Ascanio Celestini: Theatervirtuose gegen verbale Gewalt

Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2011
Er ist das Aushängeschild des modernen italienischen Theaters, ein Satiriker, der den Mächtigen ein Dorn im Auge ist und ein Anthropologe, der die Missstände unserer Zeit darstellt. Ascanio Celestini ist derzeit in Italien mit seinem Stück Pro Patria anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der italienischen Einheit auf Tour. Doch er ist nicht nur in seinem Heimatland bekannt. Cafebabel.
com hat das Theatergenie in Paris getroffen.

Ascanio Celestino sieht dich an und spricht mit dir wie ein großer Bruder. Als Teil der 70er-Jahre-Generation hat er die gleichen Veränderungen wie wir erlebt, jedoch auf weniger drastische Weise. Dadurch konnte er sich die Weisheit und Geduld bewahren, die dabei helfen, die Welt zu verstehen.

Egal ob auf der Bühne oder im persönlichen Gespräch: Celestini ist wie ein offenes Buch: voll mathematischer Formeln und durchzogen von Wörtern. Genau wie ein Mathelehrer seinen Schülern Rechenwege logisch erklärt, um zu einem simplen Ergebnis zu kommen, so greift Celestini zu einfachen Bildern, um uns komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen. „Weil man die Wirklichkeit eher im Gespräch mit einem Nachbarn begreifen kann als mit Proust und Dostojewski”, so erklärt er uns. Er lebt in der Vorstadt Roms, in Morena, genau gegenüber dem Haus, in dem er vor 39 Jahren auf die Welt kam.

Er hat die Enkelin eines Freundes seines Großvaters geheiratet, während einer Theaterprobe mit Senioren. „Wir spielten gerade eine Hochzeitsszene, und da habe ich mich entschlossen, sie einfach Wirklichkeit werden zu lassen.” In seiner Biographie erwähnt er anstelle seiner Theater- und Universitätsausbildung die Berufe seiner Eltern, Großeltern und weiterer Verwandter, „um zeigen zu können, wie ich zu dem geworden bin, was ich jetzt bin”.

Sprachliche Revolution

Celestini kleidet sich immer schwarz und trägt seit Jahren einen 20 Zentimeter langen Spitzbart, durch den er noch düsterer aussieht. Der zynische Theatermann stellt auf der Bühne Menschen dar, die nicht in der Lage sind zu kommunizieren und im Gänsemarsch laufen. Außerdem geht es um Diskriminierung, unverfrorene und korrupte Politiker und glückliche Verrückte, die verzweifeln, sobald ihnen bewusst wird, dass sie in einer Irrenanstalt sind.

„Ich klage die verbale Gewalt an, weil sie in der Geschichte immer physische Gewalt nach sich gezogen hat.”

Seine beiden Aufführungen im Théâtre des Abbesses in Paris im Juni 2011 waren komplett ausverkauft. La fila indiana, (auf Deutsch in etwa: „Gänsemarsch”) ist sein wohl brutalstes Stück. Es enthält eben die verbale Gewalt, die unsere heutige Zeit kennzeichnet: in der Politik, im Beruf, in der Schule und auf der Straße. „Heute kann man Dinge sagen, die früher Tabu waren. Eine sprachliche Revolution, die für das Theater interessant ist, aber eigentlich auf der politischen Ebene nichts zu suchen hat”, so Celestini. Zu den absurden Äußerungen des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, die man wirklich nicht mehr zitieren muss, kommt die Gewalt in den Medien hinzu. „Wie damals als in den Schlagzeilen stand, dass der italienische Erzbischof Angelo Bagnasco die Homosexuellen als Pädophile bezeichnet hatte. Allerdings hatte er diese zwei Themen sehr wohl auf gefährliche Weise miteinander verknüpft mit der Behauptung, dass eine vollkommene Akzeptanz der Homosexualität auch zu einer Akzeptanz der Pädophilie führen werde. Ich persönlich klage die verbale Gewalt an, ganz einfach weil sie in der Geschichte immer physische Gewalt nach sich gezogen hat. So wie in Ruanda, als die Hutu die Tutsi als Kakerlaken beschimpften und sie daraufhin vernichteten.“

