Arianna Giorgia Bonazzi über die Eitelkeit, übersetzt zu werden

Artikel veröffentlicht am 29. August 2008
Artikel veröffentlicht am 29. August 2008
Ein Gespräch mit der 25-jährigen italienischen Autorin, die uns ihren Werdegang erzählt. Ein Weg von Udine bis zum italienischen Staatsfernsehen RAI in Mailand, mit Zwischenstopps in Paris und der Privatschule “Scuola Holden“ von Alessandro Baricco, aber immer mit einem Blick zu den Sternen.

Ich treffe Arianna Giorgia Bonazzi in einem massiven Gebäude neben dem Hauptsitz des italienischen Staatsfernsehens RAI am Corso Sempione, wo sie seit einiger Zeit arbeitet. Ihre Stimme kommt mir wie die eines Kindes vor, obwohl die Nachwuchsautorin fast 26 Jahre alt ist. Sobald sie über ihr erstes Buch “Les Adieux“ (Die Abschiede, A.d.R.) spricht, hat man den Eindruck, einem Kind zuzuhören, das Dinge beschreibt, die Andere nicht sehen können. An diesem regnerischen Tag, der Mailand noch düsterer wirken lässt, trägt sie eine grüne Jacke und einen Schal mit allen Farben des Regenbogens. “Ach was, Mailand ist doch gar nicht so grau. Weißt du, dass es an den Navigli (antike Schifffahrtskanäle in Mailand, A.d.R.) einen Ort mit einem Haufen Fröschen gibt, die zu jeder Tages- und Nachtzeit ein tolles Spektakel veranstalten?“, erzählt sie, während sie eine Piadina isst. Die Hälfte der Fragen, die ich eigentlich stellen wollte, sind schon vergessen.

Traumberuf in der Wissenschaft

©Fandango“Als ich klein war, wollte ich Wissenschaftlerin werden, aber nicht, um schiefe Ebenen zu berechnen, ich blickte zu den Sternen…“, sagt sie plötzlich und da kommt einem in den Sinn, dass die Hauptfigur ihres Buches einzig und allein ein erzählendes “Ich“ ist.

Arianna, die zu den Sternen blickt, hatte stets ein Notizbuch in der Hand. Darin beschrieb sie die Sterne aus den verschiedenen Perspektiven der Orte, an denen sie lebte und die in ihrem Inneren weiterleben. Udine, Mailand, Paris, Turin und jetzt wieder Mailand. Auf der Landkarte ihres Lebens gibt es auch ein großes Stück ehemaliges Jugoslawien. Dies ist ganz normal für alle, die dicht an der italienisch-slowenischen Grenze geboren werden und leben - einer Grenze, die es nun seit wenigen Monaten nicht mehr gibt.

Diese Orte hinterließen Wörter und Klänge, die sich auf die Schreibfeder übertrugen, so wie in dem Stück, das am Theater Eliseo in Rom inszeniert wurde. Sie erinnert sich: “Auf der Bühne standen eine Schauspielerin, die meinen Text vorlas, ein malendes Mädchen, das sich frei an dem inspirierte, was sie während der Lektüre hörte, ein junger Mann, der musizierte … und ich, die in einem Topf Blumenkohl kochte.“ Das Vermischen und Kreuzen der Sinne, um die anwesende “Hand voll Leute“ in ihre ganz besondere Prosa eintauchen zu lassen, ist schon die halbe Poesie.

Die Welt mit anderen Augen sehen

Arianna urteilt nicht und macht keine Unterschiede. Sie sucht nach den Beziehungen zwischen Dingen und Sätzen, das Verbindungsglied zwischen verschiedenen Etappen, den europäischen Städten, in denen sie gelebt und aus denen sie Erfahrungen und Geschichten gesaugt hat. “Genau genommen ist Turin ein bisschen wie Paris. An einigen Orten herrscht eine ähnliche Atmosphäre, in Turin zum Beispiel in der Via Barbaroux oder in Paris, wenn man aus dem Fenster “meiner“ Linie 2 der Metro schaut.“ Als Studentin der “Scuola Holden“, dem Projekt des genialen italienischen Schriftstellers Alessandro Baricco, erlebte sie Turin auf eine ganz besondere Weise. Sie selbst definiert die Holden als “eine Art Labor, das hilft, sich besser zu fühlen und die Welt mit anderen Augen zu sehen.“

©A.G.B.

