Annett Louisan: Voulez-vous Deutsch lernen avec moi?

Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2010
"Authentisch und nicht nur so hingeschustert" - Die deutsche Chansonnette vom Dienst scheint über die Jahre nicht nur brünett sondern auch erwachsen geworden zu sein. Zum ersten Mal live in Paris, mimt die 31-Jährige die Botschafterin der deutsch-französischen Beziehungen.

„Es wird voll“, sagt einer der Veranstalter und läuft wie von der Tarantel gestochen durch den 1981 eröffneten Jazz-Club New Morning im Pariser Multikulti-Viertel Chateau d’Eau. Hier soll die deutsche Chansonsängerin Annett Louisan am 20. Januar ihr Pariser Debüt geben. Unerwartet! Über 400 Leute ständen für das Gratiskonzert draußen Schlange, erwidert der schnurrbärtige Harald Schmidt vom deutsch-französischen Jugendwerk (DFJW/OFAJ), dem Event-Veranstalter. Aufgeregt und ein bisschen stolz verschwindet er in Richtung Garderobe am Eingang. Auf der Bühne liegt in Erwartung bereits der Kontrabass.

Louisan, die der offiziellen Pressekonferenz zur deutsch-französischen Woche und dem grau melierten Meet&Greet zwischen Bildungsminister Luc Chatel („Wenn unsere beiden Länder an einem Strang ziehen, können wir Berge versetzen“), dem deutschen Botschafter in Paris und weiteren geladenen Gästen brav mit verfolgt, ist 2010 zum ersten Mal für ein Konzert in Paris. Die französischste der deutschen Sängerinnen ist quasi als Botschafterin für die nachbarschaftlichen Beziehungen des europäischen Motors unterwegs, der in dieser Woche mit dem 47. Jahrestag des Elysee-Vertrags eine extra dick aufgetragene Ölung erhält.

Paris: In keiner europäischen Stadt wird mehr geflirtet.

Mit einer gehörigen Portion Verspätung und der Stimme einer kindlichen Kaiserin eröffnet sie, wie stolz sie sei, heute zum ersten Mal in Paris zu singen. Und ob Fake oder nicht, man glaubt es den großen Mandelaugen: „Es ist fast noch ein bisschen unwirklich. Ich bin im Osten Deutschlands [Havelberg] geboren. Als Kind habe ich immer von Paris geträumt, da entsteht eine ganz große Romantik, besonders über die alten Filme. Ich bin das erste Mal mit 16 mit meiner Großmutter“, Louisan, die der gebürtigen Annett Päge ihren Künstlernamen vermacht hat, „hierhergekommen. Das hat mich verändert. Ich finde es gibt keine Stadt in Europa, in der mehr geflirtet wird.“

Gesagt getan - Annett Louisan legt sich rein flirttechnisch an diesem Abend mächtig ins Zeug: Die Sängerin weiß ihre verwegene Stimme, das Kokettieren mit ihren 3 'Sexy Loverboys' (so ein vom Publikum gewünschter Titel) Friedrich Paravicini, Olaf Casimir und Martin Gallop an den Instrumenten oder ein Augenklimpern hier und da geschickt einzusetzen. Ein nicht einfaches Unterfangen vor einem bunt durchmischten Publikum, in dem Teenager auf dem Boden neben Krawattenträgern an Bistrotischen lungern.

Küken mit Kalkül

Annett, die ihr wahres Alter gern geheim hält, ist nach 4 Alben und hunderten Live-Auftritten mittlerweile Bühnenprofi. Sie kann mit allem umgehen - auch mit gediegenen Kniewippern zu ihren Musette- und Bossa Nova-Rhythmen, wie am heutigen Abend. Selbstsicher stolziert sie durch ihr Pariser Publikum. Ganz am Anfang, so erzählt sie uns vor dem Auftritt, wäre sie vor Aufregung fast gestorben. „Aber es wird besser. Ich bin immer noch angespannt und habe wahnsinnigen Respekt vor der Bühne. Und ich will auch, dass das so bleibt. Ich bin zwar kein alter Hase, aber mittlerweile bin ich zumindest schon Hase.“