Theater als Matroschka

Im Stil eines Geschichtenerzählers arbeitet Celestini mit Anaphern und konzentrischen Handlungen, begleitet von einer Gitarre, die immer schneller gespielt wird. Er erzählt von Schülern, die sich hassen und von der Lehrerin dazu getrieben werden, sich gegenseitig auszugrenzen; von einem einsamen Mann, seiner inneren Leere und seinem Doppelgänger, mit dem er es trotzdem nicht schafft, ein Ganzes zu bilden; von einem korrupten Präsidenten, der ein ganzes Volk zum Narren hält, ohne dies zu verstecken; und von einem üblen Unternehmer, der dubiose Geschäfte macht. Auf seiner Tournee durch die frankofonen Länder wird er von dem Belgier Patrick Bebi begleitet, einem pummeligen, blonden Schauspieler, der sich einen genauso langen Spitzbart wachsen ließ. Wenn er Celestini auf der Bühne dolmetscht, ist Bebis Auftritt genauso spektakulär wie Celestinis. Über seinen italienischen Kollegen sagt er: „Ascanio gibt viel auf der Bühne und strahlt unheimlich viel Energie aus. Und ich versuche, eben diese Energie an die Zuschauer weiterzugeben”. Und weshalb lieben ihn die Franzosen so sehr? „Ganz einfach, seine Stücke haben klare, politische Aussagen, wie sie so im nordeuropäischen Theater nicht vorkommen.”

Celestini bezeichnet sich nicht als Geschichtenerzähler, sondern als „jemand, der Geschichten sammelt”. Er betreibt anthropologische Forschung in Gefängnissen, Schulen, Krankenhäusern und Psychiatrien. Sein Film „Das schwarze Schaf” (italienisches Original: La pecora nera) ist ein Meisterwerk, das bei den Filmfestspielen von Venedig 2010 nominiert war. Celestini spielt Nicola, bei dem die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn verschwimmt. Erbarmungslos klar ist hingegen die Ablehnung der Konsumgesellschaft, der „Supermarkt-Gesellschaft”. In der letzen Szene, in der Nicola durch die Regale eines Supermarkts geht, verschlingt er alles, was er findet, und übergibt sich.

„Wir brauchen keine zwischenmenschlichen Beziehungen mehr”

„Früher wurde Morena noch als Vorort von Rom betrachtet, jetzt ist es ein Randbezirk geworden. Heute werden dort Einkaufszentren gebaut. Früher musste man nicht wegen der Arbeit nach Rom ziehen, da die Vororte noch eigenständig waren. Durch diese Veränderung der Lebensverhältnisse wurden sie zu reinen Schlafstädten. Auf diese Weise wurde die Arbeiterschicht von der bürgerlichen Kultur aufgesogen und diese wurde wiederum von den Pendlern beeinflusst”. Und was sind die Konsequenzen? „ In der Stadt lebt man wie ein Kunde mit dem einen Ziel, einzukaufen, anstatt andere Menschen zu treffen. Man geht nicht in eine Bar, um mit dem Barista zu plaudern. Es gibt keine Orte mehr, um sich Geschichten zu erzählen. Wir brauchen auch keine zwischenmenschlichen Beziehungen mehr.”

Inmitten dieses finsteren Pessimismus leuchten jedoch helle Augen, voller Humor, die eine innere Zufriedenheit ausstrahlen. Denn Celestini hat das Privileg, viele Menschen zu treffen und sich mit ihnen zu unterhalten, leidenschaftlich und großzügig. Garantiert wird dabei auch viel gelacht und ein bisschen veräppelt. Aus diesem Grund lebt er noch in Morena und versucht, seine Arbeit nicht von seinem Privatleben zu trennen. Vielleicht aus Angst, die Beziehungen zu verlieren, die am stärksten und wertvollsten für ihn sind.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von ©Ascanio Celestini