Ars Homo Erotica: "Die Toilette ins Warschauer Nationalmuseum bringen"

Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2010
Zur Warschauer EuroPride, die am 17. Juli stattfand, spricht der Kurator der Ausstellung Ars Homo Erotica, Pawel Leszkowicz, über lesbische Kunst und Schläge ins Gesicht des Betrachters. Warum die Kunst und das größte Museum der polnischen Hauptstadt einen lebendigen Nerv der Demokratie darstellen.

Homophobie ist in Osteuropa nichts Ungewöhnliches. Die Gay Prides in Lettland, Rumänien und Polen waren 2006 von Gegendemonstrationen geprägt, bei denen auch immer wieder homosexuelle Aktivisten angriffen wurden.

In Polen marschierten 5000 Menschen in einer verbotenen Schwulenparade mit; am nächsten Tag schloss sich der damalige stellvertretende Ministerpräsident und Bildungsminister Roman Giertych einer Anti-Demo an, die 800 Unterstützer „familiärer Werte“ zählte - die meisten davon wie die Mehrheit der Polen katholisch - um seinem Unwillen gegen die “widerwärtigen Päderasten” öffentlich Ausdruck zu verleihen. Es ist derselbe Mann, der einst Vorschläge machte, um Homosexuelle vom Lehrerberuf auszuschließen und Lehrer einfacher entlassen zu können, die die “Kultur des homosexuellen Lebensstils” förderten.

Die Kampagne gegen Homophobie (Kampania Przeciw Homofobii), eine polnische Nichtregierungsorganisation, die für die Rechte von Homosexuellen eintritt, befragte 2007 mehr als 1000 lesbische, schwule, bisexuelle und Transgender-Polen. Die Hälfte der Befragten hat in den vergangenen zwei Jahren psychische Gewalt erfahren. Von den 18% der Befragten, die körperlich angegriffen worden waren, wurde die Hälfte mehr als drei Mal angegriffen. 85% derjenigen, die körperlich angegriffen worden waren, waren “zu verängstigt”, um das Verbrechen bei der Polizei anzuzeigen.

Während homosexueller Geschlechtsverkehr bereits 1932 in Polen legalisiert wurde, genießen diese Bürger heute noch längst nicht dieselben Rechte wie ihre heterosexuellen Mitbürger. Die Zurschaustellung homosexuellen Geschlechtsverkehrs in den heiligen, kulturellen Hallen des Nationalmuseums (Muzeam Narodowe w Warszawie) wird daher sicherlich Wellen schlagen.

Die Ausstellung Ars Homo Erotica eröffnete nur wenige Tage vor dem ersten Durchgang der Präsidentenwahlen am 20. Juni. Es ist die erste Kunstausstellung des größten Museums der Hauptstadt, die homoerotische Darstellungen in Osteuropa zusammenträgt. Als er 2009 die Leitung des Nationalmuseums übernahm, war es die ausdrückliche Absicht von Direktor Piotr Piotrowski, die traditionelle Einrichtung neu zu beleben. Ars Homo Erotica passt zu diesem Vorhaben. Pawel Leszkowicz, Kurator der Ausstellung, hat bereits jahrzehntelang an ähnlichen und verwandten Projekten gearbeitet. Ein Interview.

©Ezequiel Scagnetti

cafebabel.com: Wie kontrovers ist die Ausstellung wirklich?

Pawel Leszkowicz: Alles begann im Herbst 2009, als Piotr Piotrowski [der Museumsdirektor] ankündigte, dass die Ausstellung Ars Homo Erotica auf den Weg gebracht werden sollte. Vor sieben Monaten wandten sich Parlamentsabgeordnete von der (oppositionellen Partei Recht und Gerechtigkeit) PiS schriftlich an den Kultusminister und forderten die Zensur der Ausstellung. Der Minister, welcher der jetzigen Regierungspartei (Bürgerplattform, PO) angehört, weigerte sich einzugreifen und erkannte die Autonomie des Museums in dieser Angelegenheit an. Seit ihrer Eröffnung hat Ars Homo Erotica jedoch keine wirkliche Welle der Entrüstung ausgelöst. Es gab keinerlei Demonstrationen oder Ausschreitungen und die Resonanz in den Medien war durchschnittlich gut. In den ersten fünf Tagen der Ausstellung zählten wir tausende Besucher pro Tag - mehr als wir erwartet hatten. Auch das Schweigen aus der Politik kommt ziemlich überraschend. Vielleicht schweigen sowohl Kritiker als auch Politiker oder Kirchenmitglieder, um der Ausstellung keine öffentliche Plattform zu geben; vielleicht ist es auch eine positive Reaktion.