"Teilzeithippie" und "Das optimale Leben" (Foto ©annett-louisan.de)

Küken war gestern! Die Louisan behauptet sich heute mit weiblichem Kalkül: „Du musst nicht die Baskenmütze aufbehalten und blond bleiben, nur weil die Leute dich so kennen. Wenn ich heute zurückblicke, bin ich an viele Dinge sehr naiv rangegangen. Zwischen 25 und 30 probiert man noch viel aus. Aber diese ganze Platinblond-Fake Schiene brauche ich heute nicht mehr.“ Als brünette Femme Fatale in mindestens 10 Zentimeter hohen Lacklederstiefeln weiß sie ihr Publikum zu entzücken, sowohl mit melancholischen Passagen, in denen sie den Verlust des Vaters thematisiert („Kleine Zwischenfälle“) als auch kokettierenden Texten zum ewigen Chanson-Thema - dem Suchen und Finden der Liebe. Ironie inklusive.

Auch ihren Erfolgstitel "Das Spiel", mit dem sie in Deutschland 2003 den Durchbruch schaffte, gibt sie zum Besten. Besser kommen jedoch ihre schnelleren Stücke wie beispielsweise "Eve" an, das die ein oder andere Ähnlichkeit mit dem französischen Duo Etienne Daho/ Charlotte Gainsbourg "If" (2003) aufweist. Kein Wunder, denn Annetts Texter und Produzent, Frank Ramond, ist Halbfranzose. Lousian macht kein Geheimnis daraus, dass ihre Musik stark von französischem Chanson - etwa Aznavour oder Piaf - geprägt ist. „Auch die erste Platte von Carla Bruni [Quelqu’un m’a dit 2002] war wirklich eine große Inspiration für mich - sehr schick, anders und intim.“ Gainsbourg - der Meister - verpflichtet gewissermaßen: Annett quarzt schonmal auf Pressefotos oder fragt mitten in der Vorstellung nach etwas zu trinken: „Kein Wasser - etwas Härteres“ hätte sie gern, „wenn möglich!“

Auf Deutsch avec moi

Wir Deutschen hatten lange ein Problem mit unserer eigenen Sprache!

Trotz der französischen Chanson-Vorbilder, so Annett, sei auch in der deutschsprachigen Musikszene in den letzten Jahren einiges passiert: „Deutschland hat da ja noch ganz viel aufzuholen. Wir Deutschen hatten lange ein Problem mit unserer eigenen Sprache.“ Doch mittlerweile hat die Sprache Goethes auch auf dem europäischen Musikmarkt Einzug gehalten. Deutsch wird - vor allem in Frankreich - wieder beliebter und das nicht nur dank Tokio Hotel.

Und auch wenn im New Morning an diesem Abend fast ausschließlich deutsche Expats sitzen, hat sich Annett auf die Fahne geschrieben, ihr französisches Publikum zu erobern. Am nächsten Tag wird sie mit Schulklassen aus dem 60 Kilometer entfernten Auneuil singen und ihre Texte besprechen. Außer einem augenzwinkernden Voulez vous-Satz hält sich Annett in Paris allerdings an ihre Muttersprache - aber vorstellen, Französisch zu lernen, könnte sie sich schon. In puncto Musik bleibt sie „jedoch ganz selbstbewusst: das Original ist Deutsch - meine Songs sind und bleiben auf Deutsch gedacht und entstanden. Ich klinge so, wie ich spreche.“ Die werten Herren im Publikum wird’s freuen.

Annett Louisan, seit 2008 Wahlberlinerin, gibt drei Tipps für die Hauptstadt:

Steak kann man sehr gut im Kirk Royal, in Kreuzberg am Paul-Lincke-Ufer essen.

Eine hübsche Bar, in der man auch nachmittags einen guten Kaffee und abends 'nen guten Cocktail bekommt, ist das Luzia in der Oranienstraße/ Kreuzberg. Kuchenkaiser am Oranienplatz ist mein Favorit für Frühstück!

Fotos ©Jim Rakete; annett-louisan.de