Anti-Krisen-Design in Wien

Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2010
"Daran ist nur die Krise schuld!" Große Worte am Stammtisch. Die Krise, die hinter jedem individuellen oder nationalen Problem lauert, sei verantwortlich für all das Übel in Österreich. Weit ab von dieser allgemeinen Verdrossenheit haben Wiener Designer lieber nach raffinierten und unterhaltsamen Anti-Krisen-Ideen gesucht. Eine Führung anlässlich der Vienna Design Week.

Stell dir vor, du nippst an einem Wiener Kaffee im piekfeinen Museums-Viertel der österreichischen Hauptstadt, während du dich mit dem Ellbogen auf einem riesigen Darmtrakt stützst, gefolgt von einer ebenso überdimensionalen Analöffnung. Die BarRectum ist eine originelle Kreation des niederländischen Skulpturen-Künstlers Joep van Lieshout, die sich gleich neben dem Darwin befindet, einem gigantischen Spermium des gleichen Plastikers - äußerst praktisch für Verabredungen!

Mit den Skulpturen von Joep van Lieshout werden die banalsten menschlichen Tätigkeiten - Verdauen, Schlafen oder Sex haben - dargestellt, „was vom Publikum wirklich sehr gut aufgenommen wurde“, erklärt uns Wolfgang Schreiner, Leiter der PR-Abteilung des MUMOK (Museum für moderne Kunst in Wien) inmitten der hiesigen Design-Woche. Wie könnte man sich humorvoller und kreativer mit der Krise auseinandersetzen, als durch den Verweis auf unsere elementaren Verdauungsfunktionen? Denn sowohl in Österreich als auch in Europa ist nicht mehr nur in den Medien die Rede von „der Krise“, sondern einfach überall. Wenn die Designer in Wien nun aber vorgeben, von diesem Phänomen nicht betroffen gewesen zu sein, zeugt der Einfallsreichtum ihrer Designs davon, dass es sich dabei um alles andere, als um eine hochstaplerische Künstleraussage handelt. Ganz im Gegenteil! In Zeiten der ökonomisch-ökologischen Krise, in denen man nachhaltig denken muss, ist die Design-Ausstellung eine Fundgrube für neue Ideen.

Krisenmobiliar: Lauschig und bequem oder prekär und provokativ

Möbel-Designer Robert Rüf lässt die reaktionäre napoleonische Nachkriegsära wieder auferstehen

Designer wie Robert Rüf haben sich für die Ausstellung einen Raum ausgedacht, der wie ein Raum der Zuflucht in Krisenzeiten aussieht. Als das Möbelmuseum Hofmobiliendepot ihm im Rahmen der Design Woche freie Hand zum Thema "Leben in der Krise" ließ, versetzte sich Rüf in die Epoche des Biedermeiers zurück. In der napoleonischen Nachkriegszeit schlossen sich die Bürger aufgrund einer konservativen Reform zu Hause ein, um sich ein künstliches Glück - gemacht aus bequemem und funktionalem Mobiliar - zu schaffen. Zwei Jahrhunderte später entstand nun eine Krise anderer Art und Rüf dachte sich ein Interieur à la »Neo-Biedermeier« aus: „Ich habe meine persönliche Sichtweise dargestellt. Alles ist aus Holz, das erinnert mich an meine Kindheit auf dem Land. Die Oberflächen sind eben, die Möbel (ein Tisch und Stühle) gewollt schlicht gehalten. Ich wollte eine Atmosphäre der Intimität und Behaglichkeit schaffen.“

Die Designerinnen Lisa Elena Hampel und Kathrina Dankl (Label Danklhampel, beide 29 Jahre alt) gehen von derselben Feststellung wie Rüf aus, dass die Krise die Medien vereinnahmt. Die beiden Wienerinnen wollten den Sinn dieses abgenutzten Begriffs jedoch erweitern: „Wir wollten nicht irgendwas über die große Wirtschaftskrise machen, die in den Zeitungen allgegenwärtig, aber nicht unmittelbar greifbar ist. Wir haben die Krise lieber als eine persönliche Sache gesehen, das Ende einer Beziehung, eine prekäre Situation, ein Umzug. Mit der Grundsatzfrage: Wie gelingt es einem, das alles zu überstehen?“, erläutert Hampel. Danklhampel inszeniert zu diesem Thema einen Raum aus billigem und recycelbarem Material - aus Karton. Alles aus Karton, vom Nachttisch bis zum Lampenschirm! Die Besucher haben sich in dieser witzigen Darbietung als Nomaden wiedererkannt: Als Kartonstapler bis zur Decke.

