Ariadna Gil, Menschen brauchen Träume

Artikel veröffentlicht am 4. November 2006
Artikel veröffentlicht am 4. November 2006

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Die Schauspielerin Ariadna Gil ist in Spanien ein Star. Mit cafebabel.com spricht sie über ihre ernsten Rollen, das europäische Kino und die Notwendigkeit, zu träumen.

Kameras, Chefredakteure, die mit dem Handy telefonieren, ratlose Reporter: Gerade hat das Filmfestival in Sitges (Nordostspanien) begonnen. Obwohl elf Uhr schon vorbei ist, lässt Ariadna Gil auf sich warten. Nichts scheint an seinem Platz zu sein.

Als sie endlich in der Tür erscheint, legt sich das Chaos. Ihr Auftreten beruhigt alle Anwesenden. Gemeinsam können wir aus dem Getümmel flüchten. Wir fahren mit dem Hotelfahrstuhl nach unten und finden uns auf der Terrasse der Hotelbar wieder. In der Ferne ist das Wellenrauschen des Meers von Sitges zu hören, einer Ortschaft ein halbe Autostunde von Barcelona entfernt. Normalerweise ist Sitges als Reiseziel für Homosexuelle bekannt. Doch außerdem empfängt die Stadt jeden Herbst das beste Fantasykino der Saison.

Ariadna hat sicher schon eine Stunde lang mit Reportern geredet. Doch auch uns gegenüber zeigt sie ihr gewinnendes Lächeln. Sie hat in den größten spanischen Produktionen der letzten Zeit immer ernste Rollen übernommen, so in Soldados de Salamina („Soldaten von Salamis“, 2003) oder Alatriste (2006).

Erwachen aus den Träumen der Kindheit

Zunächst aber erzählt sie von El laberinto del fauno. Der neueste Film der Schauspielerin unter der Regie von Guillermo del Toro wird in Sitges vorgestellt. Das kleine Mädchen in der Hauptrolle des Filmes versucht, durch seine Fantasie den Schrecken des spanischen Bürgerkrieges zu entfliehen.

Adriana Gil hat keinen einfachen Part: „Ich spiele die Rolle einer deprimierten Frau. Einer Frau, die fordert, dass ihre Tochter die Kindlichkeit ablegen soll. Eine Frau, die ihrem Kind erklärt, dass das Leben um einiges komplizierter ist.“ Ariadna Gil ist selbst Mutter eines kleinen Mädchens. Ihr geht die Geschichte sehr nahe. „Es fällt mir schwer, die Person, die ich darstelle, zu verstehen. Die Tatsache, dass ich Kinder habe, macht mich sensibel für das Thema. Einem Kind zu sagen, dass es aufhören soll zu träumen, muss eine der schmerzhaftesten Erfahrungen sein, die man machen kann.“

„Ich habe mein Leben lang geträumt“

Zum Glück musste Ariadna selbst niemals aufhören zu träumen. Sie ist 37 Jahre alt und lebt in der Welt des Kinos, seit sie 16 ist. Und diese Welt, was auch immer dagegen gesagt wird, bleibt ein Ort der Träume für alle, die es schaffen, voranzukommen. Gil wurde von Bigas Lunas entdeckt, dem großen Talentsucher, der auch schon Penélope Cruz auf die Leinwand gebracht hat. Sie hat eine steile Karriere hinter sich. Trotzdem schimmert immer noch die bezaubernde Jugendliche von damals durch.

„Ich habe mein Leben lang geträumt. Momentan sitze ich hier mit Ihnen, aber ich könnte abschalten und an andere Dinge denken. Ich glaube nicht, dass die Vorstellungskraft etwas Negatives ist. Wir haben alle ein Gehirn. Es hilft uns, die Probleme zuzudecken. Ich bin mir sicher, dass das Leben vieler Menschen ohne die Fähigkeit zu träumen nicht auszuhalten wäre.“ Ihr Blick verliert sich für einen Moment, sie nippt an ihrer Teetasse. An was Ariadna wohl gerade denkt? Sie scheint kaum zu merken, dass sie nicht allein ist.

