Arrest in Bulgarien: Meine surreale Nacht am Flughafen 

Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2017
Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2017

Ich bin ein Tollpatsch, das war schon immer so. Oft gerate ich in absurde Situationen und finde mich an den unwahrscheinlichsten Plätzen wieder. Zurzeit bin ich in einer bulgarischen Transitzone und werde am Flughafen Sofia festgehalten. Ein Remake des Films Terminal.

Das Signal ertönte wenige Augenblicke nach dem Start. Der Pilot macht eine Ankündigung der anderen Art: „Beim Überfliegen des Gebietes rechnen wir mit einigen Turbulenzen. Wir bitten Sie, Ihre Sicherheitsgurte zu lösen, um eine rasche Evakuierung des Flugzeugs möglich zu machen.“ Ich werfe einen Blick zu meinen Arbeitskollegen, die alle aus dem gleichen Grund gekommen sind: ein Seminar in Plowdiw, zwei Stunden von der Hauptstadt Sofia entfernt. Sie scheinen mit der gleichen Reaktion wie ich zu kämpfen, einer Mischung aus Panikattacke und dem irren Verlangen zu lachen. Schlussendlich erweisen sich die Turbulenzen als harmlos und das Flugzeug landet wie geplant. Es ist wenig später, als die Dinge beginnen aus der Bahn zu geraten.

„Die Entführer lassen grüßen“

Am Zoll angekommen, kontrolliert die Polizei meine Papiere. Mein Reisepass ist 2015 abgelaufen, laut dem Zollbeamten in Paris ist es mir trotzdem möglich, im Schengen-Raum zu reisen. Kein Grund zur Sorge also. Bloß gehört Bulgarien nicht zum Schengen-Raum und die bulgarische Grenzpolizei weiß das. Seit dem 1. September 2007 ist Bulgarien Teil der Europäischen Union, nicht aber Teil der Eurozone. Also unterliegt es auch nicht den gleichen Vorschriften. Allerdings sollte die Aufnahme Bulgariens (und Rumäniens) bereits Anfang 2014 erfolgen, wurde aber wegen des Widerstandes einiger EU-Länder, darunter Deutschland, Frankreich und die Niederlande, auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Abgesehen davon: Mir konnte gar nichts passieren, denn ich habe zusätzlich meinen Personalausweis dabei (für Staatsangehörige europäischer Länder ist kein Visum erforderlich). Zu meiner großen Überraschung lässt man mich wissen, dass auch er ungültig sei, genau wie mein Reisepass. Es folgen endlose Verhandlungen mit den Polizisten. Fünf Minuten später fällt der Satz. „Sie betreten keinen bulgarischen Boden, kehren Sie nach Frankreich zurück“, kündigt man mir in einem rollenden Englisch an. Verblüfft frage ich nach Erklärungen, aber so gut wie kein Mitglied des Zolls scheint gewillt, sich in Englisch zu äußern. Noch weniger in Französisch. Irgendwie scheint niemand mit mir reden zu wollen, nicht einmal hören zu wollen, was ich zu sagen habe. Als ich mich daran erinnere, 40 Euro abgehoben zu haben (das entspricht einem Sechstel des bulgarischen Mindestlohns), schießt mir eine sonderbare Idee durch den Kopf. Sofort verwerfe ich sie als klischeehaft, sogar herablassend.

Gleichwohl sind Fälle von Korruption innerhalb der bulgarischen Polizei bekannt. Verkehrsdelikte lassen sich durch Hilfe von Bestechungsgeldern und kleinen Arrangements regeln. Das berichtete auf jeden Fall der deutsch-französische Fernsehsender Arte 2014 in seiner Dokumentation mit dem Titel Bulgarien – Korrupte Polizisten unter Aufsicht. Die Dokumentation zeigt einen Polizeibeamten während einer Verkehrskontrolle, der sich einen 20-Lew-Schein (10 Euro) von einem Verkehrssünder zustecken ließ. In dieser Zeit rief der bulgarische Innenminister, Vesselin Vuchkov, ein monströses Vorhaben ins Leben und führte eine Vielzahl von Maßnahmen ein, die sich speziell gegen Missstände bei den Verkehrskontrollen richten. „Es ist merkwürdig Polizisten zu mobilisieren, nicht etwa, damit sie große Kriminelle jagen, sondern, um ihre eigenen Kollegen zu überwachen, die alleine der Versuchung erliegen würden“, erklärte der bulgarische Journalist Ivo Indjev auf seinem Blog.

