Asa: 'Afrika hat alles, was den reichen Ländern fehlt'

Artikel veröffentlicht am 5. November 2007
Artikel veröffentlicht am 5. November 2007

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Die nigerianische Sängerin (25) jettet zwischen Paris und Lagos hin und her und verkörpert wie keine andere die musikalische Verbindung zwischen Europa und Afrika.

Ich bin mit Asa (Ascha ausgesprochen) in den Räumlichkeiten des Labels Naïve verabredet, das sich mitten im Pariser Viertel Pigalle befindet. Es ist das letzte Interview, das sie heute gibt. Den ganzen Tag hat sie Werbung für ihr neues Album gemacht, eine Offenbahrung für die Welt des Souls. Eben hat sie live gesungen, und ich habe ihr zugehört. Fast liebevoll legt die Sängerin ihre Gitarre in eine Tasche, die für ihre Besitzerin viel zu groß zu schein scheint. Aber eigentlich hat Asa nichts Zerbrechliches an sich: rechteckige Brille, Dreadlocks und ein breites Grinsen.

Asa wird 1982 in Paris geboren. Dort verbringt sie auch die ersten zwei Jahre ihres Lebens, dann zieht es ihre Eltern wieder nach Afrika, nach Nigeria. Asa hat es ihnen später sehr übel genommen, so früh in die Heimat zurückgegekehrt zu sein und ihr nicht die Zeit gegeben zu haben, Frankreich aus Kinderaugen zu entdecken. Diese Wut auf ihre Eltern hat sich dann aber recht schnell gelegt und Asa hörte auf, den Umzug als Fluch zu sehen. Sie lernte Afrika lieben.

Seither sieht sie es als ihre Aufgabe an, jungen Afrikanern zu erklären, "warum es einen zurückzieht in ein Land, in dem einen die Leute verachten", wie sie sagt. Ich frage sie, was sie diesen jungen Menschen sagt, die davon träumen, wegzugehen, die es in den entwickelteren 'Westen' zieht. "Dass ich sie verstehen kann", antwortet sie. "Wenn man jung ist, ist es völlig normal, etwas Neues erleben zu wollen."

In der Ferne

Asa hat sehr schnell herausfinden müssen, was es heißt, 'anders' zu sein: spätestens, als sie im Kleinkindesalter von Frankfreich nach Lagos umzieht. Später - mit gerade zwanzig Jahren - nimmt sie an einem Programm für junge Künstler des französischen Außenministeriums teil und bekommt ein Stipendium für einen dreimonatigen Aufenthalt in Frankreich. Sie hat damals Frankreich (wieder)entdeckt, dann Europa bereist - Synonym für Offenheit, so sagt sie. Seit dieser Erfahrung bedeutet Europa für Asa "Offenheit und ein Meer an kulturellen Möglichkeiten". Vor allem ist sie den Menschen "dankbar", die ihr gegenüber gastfreundlich waren und sie ermutigt haben.

Natürlich fühlt sie sich mittlerweile in Lagos zu Hause. Die ehemalige Hauptstadt Nigerias wird oft mit New York verglichen und ist in ständiger Aufruhr: hier koexistieren mehrere Religionen, die Kulturen vermischen sich, prallen aufeinander und nehmen sich andererseits gar nicht so ernst. Asa zögert nicht, von ihrer Kindheit in Festac Town zu erzählen, einem Stadtviertel, das man mit Recht als Ghetto bezeichnen kann. "Ich spreche lieber von einem Projekt, das war es nämlich auch. Ein schönes Projekt, das leider nicht ganz erfolgreich war. Klar, es war ein beliebtes Viertel, und ja, es gab dort viel Armut, aber gleichzeitig lebten dort auch viele Künstler. Man kannte sich, war befreundet, es wurde viel gelacht."

Trotzdem fragt sich Asa ab und zu, ob sie "wirklich eine glückliche Kindheit gehabt" hat. Obwohl sie in Frankreich geboren wurde, fühlt sich die Sängerin bei ihren häufigen Aufenthalten dort "als Besucherin".

Auf musikalischen Umwegen

Asa liebt es, Neues auszuprobieren. Und doch vergisst sie nie, wo ihre Wurzeln liegen - vielleicht kann sie die westliche Gesellschaft auch deshalb mit einem kritischen Blick betrachten. In Frankreich, sagt sie, würde sie meist konstruktive Kritik üben. Mal improvisiert sie – ihre bevorzugte Ausdrucksart - mal schreibt sie. Ihre Abstecher zum Radio scheinen inzwischen weit entfernt. Sie hat an zwei Wettbewerben teilgenommen und davon gute Erinnerungen und die Genugtuung mitgenommen, "nicht gewonnen zu haben". "Wenn ich mir die ersten Aufnahmen meiner Lieder anhöre, dann weiß ich, dass ich damals noch einen langen Weg vor mir hatte."

Asa kommt absolut unklassich daher. Mehrere Chöre hatten sie abgelehnt, weil ihre Stimme als zu tief galt. Ihr Vater sang Soul und Reggae vor dem Einschlafen. Asa selbst faszinierten Nina Simone, Marvin Gaye, Aretha Franklin, später auf den Spuren von Tracey Chapman oder Erikah Baduh auch der Afro-Folk. Asa erinnert sich noch sehr gut daran, dass ihr einziges Publikum lange Zeit "in einer imaginären Menschenmenge bestand, die nur gekommen war, um zuzuhören, wie ich auf einem Stück Holz gespielt habe, meiner Gitarre."

Die Bardin

Asa redet voller Hingabe von dem, was sie ihre "Pflicht" nennt, von dem, was sie weitergeben möchte. Und als der Pressesprecher kommt, um ihr zu sagen, dass sie zu einem Abendessen eingeladen ist, bittet sie um weitere fünfzehn Minuten Zeit. Nur um mir zu erklären, was sie meint.

Um mir nochmal zu erzählen, wieviel sie reist und wie sehr sie alles Neue liebt. Dass sie eine "besondere Verbundenheit" zu Frankreich verspürt. Trotzdem fühlt sie sich hier nicht zu Hause, sie kommt nur hierher, "um Ideen und Talente zu finden", die sie dann bei ihrer Rückkehr sinnvoll einsetzen kann. Glaubt sie, dass die Europäer zu wenig Respekt für die Einwanderer afrikanischer Herkunft haben? Anstatt zu antworten, verweist sie auf DNA-Tests und die scharfen Einwanderungskontrollen. Das Thema ist ihr offensichtlich unangenehm.

"Alle Einwanderer sollten zurück in ihre jeweilige Heimat kommen und das Wissen anwenden, das sie sich in der Ferne angeeignet haben. Sie sollten nach Hause zurückkommen, an den einzigen Ort, an dem sie wirklich sie selbst sein können. Wozu sich anderswo unterdrückt fühlen, wenn unsere Heimat uns braucht?" Sie zuckt mit den Achseln. "Man hört ständig, Afrika sei unterentwickelt, dabei gibt es hier alles, was den reichen Ländern so bitter fehlt: Freundschaft, Solidarität und - Lebensfreude."