Aserbaidschan: Mein Name auf der schwarzen Liste

Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2016

[Kommentar] Ende letzten Jahres hat die Botschaft von Aserbaidschan meinen Namen zusammen mit anderen Journalisten und Kulturschaffenden aus Italien auf die schwarze Liste gesetzt. Uns wird damit der Zutritt ins reichste Land des Kaukasus verwehrt. Ich habe durch diesen Akt viel über Bürgerverantwortung gelernt und weiß jetzt, wie wichtig es ist, die wahren Opfer nicht zu vergessen.

Im November 2015 hat die Botschaft von Aserbaidschan in Rom eine Spezial-blacklist veröffentlicht. Es handelt sich hierbei um eine „schwarze Liste“, auf der Personen verzeichnet sind, die in Aserbaidschan „unerwünscht“ sind. Auf dieser Liste stehen die Namen von italienischen Bürgern, die in den nächsten fünf Jahren nicht einreisen dürfen. Mein Name befindet sich auch auf der Liste. Der Grund? Ich hätte mich unerlaubt – ohne Visa – im Berg-Karabach aufgehalten, einer Region, die sich selbst als unabhängige Republik erklärt hat, von Baku jedoch nicht anerkannt wird. Damit hätte ich die aserbaidschanische Souveränität verletzt.

Maß für Größenverhältnisse verloren

Ich habe die „Ehre“ der jüngste aller Journalisten zu sein, die neben Künstlern, Medien- und Kulturschaffenden auf der Liste stehen. Der Grund? Vermutlich ein Artikel, den ich auf der Webseite East Journal veröffentlicht habe, einem kleinen Online-Magazin, das ausschließlich von unbezahlten, engagierten Journalisten und einem Korrespondentennetzwerk betrieben wird.  

Ich bin Student. Auf dieser unwürdigen Liste bin ich nur ein „kleines Licht“, sicher das kleinste im Übrigen. Weit vom Bekanntheitsgrad einiger Personen auf der Liste entfernt. Und genau dieses Detail macht die ganze Geschichte noch unheimlicher. „Wenn sogar ein so kleines Magazin wie das unsere ohne großen Einfluss zur Zielscheibe der aserbaidschanischen Zensur wird, dann heißt das, dass Baku den Sinn für Relationen verloren hat.“, resümiert der Herausgeber des East Journal. „Und wenn man das Maß für Größenverhältnisse verliert, verwandelt sich Zensur in Paranoia, Verbote in Psychosen und Alleinherrschaft in Barbarei.“ 

Paradoxerweise hätte mein Artikel auch als regimenah eingestuft werden können. Inhaltlich geht es um die ethnische Säuberung, die von armenischen Truppen während des Berg-Karabach-Konflikts, in dem sich Aserbaidschan und Armenien gegenüberstanden, vollgezogen wurde.

Die Tatsache, dass ein Nachwuchsjournalist für einen Artikel, der auch als pro-aserbaidschanisch ausgelegt werden könnte, derart „geächtet“ wird, zeigt, dass das Regime gegen seine „Feinde“ ohne die nötige Distanz und Urteilsfähigkeit angeht. Aserbaidschan genießt aufgrund des Energie-Exports internationale Straffreiheit. 

Der wahre Grund

Der offizielle Grund meines Einreiseverbots lautet: „Verletzung des aserbaidschanischen Territoriums ohne Visum“. Doch ich habe schnell verstanden, dass dies nur ein Vorwand ist, um die Medien- und Kulturschaffenden fernzuhalten. Die Photos in meinem Artikel hat meine Schwester geschossen. Das kann man auch in den Legenden sehen. Ich war damals mit meiner Familie im Berg- Karabach. Die Botschaft in Jerewan, Armenien, hat uns die Visa ausgestellt. Das ist die einzige Möglichkeit, auf das Gebiet der kleinen Republik zu gelangen. In der ersten Mitteilung, die ich bekommen habe, wurde der Name meiner Schwester genannt. Sie wurde beschuldigt, Komplizin der angeblichen Verletzung des aserbaidschanischen Hoheitsgebietes zu sein.