Aldo

Einer der Polizisten mit ergrautem Haar und Bierbauch befiehlt mir, mich hinzusetzen. In seinem Holster steckt ein altmodischer Revolver, er ist der Inbegriff eines schmierigen Aufschneiders. Mich erinnert er an den italienischen Klischee-Macho Aldo Maccione, der dabei ist, junge Frauen aufzureißen, die am Strand in der Sonne liegen.

Endlich habe ich die französische Botschaft am anderen Ende der Leitung. Mein anfänglicher Enthusiasmus verblasst schnell. Mein Perso gilt seit Oktober 2016 als ungültig und jetzt, ein Jahr später, in Bulgarien, finde ich das heraus. Die Konsequenz: Ein Einreiseverbot nach Bulgarien wegen der Gefahr des Identitätsdiebstahls. Ich muss mich damit abfinden, dass ich am folgenden Tag nach Frankreich zurückgeschickt werde. Damals veränderte sich mein, bis dahin eher provokatives, Verhältnis zu den Grenzpolizisten grundlegend. Der bulgarische Aldo Maccione erklärt mir, dass ich bis 20 Uhr im Zollamt bleiben muss, bevor ich „frei“ sei und in die Transitzone zurückkehren könne, um die folgenden 24 Stunden dort zu verbringen.

Als er erkennt, dass ich vollkommen demoralisiert bin, bietet er mir eine Zigarette an. Nach wie vor herrscht ein Rauchverbot am Flughafen von Sofia, wie auch an allen anderen Flughäfen. Aber das scheint nicht für bulgarische Polizeibeamte zu gelten. „Cigarettes from Bulgaria, very good!“ Ich bitte darum, auf Toilette gehen zu dürfen. Aldo erteilt mir die Erlaubnis, solange ich nicht „die Flucht ergreife“, wie er deutlich macht. Er gibt mir einen festen Klaps auf die Schulter, gefolgt von einem dreckigen Lachen. Bei meiner Rückkehr heißt er mich in Bulgarien willkommen, noch immer laut lachend.

Er holt eine Flasche Alkohol hervor und stellt zwei Gläser auf den Tisch. Ich merke, dass er bereits betrunken ist. Wenn ich sage, dass er zwei Gläser abstellt, ist das untertrieben. In Wirklichkeit war Aldo nicht ganz so zimperlich, getreu dem bulgarischen Cowboy-Image.

Er versucht, mich über die Flasche aufzuklären. Ich verstehe kein Wort außer der Tatsache, dass es sich um fünfzigprozentigen Alkohol handelt und der Inhalt irgendwas mit gegorener Milch zu tun hat. „Auf Frankreich und Bulgarien!“ ruft er, das Glas hebend, bevor er den Inhalt hinunterstürzt. Ich mache es ihm nach. Der Geschmack erscheint mir seltsam, aber angesichts der Umstände ist das nicht weiter verwunderlich. Ein Telefon klingelt. Die Melodie ist mir mehr als vertraut, sie hat mich meine ganze Kindheit lang begleitet. „Mögt ihr Supermario in Frankreich?“ fragt Aldo mich mit vollem Ernst. Ich überlege, was für eine Relevanz meine Antwort haben könnte, aber ohne einen logischen Zusammenhang in dieser Geschichte zu finden, begnüge ich mich damit zu nicken.

