Armenien: Unterwegs im Land der Steine

Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2017
Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2017

In seinem Bildband In the Country of Stones, der Mitte Juni 2017 erscheint, erzählt uns der französische Fotograf Nicolas Blandin von seiner Reise nach Armenien, indem er uns die Gesichter und Landschaften eines politisch und geografisch ‘abgeschiedenen’ Landes zeigt.

cafébabel: Warum nennst du Armenien das Land der Steine? 

Nicolas Blandin: Armenien (auf Armenisch 'Hayastan') wird von seinen Einwohnern wegen seiner hauptsächlich von Bergen und Lavagestein geprägten Landschaft oft 'Karastan' (Land der Steine, AdR) genannt. Laut einer armenischen Legende hat Gott, als er die Welt geschaffen hat, Erde und Steine durch ein riesiges Sieb gegeben. Die lose Erde ist auf der einen Seite herausgekommen und die Steine auf der anderen, genau dort wo sich heute Armenien befindet.

cafébabel: Welches Armenien wolltest du in deinem Projekt zeigen?

Nicolas Blandin: Meine Bilder sind das Ergebnis einer sehr persönlichen und subjektiven Herangehensweise. Armenien hat mich in mehreren Hinsichten fasziniert: Einerseits ist da die Art und Weise, wie sich die Geschichte und die kollektive Erinnerung visuell auf die Landschaft auswirken, sei es nun über die eindringlichen Überbleibsel von 71 Jahren Sowjet-Regime. Andererseits die Auswirkungen des Erdbebens von 1988 im Norden des Landes, der Völkermord und die Grenzkonflikte. Die persönlichen Geschichten der Menschen und die Symbole, die davon zeugen, dass Armenien das erste Land war, das offiziell das Christentum als Religion anerkannte (seit 301), haben mich ebenfalls berührt. Und dann ist da noch diese schwer fassbare Wirklichkeit einer sowohl geografischen als auch politischen Enklave, die sich nur nach ihren eigenen Regeln zu entwickeln scheint. Das Ganze gepaart mit unglaublichen Momenten der Anmut und Schönheit, trotz wirtschaftlichen Schwierigkeiten und rauen Landschaften. 

cafébabel: Wie bist du in Armenien gereist? 

Nicolas Blandin: Im September 2013 bin ich drei Wochen lang zusammen mit meiner Freundin durch Armenien gereist. Wir hatten bereits von der legendären armenischen Gastfreundschaft gehört, wussten aber nicht, welch netter Empfang, welche Neugier und welches Entgegenkommen uns erwarten sollte. Einige Dörfer sehen so selten Fremde, dass man dort sofort nett begrüßt und auf einen Kaffee eingeladen wird. Während der Reise hatten wir manchmal das Gefühl, entfernte Verwandte zu treffen und waren entschlossen, eines Tages wiederzukommen. Ich habe also die Gelegenheit eines YMCA-Volontariats genutzt, um mehr Zeit im Norden des Landes zu verbringen, diesmal mitten im Winter.

cafébabel: Was empfiehlst du jungen Europäern, die Armenien entdecken wollen? 

Nicolas Blandin: Armenien ist ein Land voller Geschichte, Kultur und Kontraste. Die Reise ist auf jeden Fall empfehlenswert, gerade schon wegen der neugierigen und offenen Einwohner. Der Südkaukasus ist eine faszinierende Region, ein Knotenpunkt zwischen Europa, Russland, Zentralasien und dem Mittleren Osten.

cafébabel: Und ist das Reisen dort einfach?

Nicolas Blandin: Wenn man nicht gerade Armenisch oder Russisch spricht - Englisch wird nur selten gesprochen, auch nicht in Jerewan, der Hauptstadt - muss man schon etwas gewieft sein, um die Sprachbarrieren und fehlenden Infrastrukturen zu überbrücken. Aber die Neugier und das Entgegenkommen der Armenier lässt einen all diese Hürden schnell vergessen. 

cafébabel: Was für Menschen hast du in Armenien getroffen? 

