Anselm Grün: "Homosexualität ist keine Sünde"

Artikel veröffentlicht am 10. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 10. Dezember 2008
Ein Gespräch mit dem Benediktinermönch und Schriftsteller Anselm Grün über Umbrüche in der katholischen Kirche, den Dialog mit dem Islam und eine humane Globalisierung.

Weit abgelegen vom Lärm der Großstädte, inmitten bestellter Felder und beschaulicher Dörfer, ragt majestätisch das Kloster Münsterschwarzach empor. Dass der Ort zu einer spirituellen Pilgerstätte Frankens wurde, ist vor allem ihm zu verdanken: Pater Anselm Grün, der schüchterne Geistliche mit dem charakteristischen Spitzbart, ist zu einer Art Popstar der katholischen Kirche in Deutschland avanciert. Seine esoterisch-frommen Werke wie Zur inneren Balance finden und Herzensruhe sind Bestseller und wurden in 28 Sprachen übersetzt. So zählt der Benediktinermönch weltweit zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren spiritueller Literatur.

Pater Anselm empfängt mich am frühen Samstagmorgen an der Klosterpforte und führt mich zunächst - auf meinen Wunsch - in die klostereigene Cafeteria, der geeignete Ort für einen Brunch. Umringt von Seelsorge suchenden Damen scheint bald aber ein Rückzug angemessen: mit einer Tasse Kaffee begeben wir uns in ein stilles Nebenzimmer, wo Anselm Grün beginnt aus seinem Leben zu erzählen.

Gleich nach dem Abitur entschied sich der heute 62-jährige Franke für ein Leben in mönchischer Askese und trat in die Gemeinschaft der Benediktiner von Münsterschwarzach ein. Nicht ohne Skepsis: "Natürlich gab es am Anfang Zweifel, ob so ein Ordensleben nicht zu eng für mich ist. Und ist die Ehelosigkeit wirklich möglich, oder verdränge ich da meine Sexualität?" Auch wenn er heute die Entscheidung für ein geistiges Leben als "den Weg, der für mich stimmt" betrachtet, bleiben doch Momente der Trauer: "Ich empfinde es durchaus als Schmerz, nicht verheiratet zu sein und keine Kinder zu haben."

Pater Anselm spricht ruhig und langsam, nippt hin und wieder an seinem Cappuccino, während er von den Studienjahren in Rom erzählt. Sein Theologiestudium fiel in die Zeit der gesellschaftlichen Veränderungen Ende der 60er Jahre, als die Studentenbewegungen in vielen Staaten Europas für eine bessere Welt demonstrierten: "Es war damals auch bei uns ein Aufbruch zu spüren. Wir haben gegen die alten Zöpfe und die verstaubten Rituale rebelliert." Für eine Kirche, die näher am Puls der Zeit predigen und den Menschen ins Zentrum rücken sollte.

Christliche Mystik und moderne Psychologie

Diese Menschennähe ist es, die die Werke von Anselm Grün prägt und seinen Erfolg begründet. Christliche Mystik verbindet er mit moderner Psychologie und fernöstlicher Philosophie. "Ich habe eine einfache Sprache, die nicht bewertend ist", nennt er einen wichtigen Grund für seinen Erfolg. Eine Sprache, die dennoch auf Kritik stößt: Insbesondere im konservativen Lager der Kirche fürchten manche eine Verwässerung katholischer Prinzipien durch die spirituelle Offenheit und die liberalen Positionen in Anselm Grüns Philosophie. "Ich habe eine andere Sprache als viele Konservative und werde von einigen Kreisen angegriffen", bemerkt er etwas verlegen.

Ist Anselm Grün also ein Erneuerer, gar Vorreiter einer kleinen kirchlichen Revolution? Der Pater weicht aus: "Ich sehe mich durchaus im Einklang mit der katholischen Tradition." Im Hinblick auf Papst Benedikt XVI., dem er noch nie persönlich begegnet ist, stimmt der Benediktinermönch versöhnliche Worte an: "Unter dem neuen Papst hat eine Öffnung stattgefunden. Ich glaube nicht, dass er etwas gegen meine Theologie hat."

Wir sprechen über die zunehmende Attraktivität, die die katholische Kirche heute für junge Menschen in Europa besitzt: "In dieser Zeit der Mobilität suchen junge Menschen nach Halt und Klarheit. Die heutige Jugend ist oft nicht kirchlich gebunden und neugierig. Darum besteht die große Chance für die Kirche darin, dass sie authentisch ist und Orientierung sowie eine gesunde Spiritualität bietet", erklärt der promovierte Theologe.

Streben nach dem weiten Herzen

Die Suche nach gesunder Spiritualität ist ein zentraler Aspekt in der theologischen Arbeit Anselm Grüns. Mit Sorge blickt er auf die aktuellen Tendenzen zum religiösen Fanatismus: "Es gibt Formen der Religiosität, die krank und fanatisch machen, nicht nur im Christentum, sondern auch in anderen Religionen." Den Schlüssel zu einer heilsamen, nicht-fanatischen Form des Glaubens hat Pater Anselm bei dem Ordensgründer der Benediktiner gefunden: "Für Benedikt von Nursia ist das Kennzeichen einer gesunden Spiritualität das weite Herz." Hinter dieser Formulierung verbirgt sich ein Streben nach Offenheit, Toleranz und Einfühlungsvermögen.

Auf meine Frage zum Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Islam reagiert Anselm Grün zögerlich: "Es ist einerseits wichtig, einen guten Dialog mit dem Islam zu führen, der geprägt ist von der Achtung vor den Traditionen des Anderen. Aber wir müssen dennoch kritisch sein gegenüber der Intoleranz, die wir in einigen vom Islam geprägten Ländern noch immer sehen. Was wir brauchen, ist ein kritischer Dialog." Gleichzeitig warnt der Benediktiner davor, Feindbilder auf den Islam zu projizieren. Stattdessen "sollten wir uns fragen, was wir vom Islam lernen können", sagt er mit einem Blick auf die liberale Sufi-Tradition.

Auch seine eigene Kirche sei keineswegs frei von intoleranten Strömungen, gibt Pater Anselm auf Nachfragen hin zu. Wir sprechen über die Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität: "Hier sind sicher noch Schattenseiten", betont der Theologe nachdenklich. Besonders problematisch, wenn der katholische Glaube herangezogen wird, um diskriminierende Politiken gegenüber Homosexuellen zu rechtfertigen, wie beispielsweise in einigen Ländern Osteuropas. "Wir müssen uns hüten, Homosexualität als Sünde zu sehen", so Anselm Grün.

Immer wieder kehrt der Pater im Gespräch auf seinen Grundsatz vom weiten Herzen zurück. Er entwirft mit diesem Bild die Philosophie einer humanen Globalisierung: "Wenn die Globalisierung nur dem Recht des Stärkeren zugute kommt, dann wird sie zum Fluch." Er appelliert an die Verantwortung der globalen Wirtschaft, fordert "Wertschöpfung durch Wertschätzung". In regelmäßigen Management-Seminaren lehrt Anselm Grün eine Unternehmensführung mit weitem Herzen, die Toleranz und Einfühlungsvermögen gegenüber dem Personal zum Prinzip hat. "Das Ziel ist, nicht zu urteilen, sondern zu verstehen", so ein oberstes Gebot des Benediktiners.