Eine Person platzt in den Raum. Vermutlich handelt es sich um einen Polizisten oder einen Freund Aldos. Er hält eine Aktentasche in seinen Händen. Als er sie vor meinen Augen öffnet, holt er eine Art zerlegtes Sturmgewehr hervor. Aldo ist nicht halb so überrascht wie ich, er scheint eher amüsiert. Er tauscht sich mit seinem Freund aus, wahrscheinlich fragt er ihn, ob das Gewehr geladen ist, aber das kann ich nicht garantieren - ich spreche kein Bulgarisch.

Nia

Nach einer langen Wartezeit sagt man mir schließlich, dass ich morgen um 17 Uhr ausreisen dürfe und es mir nun erlaubt sei, mich frei in der Transitzone zu bewegen. Zum krönenden Abschluss versucht Aldo mich mit Flachwitzen über bulgarische Frauen und Striptease-Tänzerinnen aufzuheitern. Als er seine Schicht beendet, wünscht er mir viel Glück und gibt mir einen letzten Klaps auf die Schulter. Eine Polizistin nimmt seinen Platz ein. Auch sie ist bewaffnet, wie alle Polizisten am Flughafen. Sie kennt meine Situation noch nicht. Ich erhebe mich, um sie ihr zu erklären und sie entgegnet, dass ich nach Alkohol rieche. Ich versuche ihr begreiflich zu machen, dass es ihr Kollege war, der mich zum Trinken animiert hat, aber sie hört mir nicht zu. Stattdessen befiehlt sie mir, mich hinzusetzen. Was für eine großartige Atmosphäre im neuen Team...

Beim Überqueren der Zollgrenze erschallt die bulgarische Nationalhymne aus einer Box über dem automatischen Türsystem. Ich widme ihr keine Aufmerksamkeit und erklimme die Rolltreppe, um in die Transitzone zu gelangen. Ausgehungert steuere ich die erste Fast-Food-Kette an, die ich sehe. Ein weiterer Fehlschlag: Der Kassierer akzeptiert keine Euros. Ich verlasse den Ort, bitter enttäuscht und verärgert, und halte nach einem Platz Ausschau, wo ich die Nacht verbringen kann. Ich laufe das ganze Terminal ab, bis ich schließlich einen Massagesessel aus schwarzem Leder entdecke. Eine junge Bulgarin sitzt daneben. Sie heißt Nia, ist 19 Jahre alt und arbeitet drei Tage die Woche am Flughafen. Ihr Job ist es, Reisenden Ausflüge in die Welt der augmented reality anzubieten. Es ist die Attraktion des Terminals und kostet fünf Euro. Für zehn Minuten.

Schnell gewinnt sie meine Sympathie. Ihr Englisch ist sehr gut, das vereinfacht die Kommunikation deutlich. Ich erzähle ihr meine Geschichte von Anfang an. Sie scheint Mitgefühl mit mir zu haben, eine echte Wohltat für mich. Nia sagt, dass sie sich mit der bulgarischen Bevölkerung generell nicht stark verbunden fühlt. „Die Leute verstehen nicht, warum ich Tattoos trage oder wieso ich mit einem Lippenpiercing durch die Gegend laufe. So ist das Leben“, erklärt die junge Frau. Die Teilzeitbeschäftigung erlaubt es ihr, etwas Geld beiseite zu legen, zusätzlich arbeitet sie als Fotomodel für eine Agentur. Sie hofft, so ihr Grafik-Design Studium in Italien fortsetzen zu können. Um Mitternacht verlässt Nia den Flughafen und ich kehre mit einem Knoten im Bauch zu meinem Massagesessel zurück, um den Morgen abzuwarten.

Die Rückreise

Mit steifem Nacken wache ich auf und mache mich auf den Weg zur Polizeiwache. Dort erwarten mich zwei französische Polizeibeamte, um mich nach Frankreich zurückzuführen. Naja, nicht ganz. In erster Linie kamen sie auf Anweisung des Innenministeriums, um einen jungen afghanischen Flüchtling zu eskortieren, der wie ich in Bulgarien festsaß. Dessen Ziel ist es, nach Frankreich zurückzukehren, um sich dort niederzulassen. Die Polizisten haben auch die Mission, mich nach Paris zurückzubringen, aber erst im zweiten Schritt. Wir sitzen im gleichen Boot, der Flüchtling und ich, ich schenke ihm ein Lächeln. Er scheint zufrieden nach Frankreich zurückkehren zu können. Dorthin, wo er einige Wochen zuvor keinen Erfolg mit seinem Asylgesuch hatte.

