Anne-Marie Autissier: „Europäisch zu leben ist der größte Gefallen, den wir Europa tun können“

Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2009
Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2009
Als Dozentin am Pariser Institut für Europastudien hat sich die 50-jährige Anne-Marie Autissier vor allem einem Thema verschrieben: der europäischen Kultur.

Der Winter steht vor der Tür. Ich setze mich vor einen duftenden Kaffee im Réveille Matin, einem netten Bistro mit einer für Paris typischen Theke. Dieser Ort muss für vertrauliche Gespräche beliebt sein - am Nachbartisch sitzen zwei andere junge Leute, vermutlich Studenten, beim Interview.

In warmen Farben gekleidet erscheint Anne-Marie Autissier im Bistro - ein bisschen müde von den letzten, hektischen Wochen. Aber dieser kleinen Frau fehlt es trotzdem nicht an Energie. Autissier hat Europa und so einige mitreißende Anekdoten im Handgepäck. Sie ist Professorin für Literatur, Schriftstellerin und Übersetzerin. Ein paar Minuten sprechen wir über dies und das, sie nippt an ihrer Cola Light. „Wo fangen wir an?“, fragt sie schließlich enthusiastisch.

Europa im Aufbau

Zentrales Thema in der Laufbahn von Anne-Marie Autissier ist die europäische Kultur: Kurz vor der Erweiterung von 1986 und dem „Europa der 12“ bringt sie ein wegweisendes und innovatives Projekt voran. Zusammen mit Jean Michel Dijan, dem ehemaligen Chefredakteur von Le Monde de l’éducation gründet sie „Eurocreation“, eine französische Agentur für Initiativen junger Europäer. „Wir waren damals mitten in der Phase der europäischen Widerbelebung und hatten ein ernsthaftes Problem mit der Unionsbürgerschaft“, erinnert sie sich. „Wir hatten das Gefühl, dass die Institutionen sich zwar weiterentwickelten - aber abgekoppelt von den Bürgern. Und insbesondere abgekoppelt von den Jugendlichen. Wir befürchteten, dass sie Europa nur noch als etwas wahrnehmen würden, das ihnen etwas nimmt, und nicht als ein Europa, dass ihnen etwas gibt.“ 

Es folgen 7 Jahre mit verschiedenen Projekten, darunter die „Pépinières pour jeunes artistes“ - Gründerzentren für junge Künstler, die damit ihre Unabhängigkeit erlangen konnten. „Die Dinge sind nicht dazu geschaffen, um zu überdauern“, ergänzt Autissier. Obwohl, oder vielmehr dank des Erfolgs schließt die Agentur 1992. Ein neues Kapitel beginnt für Autissier: „Die Rolle des Vorkämpfers ist es, die Bedingungen für seine eigene Abschaffung zu schaffen. Wenn die Dinge selbstverständlich werden, ist die Wette gewonnen. Das Problem ist, dass die Menschen oft Dinge, die sie geschaffen haben, mit ihrer eigenen Person verwechseln!“

Tirana

Albanien - ein anderes Europa

Nach „Eurocreation“ verketten sich die eklektischen Erfahrungen - mit der europäischen Kultur als rotem Faden. Ihre Expertise bringt Autissier schon früh zu Gunsten der Studenten am Institut für europäische Studien (IEE) der Universität Paris VIII. ein, wo sie heute als Dozentin für Medien- und Kultursoziologie arbeitet. Nebenbei veröffentlicht sie zahlreiche Arbeiten. Ihr Letztes Buch, L’Europe des festivals, liegt neben meiner Tasse. Aber Autissier ist nicht nur Autorin, sie übersetzt auch - und zwar aus dem Albanischen. Eine seltene Fähigkeit, die auf den ersten Blick stutzig macht. Diese „andere Geschichte“ erzählt sie mir mit Begeisterung.

1980 ergreift Autissier die Chance, die ihr das Institut für orientalische Sprachen und Gesellschaften (Inalco) in Paris, an dem sie damals studierte, bot - und wurde Kultur-Attaché in Albanien. Für 2 Jahre packte sie ihre Koffer: „Eine andere Welt, geografisch in Europa, aber mit vielen außereuropäischen Referenzen. Damals sprach man kaum von europäischen Ländern“, erklärt Autissier. „Und noch weniger sprach man von der europäischen Wirtschaftsunion als einer Einheit. Albanien, das historisch und geografisch sehr mit Europa verbunden war, sah alle seine Verbindungen zur Außenwelt zerbrochen - von Jugoslavien über Russland bis nach China. Vielleicht vergleichbar mit dem heutigen Nordkorea.“

Sie entdeckt „das Leben in einer Gesellschaft, die auf den Kommunismus setzte, unter einem Regime, das in internationalen Fragen zu keinen Zugeständnissen bereit schien und unter dem alle Treffen kontrolliert wurden“. Albanien, und weiter gefasst die Balkanländer sowie Mittel- und Osteuropa waren eine große Inspirationsquelle in ihrer Karriere. Um dies zu bestätigten, genügt ein Blick in ihre Bibliografie. Heute freut sie sich zu sehen, dass albanische Künstler und Universitäten „Europa wiederentdecken“.

In ihrer Freizeit nutzt sie ihr Übersetzungstalent, um albanische Autoren und ihre Kreativität bekannt zu machen. Nach einem zufälligen Treffen während eines Filmfestivals in Tirana übersetzte sie Bashkim Shehu für den Péninsules-Verlag. Shehu ist der Sohn der ehemaligen Nummer 2 des albanischen Regimes. Sein Vater beging 1981 Selbstmord - also zu der Zeit, in der Autissier selbst in der albanischen Hauptstadt lebte. Ein Erlebnis, das sie sehr geprägt hat. Dieser wegweisende Blick gen Osten findet sich auch heute am Institut für Europastudien wieder, das eine sehr positive Bilanz zieht: Die jungen Leute stellen viele Anträge und es sind schon viele Austauschprojekte mit Albanien zustande gekommen.

Die Kulturjournalistin

©vargacsalad/flickrDer letzte Schluck Kaffee in meiner Tasse ist längst kalt, als sie ihren „letzten Beruf“ erwähnt: Den der Kulturjournalistin. Sie schreibt vor allem für Culture Europe International, eine Online-Presseschau zu europäischen und kulturellen Themen, die sie selbst leitet. Hinzu kommen weitere Veröffentlichungen, wie der „interkulturelle Dialog“, der auf Französisch und Englisch herausgegeben wird. Warum dazu noch der internationale Fokus? Eine Selbstverständlichkeit für Anne-Marie Autissier: „ Europa ist eine Weltregion. Ein Vorbild - aber nicht das einzige. Wir können die europäische Integration nicht ohne den regionalen Integrationsbegriff auf der internationalen Ebene betrachten.“

Die Menschen, die vor ihren dampfenden Tellern sitzen erinnern uns daran, dass es Essenszeit ist. Das Schlusswort gehört der Soziologin Autissier: „Es ist vor allem interessant zu sehen, wie sich die Gesellschaften im Vergleich zu den europäischen Fragen entwickeln: Man muss das Bewusstsein, europäischer Bürger zu sein, stärken - Europa, das sind wir.“ Autissiers Tipp lautet deshalb folgendermaßen: „Die Möglichkeiten zu nutzen „europäisch“ zu leben, zu studieren und zu arbeiten - das ist der größte Gefallen, den wir Europa tun können.“