, eine Agenda oder Aggressivität vorzuwerfen, macht das katastrophale, moralische Versagen der Kirche nicht ungeschehen.

Wir würden eine Ausnahme für Politiker schließlich auch nicht akzeptieren.

Wenn Europa es mit der Freiheit und dem Schutz des Schwächeren ernst meint, dann müssen wir dafür sorgen, dass niemand - absolut niemand - durch die Würde seines Amtes oder die Stellung seiner Person von der Justiz verschont wird, Päpste, Kardinale, Bischöfe, Rabbiner und Imame eingeschlossen. Wir würden eine Ausnahme für Politiker schließlich auch nicht akzeptieren.

Der Vatikan und Joseph Ratzinger müssen sich konkreten Anschuldigungen stellen. Das Einleiten von bürger- oder strafrechtlichen Schritten gegen Ratzinger ist erforderlich. Ob Papst Benedikt XVI. am Ende angeklagt wird oder nicht, ist irrelevant. Allein dass seine Verhaftung überhaupt diskutiert wird, hat mit einem zentralen Tabu aufgeräumt: religiöse Anführer stehen nicht über dem Gesetz. Nietzsche hätte wahrscheinlich gesagt, sie sind menschlich, allzu menschlich. 

Fotos: Une ©recapnow/flickr; ©Premshree Pillai/flickr