Kunst der Wiederverwertung

Fotographie von Sandra Krimshandl-TauscherRecycling. Für die Schöpfer entstammt das Konzept „aus alt mach neu“ zu 100% der Krise. Die Modedesignerin Anita Steinwidder (Label Unartig) sammelt Socken und Strümpfe, die sie zu einem Patchwork zusammenfügt, um daraus einzigartige Kleidungsstücke zu kreieren. Das Ganze soll sich dann wie eine zweite Haut anfühlen. Ihr minimalistischer Concept Store in der Schottenfeldgasse beherbergt auch die Kreationen von mija t. rosa, einem Label, das von Julia Cepp gegründet wurde. Ihre Spezialität sind gesammelte Vintage-Stücke, die sie in ihre neuen Modelle integriert: „Ich habe jahrelang die verschiedensten Kleidungsstücke auf Flohmärkten gesammelt und schließlich hatte ich die Idee, sie wieder zu verwerten. Ich liebe es, mit bereits existierenden Stücken zu arbeiten. An ihnen orientiert sich sofort meine Arbeit. Ich mag die Idee, einem Stück wieder den Wert zu verleihen, den es bereits verloren hatte.“

Gewissen Unternehmen ist es sogar gelungen, aus dem Recycling-Design eine soziale Aktion zu machen. So zum Beispiel bei Gabarage Upcycling Design, die zum Anton-Proksch-Institut, der größten europäischen Klinik für Suchtkrankheiten, gehören. Gabarage (der Name setzt sich zusammen aus den Wörtern „Garage“ und dem englischen Wort für Müll; „garbage“) sammelt jede Art benutzten Materials - Plastik, Filmrollen, Planen, Verpackungen usw. - das sie anschließend zu richtigen Design-Objekten verwerten. Die Angestellten sind ehemalige Patienten der Klinik und schreiben ihren Kreationen einen therapeutischen Zweck zu: „Das Ziel lag darin, ein Unternehmen zu gründen, das den Patienten eine Therapie bietet, ihnen die Möglichkeit gibt, kreativ zu arbeiten und sich Schritt für Schritt wieder in die Arbeitswelt einzufügen“, berichtet Daniel Strobel, der Marketing-Beauftrage von Gabarage. Drum herum: Ehemalige Patienten, Designer, Handwerker, Psychologen und Sozialarbeiter. Die Objekte von Gabarage sehen aus, als wären sie wieder auferstanden: Die Sofas mit dem „langen Atem“ bestehen aus alten Plastikbehältern, sind mit LKW-Plane ausgepolstert und auf Rollen montiert. Der racingball big ist ein Lampenschirm, der aus alten Luftkammern eines Fahrrads besteht.

Derzeit zeigt zudem die Ausstellung „Phänomen Ikea“ des Hofmobiliendepots die ErfDas Design der Krise verlockt mit einer optimistischen Prise eines Post-Krisen-Bewusstseins: Billig, nachhaltig und ästhetisch…ein Design der Zukunft. olgsgeschichte des schwedischen Design-Giganten. Zwischen dem Vater des preiswerten Bücherregals Billy und den kleinen Wiener Designern - Anhängern der limitierten Auflage - stehen sich zwei unterschiedliche Visionen von Design gegenüber. Zwei Alternativen gegen die Krise, aus denen man nach Lust und Sinn für Ästhetik auswählen kann. 

Fotos: ©Lucian Stanescu; Robert Rüf: kollektiv fischka/fischka.com; Gabarage-Möbel: Sandra Krimshandl-Tauscher