Nicolas Blandin: Regelmäßige Ortswechsel, die Neugier und die Fotografie sorgen dafür, dass man die verschiedensten Menschen trifft. Ich habe junge und weniger junge Leute, Ortsansässige und Mitglieder der armenischen Diaspora auf der Suche nach ihren Wurzeln getroffen; Menschen, deren Familienmitglieder über die ganze Welt verstreut leben; Familien, die mehrere Monate im Jahr voneinander getrennt sind; Männer, die in Russland arbeiteten, um ihren Unterhalt zu verdienen. 

cafébabel: Und ein außergewöhnlich komischer Moment deiner Reise? 

Nicolas Blandin: Als wir per Anhalter in der Nähe des Klosters Chor Virap unterwegs waren, hielt ein Auto an. Wir stellten uns wie üblich vor. Als meine Freundin sagte, dass sie Deutsche sei, sagte Samuel, der Fahrer, der ein Jahr zu DDR-Zeiten in Deutschland gelebt hatte, plötzlich lachend auf Deutsch: 'Was ist los? Nichts ist los. Arbeitslos!'

cafébabel: In Europa ist Armenien ziemlich unbekannt. Einer der ersten Einträge auf google ist der armenische Völkermord. Welche drei Dinge sollte man in Armenien unbedingt kennen?

Nicolas Blandin: Eines der unzähligen Kloster (einige aus dem 4. Jahrundert), die auf einem Hügel über einem See oder Canyon tronen: Chor Virap und sein wunderschöner Blick über den Berg Ararat, das Kloster Norawank und seine roten Berge, Tatew oder auch Sewanawank am Sewan-See, um nur einige zu nennen. 

Auch die Gemälde des Malers Minas Awetissjan. Sein Haus in Jajur, in der Nähe von Gjumri, ist heute ein kleines Museum. Und dann gibt es da noch die eingelegten Nüsse, die Früchte, das Gemüse, den Lavash (ein dünnes Fladenbrot, AdR) und die armenische Küche im Allgemeinen.

cafébabel: Die Welt ist in der Frage des armenischen Völkermordes sehr gespalten. Sind die Armenier offen, über diese schmerzhafte Vergangenheit zu sprechen? 

Nicolas Blandin: Die Menschen wünschen sich natürlich, dass man sich der Opfer ehrenvoll erinnert und dass der Völkermord offiziell anerkannt wird. Aber diese offizielle Anerkennung wird von wichtigen diplomatischen, finanziellen und territorialen Interessen ausgebremst.

cafébabel: Erinnern sich junge Armenier 25 Jahre nach dem Untergang der UdSSR noch an diese Zeit?

Nicolas Blandin: Das kommt darauf an wen man fragt und wie alt sie damals waren. Für einige, insbesondere im Norden des Landes, kam der Untergang der UdSSR zusammen mit dem Erdbeben von 1988. Zwei Umbrüche, die man wohl kaum vergessen kann. 

cafébabel: Oft sind die Satellitenstaaten der ehemaligen Sowjetunion nachwievor gespalten. Wie stehen junge Armenier zu Europa und Russland?

Nicolas Blandin: Seit seiner Unabhängigkeit 1991 hat Armenien aufgrund wirtschaftlicher und politischer Interessen enge Beziehungen zu Russland bewahrt. Das Land ist in der Tat eine Art geografische Enklave und politisch mit einer Blockade der Türkei im Westen und von Aserbaidschan im Osten konfrontiert. Wegen mangelnder Jobchancen verdienen viele junge und weniger junge Armenier ihr Geld - zumindest einen Teil des Jahres - in Russland. 

Aber der Blick der Menschen, insbesondere der jungen Generation, ist auch nach Europa und auf die USA gerichtet, in denen ein Großteil der armenischen Diaspora lebt. Auch die armenische Außenpolitik sucht zunehmend stärkere Unterstützung im Westen.

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Ansehen: Nicolas Blandin - 'In the Country of Stones' (Juni 2017, Another Place Press)