Aserbaidschan 2012: Baku Calling

Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2011
Nachdem Aserbaidschan mit dem Duo Ell/Nikki in diesem Jahr den Eurovision Song Contest gewonnen hat, wurde vielen Europäern klar, dass sie allerhöchstens ein 'gefährliches Halbwissen' über das Land in Vorderasien haben. Höchste Zeit also, sich den Binnenstaat mal genauer anzuschauen, der in Fläche und Einwohnerzahl in etwa Portugal entspricht.

Es ist der 11. Oktober des letzten Jahres, als Rashad F. Sadigov zum Nationalhelden wird. Wir zählen die 39. Minute im Qualifikationsspiel für die kommende Fußball-Europameisterschaft, Aserbaidschan-Türkei, zu Hause in Baku. Die hoch favorisierten Türken hatten gute Chancen und wähnen sich schon siegessicher, als der Mannschaftskapitän mit einem Eckentrick die Sensation schafft und aus 14 Metern Entfernung das Tor trifft.

„Das war ein extrem wichtiger Sieg für uns“, sagt Abbas, und der muss es wissen, schließlich arbeitet er für die UEFA in Baku. Rashad F. Sadigov, der zuvor mehrere Jahre in der türkischen Süper Lig gespielt hatte, ist in seinem Land ein absolutes Idol. Die erstmalige Qualifikation Aserbaidschans für eine Europameisterschaft, übrigens unter dem deutschen Trainer Berti Vogts, liegt in greifbarer Nähe.

Einen erneuten Überraschungssieg konnte Aserbaidschan vergangene Woche einfahren, als das Duo Ell/Nikki mit ihrem Lied „Running Scared“ den Eurovision Song Contest 2011 gewann und für das kommende Jahr nach Baku holte.

©Pieter van den Berghe/EBU

Auf nach Baku, also?

Seit 1991 ist Aserbaidschan unabhängig und seitdem eine Präsidialrepublik mit einem Ein-Kammer-Parlament. Dass es bei den Wahlen undemokratisch zugeht, erzeugt bei nicht wenigen Eurovision-Fans Unbehagen. Es wird sicherlich, ähnlich wie bei den Olympischen Spielen in China, die Frage aufkommen, ob man da denn überhaupt hingehen oder das ganze doch lieber boykottieren sollte. Aber wenn man den Eurovision-Gedanken konsequent ausführt, müsste es eigentlich heißen: Flugtickets buchen!

Baku – das neue Dubai?

Ell/Nikki repräsentieren eine moderne Seite des Staats, der aufgrund des Baubooms und der luxuriösen Einkaufsmeilen in seiner Hauptstadt Baku oft mit Dubai verglichen wird. Abbas liebt den Blick über seine Stadt, den man vom Berg des Baku-Parks hat. Auf die Hektik, die auf den Straßen herrscht, könnte er jedoch gerne verzichten, ebenso wie auf die Provinzler, die Baku neuerdings besiedeln und sich „wie totale Landeier“ benehmen. Tural hat einen Bachelor in Religionswissenschaften und ihn stört die Denkweise mancher älterer Menschen: „Wenn ich im Sommer kurze Hosen trage, schauen mich manche an, als würde ich gerade eine große Sünde begehen.“

Junge Azeri lieben ihr Land, sind jedoch genauso mobil wie andere Mitglieder der Eurogeneration. Viele gehen zum Studium ins Ausland und kommen dann wieder zurück, andere wandern aus, wie auch Nikki. Die Sängerin, die eigentlich Nigar Jamal heißt, folgte vor einigen Jahren ihrer großen Liebe und heutigem Ehemann Lukas nach London.