Starke Frauenrollen

Von den Träumen geht es zu den Albträumen – zum Krieg. Wer Filme mit Ariadna gesehen hat, wird feststellen, dass sie sehr oft in Werken spielt, die den Krieg thematisieren. Filme wie Libertarias (1995), wo sie eine Anarchistin spielte, die im spanische Bürgerkrieg kämpft. In Soldados de Salamina (2003) stellt sie eine Schriftstellerin dar, die eine Episode dieses Konfliktes erforscht und beschreibt. In Hormigas en la boca (2005) mimt sie eine Idealistin, die in der kubanischen Revolution kämpft.

Es sind Rollen von starken Frauen. Sie verlangen ein persönliches Engagement. Auch wenn die katalanische Schauspielerin es nicht zugeben möchte. „Ich lasse mich mit meinen Rollen nicht mehr ein, als andere Schauspieler meiner Generation. Ich suche mir einfach nur die Filme heraus, die mich von dem Moment an interessieren, in dem ich das Angebot bekomme. Außerdem ist der Bürgerkrieg ein ständiges Thema im spanischen Kino und es ist normal, dass wir es wiederholen. Es ist ein schreckliches Ereignis und es ist Teil unserer jüngeren Geschichte“ Einverstanden, Ariadna. Vermutlich hat sie Recht.

„Wir kennen uns kaum“

In fünf Minuten muss Ariadna zu einer Pressekonferenz, und wir haben immer noch nicht über das europäische Kino gesprochen. Das Thema scheint sie zu interessieren. Ihre dunklen Augen strahlen, sie gerät ins Plaudern: „Hier ist es nicht wie in den Vereinigten Staaten. Dort herrscht der Markt und dank ihrer Filme wissen wir praktisch alles über sie. Aber andererseits wissen wir fast nichts über den Filmmarkt unserer europäischen Nachbarn.“

Sie hat schon wieder Recht. Wie viele holländische Filme werden in Spanien gezeigt? Und ungarische, deutsche? Wenige, sehr wenige. Und im übrigen Europa sieht die Situation nicht anders aus. „Es ist schwierig, einen Ideenaustausch zwischen den Ländern der EU anzuregen. Wir kennen uns kaum und es fällt uns schwer, Risiken einzugehen. Aber wir verlieren dadurch an Stärke.“

Kann man dieses ewige Problem Europas lösen? Ariadna wei, was fehlt: das Geld. „Ich weiß, dass es nicht gut ankommt, das zu sagen. Aber über ein großes Budget zu verfügen, hilft dir dabei, die Dinge gut zu machen und die Filme besser exportieren zu können...“ Bevor sie den Satz zu Ende sprechen kann, taucht ihr Manager auf und gibt uns gestikulierend zu verstehen, dass die Zeit um ist.

Wie es sich für einen Profi gehört, beendet Ariadna ihre Antwort, indem sie an den erfolgreichen Fall einer großen Produktion wie Alatriste erinnert. Dann verabschiedet sie sich. Wir schauen ihr nach. Sie ist makellos angezogen: schwarze Stoffhose, dazu passende Schuhe und eine weiße Bluse. Bevor man ihre Größe schätzen kann, ist sie schon durch die Tür der Hotelbar entschwunden.

Einige Stunden später begegnen wir ihr erneut. Sie hat sich von oben bis unten umgezogen und spricht mit dem Schauspieler Sergi López und dem Filmproduzenten Guillermo del Toro. Sie scheint ungezwungener, wahrt aber den Anstand. Über Ariadna Gill wird oft gesagt, dass sie eine kühle und distanzierte Schönheit sei. Auf dem Filmfestival in Sitges zeigt sich uns viel eher eine schlichte und elegante Frau. Eine zurückhaltende und attraktive Schauspielerin, die noch viel zu sagen hat.