Arbeitskraft: Exportware Nr.1

Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2006

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Über 800 000 Bulgaren verdienen ihr Geld im Ausland. Die meisten schicken das Geld zurück in ihre Heimat, um ihren Familien zu helfen.

Emil Koev arbeitet am Bau einer Vorortvilla in Bergisch Gladbach. Er schickt seinen Eltern in Bulgarien dreimal im Jahr je 400 Euro nach Hause. „Meine Eltern schämen sich, dass sie sich von mir helfen lassen müssen.“ Doch eine andere Wahl haben sie nicht: Ihre Renten, je 70 Euro, reichen nur bis zur Monatshälfte, selbst wenn sie nichts als Milch, Brot und selten Fleisch einkaufen. Gemüse, Kartoffeln und Obst bauen sie wie viele Bulgaren in ihrem Schrebergarten an. „Im letzten Winter standen sie mit Jacken und Mützen in der Wohnung: Die Heizung wurde ihnen abgestellt“, erinnert sich der Schwarzarbeiter. Das Geld, das Koev einem Kollegen auf Heimreise mitgibt, kam mit Verspätung.

Stütze der bulgarischen Wirtschaft

Seit 1991 haben rund 820 000 Bulgaren ihr Land verlassen, sagt Krassen Stanchev, Direktor des Institutes für Marktwirtschaft (IMW) in Sofia. 40 Prozent davon würde ihr Geld in Bulgarien investieren. Stanchev geht davon aus, dass das Geld, das die Emigranten nach Hause schicken, die Hälfte der ausländischen Investitionen in Bulgarien für die letzten vier Jahre übersteigt. Im Geschäftsbericht der Bulgarischen Nationalbank für das Jahr 2005 steht, dass 1,1 Milliarden Euro Emigrantengelder in die bulgarische Wirtschaft geflossen sind. Eine Studie des IMW vom letzten Jahr belegt, dass diese Gelder zwischen 1,5 und 3,5 Prozent vom jeweiligen Bruttoinlandprodukt in den letzten Jahren ausmachen könnten. Ein „gesundes“ Verhältnis, wie die IMW-Studie feststellt.

In Bulgarien hat es Tradition, auf Gurbet („Gastarbeit“) zu gehen, also Arbeit fern der Heimat zu suchen. Im 18. oder 19. Jahrhundert wohnten in vielen bulgarischen Dörfern und Kleinstädten nur Frauen, Kinder und alte Menschen. Die Männer waren als Handwerker oder Gärtner in den Nachbarländern unterwegs. Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten sie zunehmend nach Amerika aus. Heute orientiert sich der größte Teil der bulgarischen Emigranten laut dem Nationalen Statistischen Institut in Sofia nach Griechenland und Deutschland.

Die Studie des IMW zeigt, dass der typische bulgarische Emigrant zwischen 30 und 45 Jahre alt ist und eine mittlere Ausbildung hat. Die Hälfte arbeitet illegal – am Bau, in der Gastronomie oder in der Landwirtschaft, durchschnittlich für sechs Euro die Stunde. Meistens ohne Kranken- und Sozialversicherung und ohne Steuern im Gastland zu zahlen. Über 70 Prozent der Emigranten planen nur so lange im fremden Land zu bleiben, bis sie genug Geld zusammenhaben – also durchschnittlich bis vier Jahre lang.

Sie alle wagen den schweren Schritt ins Ungewisse, da sie mit dem üblichen bulgarischen Einkommen ihre Familie nicht durchbringen können. Laut IMW ist der derzeitige bulgarische Bruttomonatslohn zehnmal kleiner als in Griechenland und 22 bis 24mal kleiner als in Deutschland. Bulgaren suchen häufiger Arbeit im Ausland als ihre rumänischen Nachbarn – obwohl dort die Lebensverhältnisse genauso prekär sind. Die Emigrationsrate ist in Bulgarien laut The CIA World Fact Book viermal höher als in Rumänien.

Immobilien und kleine Geschäfte

Die, die zurück nach Hause kommen, bringen neueste Kenntnisse in ihrem Beruf und Erfahrung mit der westlichen Geschäftskultur nach Hause. Die Heimkehrer investieren das Gesparte vorwiegend in Immobilien und in kleine Geschäfte. Emil Koev will es wie seine Kollegen machen: Er nimmt bei einer deutschen Bank einen Kredit auf, da die Zinsen hier günstiger als in Bulgarien sind. Er legt das Gesparte drauf und kauft ein Haus direkt an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Koev plant, es an westliche Touristen gegen harte Währung zu vermieten. So will er seine Familie versorgen. Andere Emigranten kaufen Grundstücke oder Panelwohnungen. Manche bauen sich ein kleines Geschäft auf: eine Bäckerei, einen Eisenwarenladen oder eine Heilpraxis. Der bulgarische Fiskus wacht mit Argusaugen, dass ihm keine Abgaben entgehen. Koev erzählt einen Gag, den er von seinen bulgarischen Emigrantenkollegen in Bergisch Gladbach gehört hat: „Der bulgarische Emigrant malocht für seine Familie zuhause. Diese besteht aus Frau, Kindern – und einem Heer bulgarischer Beamten.“