Viel gerühmt ist auch das ausschweifende Nachtleben, das unter internationalen Feierwütigen nach Tel Aviv und Beirut als „das nächste heiße Ding“ gehandelt wird. Der deutsche DJ David Traenkle lebt derzeit in Tiflis in Georgien und hat ständig Engagements in Osteuropa und im Nahen Osten. Seinen Auftritt im April im angesagten Bakuer Face Club wird er dennoch nie vergessen: „Man merkt, dass es eine aufstrebende Stadt ist, und das Partyvolk geht hier so richtig krass ab.“ Um in einem der In-Clubs Bakus eine gute Zeit zu haben, muss man allerdings einige Manats hinblättern. Es ist üblich, dort einen Tisch zu reservieren, an dem man dann den Mindestbetrag von umgerechnet 300 Euro verzehren – oder besser, vertrinken - muss. Dort verkehrt nicht nur die High Society, sondern auch die normal verdienenden, die sich aber gerne so geben, als wären sie reich.

Der eingängige Popsong „Runninc Scared“ hat Aserbaidschan zum Eurovisionssieg verholfen, doch das Lied aus schwedischer Feder repräsentiert nur einen Bruchteil der dortigen Musikszene. Die Jazzszene ist groß in Aserbaidschan, vor allem „Jazz-Mugam,“ eine Fusion von Jazz und Folklore, hört man gerne.

In Baku ist es erlaubt, Alkohol auf offener Straße zu trinken – was in vielen westeuropäischen Städten ein absolutes No-Go ist.

Nicht nur kulturell ist Aserbaidschan sehr divers. „Den ‚typischen Azeri’ gibt es nicht. Wir sind stolz, dass wir so unterschiedlich sind und dass es doch Werte gibt, die uns vereinen“, sagt Abbas: „Du kannst hier zum Beispiel in fast jedem Geschäft Schweinefleisch oder Alkohol kaufen.“ Übrigens ist es in Baku auch erlaubt, Alkohol auf offener Straße zu trinken – was mittlerweile in vielen westeuropäischen Städten ein absolutes No-Go ist. Vielleicht lässt sich so auch erklären, dass ein Land wie Aserbaidschan mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit eine Sängerin wie Nikki in westlicher Aufmachung, mit sehr kurzem Kleidchen als Repräsentantin nach Düsseldorf geschickt hat.

Die Toleranz hört jedoch dort auf, wo es um die Provinz Bergkarabach geht, eine mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region, die nach Auflösung der Sowjetunion Aserbaidschan zugesprochen wurde. Nach militärischen Ausschreitungen in den Neunzigern ist der Konflikt derzeit eingefroren, aber von Frieden kann keine Rede sein, auch wenn seit 1994 offiziell Waffenstillstand herrscht. Auf seinem Profil in der Reisecommunity Couchsurfing warnt ein junger Couchsurfer davor, in die international nicht anerkannte Republik einzureisen: „Macht das nicht, oder ihr könnt nicht zurück nach Aserbaidschan, egal, ob ihr ein Visum habt oder nicht.“

Der Eurovision Song Contest 2011 hat dafür gesorgt, dass ein großer Teil Europas sich zum ersten Mal für Aserbaidschan interessiert. Eine einmalige Chance für das Land, sich neu zu präsentieren. Die Azeri der Eurogeneration wirken westlich orientiert und sie freuen sich, dass man bei ihrem Land nicht nur an problematische politische Verhältnisse oder die Ölindustrie denkt. „Im Ausland hat man oft seltsame Vorstellungen über unser Land und das Leben hier“, sagt Emin. „Wir Azeri sind sehr gastfreundlich, wir haben eine reichhaltige Kultur, eine wunderschöne Natur, eine exzellente Küche und eine einmalige Teekultur“, wirbt Tural, „und einer der besten Cognacs der Welt, den Tovuz Cognac“, ergänzt Abbas. ‚Stadt des Winds’ nennt sich Baku – ein frischer Wind, der da gerade durch das ‚Land des Feuers’ weht.

Fotos: Homepage (cc)sugarmelon.com/flickr; Eurovision ©Pieter van den Berghe/EBU; Video: (cc)Eurovision Channel/Youtube