Die aserbaidschanische Botschaft hat meine Schwester wegen des gleichen Vergehens angeklagt. Doch im Gegensatz zu meinem Namen ist ihr Name nicht in der Liste der Unerwünschten aufgeführt: Mein Name auf der schwarzen Liste muss also einen anderen Grund haben. 

Diese Situation hat mich dazu angespornt, mich intensiv mit Aserbaidschan auseinanderzusetzen. Ich habe mich in die Lektüre des East Journals und diverser Fachzeitschriften gestürzt. Bei meinen Recherchen bin ich auf eine interessante Entdeckung gestoßen: Der ehemalige Präsident meiner Provinz und früherer EU-Abgeordneter engagiert sich für eine „Normalisierungsoperation“. Die Operation richtet sich an ein Publikum, das nur wenig über das Leben im Kaukasus weiß. Aserbaidschan wird als „Beispiel friedlichen Zusammenlebens zwischen verschiedenen Ethnien und Religionen“ gehandelt.

Außerdem habe ich herausgefunden, dass dieser Parlamentarier, der in meinem Kreis gewählt wurde, Operationen unterstützt, die freiheitsfeindliche Länder wie die israelischen Kolonien Samaria rehabilitieren sollen. Die Tatsache, dass sich ein vom Volk gewählter Politiker für diese Art von Operation stark macht, ohne dass ich es mitbekomme, unterstreicht die Notwendigkeit, die Aktivitäten unserer politischen Vertreter besser zu kontrollieren. Auch weil sie in ihrem Amt über die Möglichkeit verfügen, Sichtweisen einseitig darzustellen, die das Volk nicht teilt und sich von der geschichtlichen Wahrheit unterscheiden. 

Die genannten Gründe zeigen, wie lebenswichtig – im wahrsten Sinne des Wortes – es ist, sich ständig auf dem Laufenden zu halten und das aktuelle Zeitgeschehen der freiheitsfeindlichen Länder zu verfolgen. Ganz besonders, wenn sie wirtschaftliche Beziehungen zur Europäischen Union pflegen. Die internationale Öffentlichkeit (NGOs, Vereine und Privatleute) muss dabei handlungsfähiger werden. So können die Bürger auf dieser Welt von ihrer Macht Gebrauch machen und wirklich Druck ausüben. 

Die wahren Opfer

Auf der schwarzen Liste zu stehen, ist nicht sehr erfreulich. Vor allem, weil mein Kollege Simone Zoppellaro vom East Journal, der auch am italienischen Balkan- und Kaukasusinstitut tätig ist, und ich ständig von der aserbaidschanischen Presse angegriffen werden. Aber wir fühlen uns nicht wie Helden. Wir haben nichts Ehrenhaftes getan. Ich habe einfach Urlaub an einem ungewöhnlichen Ort gemacht und wollte diese Geschichte erzählen. Im Moment nehmen wir diese stalinistischen und kafkaesken Anwandlungen, an die wir nicht mehr gewohnt waren, mit Humor und Ironie.

Wenn sich Baku gegen ausländische Journalisten so verhält, muss die Lage für die aserbaidschanischen Bürger vor Ort, die sich dem Regime widersetzen, schlimm sein. Die Familie Aliyev ist seit 1993, ohne Unterbrechung, an der Macht. Zeitungen, die die sinnlose und ungeahndete Gewalt (gegen Journalisten in Aserbaidschan) anprangern, sind in der Unterzahl. Wir sollten diesen Journalisten unsere Solidarität bekunden. Sie leisten lebensgefährliche Arbeit, sie verschwenden ihr Leben in Gefängnissen oder werden terrorisiert, weil sie über den Themen sprechen, die der Regierung missfallen. Ich möchte die Geschichte all dieser Leute erzählen, deren Alltag von Autokraten und Gas- und Ölgiganten diktiert wird und jeden Morgen mit der Angst im Bauch aufwachen.

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Simone Benazzo ist Mitglied der Redaktion von cafébabel Torino.