cafebabel.com: Welche Auswirkungen wird Ars Homo Erotica auf die polnische Gesellschaft haben?

Pawel Leszkowicz: Ich habe dieses Projekt aus einem emanzipatorischen Blickwinkel geleitet. Dabei habe ich das pädagogische Potenzial des Projekts stets im Hinterkopf behalten, das darin liegt, die Kontinuität von homoerotischen Themen im Verlauf der Geschichte zu zeigen. Erotik wird in der polnischen Kultur als verwerflich betrachtet. Mein Ziel war es, das Zentrum der hohen Kultur politisch zu erschüttern, um diese Auffassung von Sexualität zu sublimieren. Kritische polnische Abgeordnete sagten, diese Ausstellung werde “die Homoerotik auf die Toilette tragen”. Ich wollte die Toilette ins Nationalmuseum bringen.

©Ezequiel Scagnetti

cafebabel.com: Kann Kunst zu Themen wie Homophobie genauso wirksam sein wie Politik?

Pawel Leszkowicz: Die neue Ausrichtung des Museums ist ausdrücklich gesellschaftlich. Der Direktor ist wie ein Zapatero der Kunstwelt: Er möchte, dass das Museum in der polnischen Demokratie und den politischen Auseinandersetzungen eine aktive Rolle spielt. Er verwirklicht das Projekt einer Säkularisierung der Gesellschaft, reduziert den Einfluss der Kirche und gibt Minderheiten eine Stimme, vor allem, indem er sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzt. Deswegen habe ich aus der surrealistischen Vorstellung von sexueller Normativität geschöpft, insbesondere von André Breton, und dies in Bezug auf Homosexualität umgesetzt. Wir in Mittel- und Osteuropa haben ein unterdrücktes kulturelles Gedächtnis. Sexualität wurde immer mit Heterosexualität gleichgesetzt. Homosexualität gilt als subversiv. Indem ich der Kollektion eine gehörige Portion 'Queer' beigebe, habe ich versucht, eine neue Politik der Sexualität zu schaffen.

cafebabel.com: Sind Ihre kuratorischen Entscheidungen ein Spagat zwischen Kunst und Pornografie?

Pawel Leszkowicz: In der Gegenwartskunst ist diese Linie verschwommen. Und in der Mainstream-Kultur wird die Darstellung des Körpers oft als Pornografie betrachtet. Also gilt diese Frage für die Gegenwartskunst im Allgemeinen. Für Ars Homo Erotica ist diese Frage am offenkundigsten im Ausstellungsraum, der der lesbischen Sexualität gewidmet ist. Diese Abteilung ist visuell sehr stark, weil homoerotische Darstellungen oft phallozentrisch sind. Im Bereich der männlichen, homosexuellen Darstellung gibt es Verbindungen zu anderen Elementen der Kunst, wie Klassizismus, Ästhetizismus oder Kitsch. Dies ist bei der lesbischen Kunst nicht der Fall. Das erklärt auch, warum ich mich für sehr ausdrucksstarke Darstellungen entschieden habe, wie etwa "La Sorcière" [Die Hexe] von Paulus und Svajove Stanikas. Lesbische Sexualität wird oft ausgenutzt, ist manchmal unsichtbar und gilt oft sogar als abstoßend. Ich habe diese Gelegenheit genutzt, um die abstoßende Natur der Erotik zu betonen und den Betrachter zu provozieren, ihm quasi ins Gesicht zu schlagen.

Alle Fotos: ©Ezequiel Scagnetti