Asexualität: Schlimm, wenn man lieber Kuchen mag?

Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2011
Vom 23. bis zum 29. Oktober findet die diesjährige Asexual Awareness Week statt, die auf eine noch wenig bekannte sexuelle Orientierung aufmerksam machen will: Asexualität.

Als asexuell bezeichnen sich Menschen, die kein Verlangen nach sexuellen Handlungen mit anderen haben. Im Gegensatz zur zölibatären Lebensweise, bei der man sich dafür entscheidet, ein Leben ohne Sex zu führen, ist Asexualität eine sexuelle Orientierung, die man nicht beeinflussen kann. Asexualität muss außerdem von Angst vor Sex aufgrund von negativen Erlebnissen unterschieden werden, ebenso von Erkrankungen, die den Sexualtrieb negativ beeinflussen oder die Durchführung des Geschlechtsakts unmöglich machen. Wie bei allen sexuellen Orientierungen gibt es keinen "Grund".

1% der Bevölkerung ist asexuell

Asexuelle Menschen gab es vermutlich schon immer, doch ihre Zahl ist gering. Eine Studie des amerikanischen Experten Anthony F. Bogaert aus dem Jahr 2004 ergab, dass sie ca. 1% der Bevölkerung ausmachen. Von anderen werden Angehörige dieser sexuellen Minderheit in der Regel entweder gar nicht wahrgenommen oder als unnormal abgestempelt. Erst das Internet ermöglichte es ihnen, sich zu vernetzen und auf diese Weise mehr Selbstbewusstsein zu erlangen.

©CaptainEvie/deviantart

Im Jahre 2001 gründete der US-Amerikaner David Jay AVEN, kurz für Asexual Visibility and Education Network. Auf dieser Internetseite sind Informationen über Asexualität gesammelt; das angeschlossene Forum bietet Asexuellen Raum für Erfahrungsaustausch, Diskussionen und vieles mehr. Im Laufe der Jahre entstanden ähnlich aufgebaute Ableger in anderen Sprachen, u.a. auf Deutsch, Französisch, Spanisch und Russisch. Diese Foren stellen die größten asexuellen Internet-Communitys dar. Es gibt jedoch auch Alternativen zu AVEN: In den letzten Jahren sind einige (größtenteils englischsprachige) Blogs online gegangen und auch auf YouTube gibt es diverse diesem Thema gewidmete Kanäle, unter denen vor allem Hot Pieces of Ace, The Dapper Ace und der Kanal von Swankivy zu nennen sind.

Aber dies alles soll nicht heißen, dass asexueller Gedankenaustausch und Bemühungen um mehr Sichtbarkeit nur im Internet stattfinden. Über die Foren werden regelmäßig Treffen in verschiedenen Städten organisiert, bei denen sich die Mitglieder persönlich kennenlernen können. In den vergangenen Jahren haben sich Gruppen von Asexuellen mehrfach an Gay Prides beteiligt, u.a. in San Francisco und London.

Online und offline findet die

Asexual Awareness Week

statt, die im letzten Jahr zum ersten Mal organisiert wurde: Asexuelle waren aufgerufen, über ihre Orientierung zu sprechen und sie so bekannter zu machen. Außerdem wurden

LGBT

-Gruppen gezielt auf das Thema aufmerksam gemacht. Dieses Jahr sollen noch mehr Aktionen stattfinden, vor allem an Hochschulen in den USA - geplant sind u.a. öffentliche Vorführungen des ersten Dokumentarfilms über Asexualität, Angela Tuckers

(A)Sexual

.

Kuchen ist besser als Sex

Angesichts der Tatsache, dass eine asexuelle Gemeinschaft, die Austausch und Begegnung ermöglicht, erst seit 10 Jahren existiert, ist es erstaunlich, wie viele Symbole und Erkennungszeichen sich bereits herausgebildet haben. Das älteste dürfte das auf der Spitze stehende Dreieck sein, das nach unten hin immer dunkler wird. Es ist das offizielle Symbol von AVEN, von dem sich ein Mitglied des deutschen Forums für die Kreation von Pins inspirieren ließ, die nun von einigen Asexuellen in Deutschland getragen werden.

Auf internationaler Ebene noch wesentlich bekannter ist ein schwarzer Ring am Finger als Erkennungszeichen. Seit mittlerweile über einem Jahr gibt es sogar eine offizielle Fahne, über deren Gestaltung Forenmitglieder aus der ganzen Welt abgestimmt haben. Als Sieger ging ein Modell mit vier diagonalen Streifen in schwarz, grau, weiß und violett hervor. Die Fahne war seitdem schon oft in asexuellen Kontexten zu sehen - auch für das Logo der diesjährigen Asexual Awareness Week wurde sie verwendet.

©CaptainEvie/deviantartEin weiteres asexuelles Symbol ist der Kuchen, der in den Foren neu angemeldeten Mitgliedern in virtueller Form angeboten wird. Ein entsprechendes Emoticon existiert, aber im französischen Forum hat es sich eingebürgert, in den "Bienvenue"-Threads lieber Fotos von Kuchen zu posten. Häufig wird scherzhaft betont, dass Kuchen viel besser als Sex sei.

Interessant ist es auch, einen Blick auf den "Slang" zu werfen, der sich in den verschiedenen Sprachen herausgebildet hat; Wörter wurden umgedeutet oder ganz neu gebildet. Im Englischen hat sich beispielsweise das Wort "ace" (ursprüngliche Bedeutung: As im Kartenspiel) als Abkürzung und Codewort für "asexual" eingebürgert - aus diesem Grunde zählt auch das As zu den asexuellen Symbolen.

©thousandleaf0001/deviantart

Im Französischen benutzt man ganz einfach die Buchstaben A und S, um asexuelle bzw. sexuelle Menschen zu bezeichnen - man liest häufig Sätze wie "Je suis A", "ma copine est S" etc. Im Polnischen bezeichnet man einen männlichen Asexuellen als "As", eine Frau als "Aska".

Die asexuelle Community ist bunt und vielfältig, doch eines ist allen Mitgliedern gemeinsam: Sie wollen keinen Sex und sie wollen, dass ihre Orientierung zur Kenntnis genommen und respektiert wird. Was ist schon schlimm daran, wenn man lieber Kuchen mag?

Illustrationen: Foto Homepage (cc)Wendy Nelson Photography/flickr; Im Text ©CaptainEvie/deviantart; ©thousandleaf0001/deviantart; Video (cc)YouTube