Ich unterhalte mich mit den Polizisten genauso über meine Situation wie über seine und erkenne, dass seine Freude leider nur von kurzer Dauer sein wird. Die Worte der französischen Grenzpolizei hallen noch in meinem Kopf wider. Der Höherrangigere der beiden erklärte mir, wie einfach es für sie sei eine Person ohne Papiere zu erkennen, insbesondere, wenn es sich um „Schwarze mit weißen Schuhen“ handele. Es war das Folgende, was mich betrübte. „Unser kleiner Kerl hier ist richtig glücklich. Da Bulgarien ihn nicht will, wird man ihn nach Frankreich zurückholen. Er weiß nicht, dass er nach seiner Haftzeit festgehalten und nach Afghanistan zurückgeschickt werden wird.“ Perplex frage ich ihn, wie er sich da so sicher sein kann. Er fährt fort: „So läuft es immer. Alle Anwälte werden sich auf ihn stürzen und ihn glauben lassen, dass es möglich ist, ihn und seine Familie zu retten“, nach seiner Aussage juristisch ein Ding der Unmöglichkeit. Für den Polizisten gibt es keine Zweifel am Schicksal des Flüchtlings. Man wird ihm erst 2000 Euro aus der Tasche ziehen und dann muss er in sein Land zurückkehren. Der Beamte endet mit einer zweifelhaften Moral. „Immer wird die Polizei durch den Kakao gezogen, aber nie reden wir über den Rest. Alle möchten sich die eigenen Taschen vollstopfen, denn so ist es nunmal, Geld regiert die Welt.“

Nach zahlreichen Verhandlungen mit unterschiedlichen Airlines gelingt es schließlich, ein Ticket für mich aufzutreiben. Ich gehe auf die Abflughalle zu, gefolgt von den beiden bulgarischen Polizeibeamten, mit denen ich schlussendlich ganz gut zurechtgekommen bin. Vor den Duty-free-Shops frage ich sie nach dem besten Erzeugnis, das lokal in Bulgarien produziert wird. Zu meiner großen Überraschung antwortet man mir, es handele sich um Wein. Im Ernst? Ich reiche den beiden Polizisten, die mir einen guten Rückflug nach Frankreich wünschen, die Hand und betrete leichten Herzens das Flugzeug.

Bei meiner Ankunft erwartet mich ein Polizeiwagen auf dem Rollfeld unweit des Flugzeugs. „Sind sie das, der Journalist, der aus Bulgarien verwiesen wurde?“ Ich nicke lachend, denn noch immer erscheint mir die Situation absurd. Man sammelt mich ein, um mich zur Polizeiwache am anderen Ende des Flughafens Charles de Gaulle zu bringen. Nachdem mein Vorstrafenregister überprüft worden ist, teilt man mir mit, dass alles in Ordnung ist. Ich beschließe, den Beamten meine epische Saga über Bulgarien zu erzählen. Sie können nicht verstehen, warum mir die Einreise verboten wurde, trotz des abgelaufenen französischen Reisepasses. Sobald es mir freigestellt ist zu gehen, mache ich ein paar Schritte auf die Tür zu. Dann drehe ich mich nochmal um und teile ihnen mit, dass ich beabsichtige eine Geschichte über das groteske Abenteuer zu schreiben, das ich gerade erlebt habe. Sie scheinen es zu billigen. Eine Polizistin wirft ein: „Vergessen Sie nicht, von uns zu berichten in Ihrem Artikel. Und ausnahmsweise mal positiv, das wäre doch mal was Außergewöhnliches.” Ich schmunzle und schließe hinter mir die Tür. Für einige Momente bleibe ich dort regungslos stehen und denke an alles zurück, was mir passiert ist. Auch für mich ist es eine außergewöhnliche Erfahrung.

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