Diese Fähigkeit, die Welt anders zu sehen, hat Arianna auf alle Fälle, ein bisschen von Natur aus und ein bisschen angeeignet. Sie ist beides, sozusagen ein Naturtalent mit Veranlagung zur Arbeit. Nach ihrem Hochschulabschluss in Kommunikationswissenschaften und zwei Jahren an der Holden stellt sich Arianna erneut zur Diskussion und fängt ganz von vorne an. Sie meldet sich zum Studiengang in wissenschaftlicher Philosophie an und arbeitet nebenbei. Ein kohärenter Schritt im Hinblick auf das kleine Mädchen, das Wissenschaftlerin werden wollte? “Es ist ein ganz anderer Ansatz, im Grunde bin ich gar nicht so verrückt nach Zahlen.“ Diese Erklärung überrascht, besonders bei jemandem wie Arianna, die die Kapitel ihrer Bücher mit seltsamen mathematischen Formeln wie “Alle“, “Alle + 1“, “Alle + 1 – 2“ betitelt. “Schon, aber wenn du “Alle + 1 – 1“ schreibst, kannst du das in der Mathematik vereinfachen. Da schreibst du “Alle“ und damit basta. Ich will aber sagen, dass wir zuerst “Alle“ da waren, dann jemand dazukam und schließlich jemand anderer wegging. Bei Vereinfachungen geht eben immer etwas verloren.“

Ein kindlicher Schreibstil

Der Schreibstil ihres ersten Buches ist absolut einfach, der Schreibstil eines Kindes, das die Welt so stark vereinfacht, dass sie stellenweise fast unverständlich wird. Und er ist unübersetzbar. “Als Übersetzerin (aus dem Englischen und Französischen, A.d.R.) glaube ich nicht, unübersetzbar zu sein. Es würde mir sehr gefallen, meine Werke in die Sprachen, die ich kenne, selbst zu übersetzen. Andererseits denke ich, dass am Ende die Eitelkeit, übersetzt zu werden, stärker ist als die Gefahr des Verrats, die unvermeidlich in jeder Textversion steckt.“ Aber macht es nicht Angst, sich vor einem potenziell noch breiteren Publikum zu entblößen? “Das stimmt schon, in dem Buch steht alles geschrieben, oder fast alles, aber mit der Gewissheit, dass immer eine Transfiguration vorhanden ist, kann ich sicher sein, mich selbst nicht zu stark preisgegeben zu haben.“

In ihrem Buch steckt sie selbst, aber auch Vieles ihrer Dozenten von der Holden. Diese betitelt sie mit dem Beinamen “Maestro“, der an Werte anderer Zeiten erinnert und tiefe Achtung zum Ausdruck bringt. Auf der kurzen Liste stehen auch Alessandro Baricco sowie eine ihrer früheren Gymnasiallehrerinnen, mit der sie eine wahre Freundschaft verbindet.

Maestro Baricco hat eine Überzeugung, die sie berührt: Mit 25 ist die Zeit reif, ein Projekt umzusetzen. Für einen Schriftsteller bedeutet dies oftmals, “die Idee für einen Roman zu haben. Ich weiß das, darum will ich mich jetzt an die Arbeit machen“, antwortet sie mit entschlossenem Blick. Dann lächelt sie, grüßt und entfernt sich auf dem Corso Sempione, in die Richtung des grauen Gebäudes, von dem die elektromagnetischen Wellen ausgehen, die Farben und Klänge in die Wohnungen ganz Italiens tragen. Zweifelsohne ein guter Beobachtungsposten, um in die Sterne zu blicken.