Angriffe in Deutschland: Unter Wasser atmen

Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2016

Deutschland hat einen Terroranschlag erlebt und ich habe es gar nicht so richtig mitbekommen. 

Irgendwie sollte sich das anders anfühlen. Dachte ich zumindest immer. Es sollte sich so anfühlen wie Charlie Hebdo, wie Paris im November 2015, wie Istanbul, wie Brüssel, wie Nizza. Stattdessen ist da nur… Leere.

Deutschland hat, so sieht es aus, einen islamistischen Anschlag erlebt. Ein junger Mann hat sich bei einem Festival in Ansbach in Süddeutschland in die Luft gesprengt. Ansbach passierte kurz nach dem Anschlag nahe Würzburg, nach München, nach Reutlingen. Deutschland hat einen Terroranschlag erlebt und ich habe es gar nicht so richtig mitbekommen.

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach

Zu viel ist in zu kurzer Zeit passiert. Zu viele Menschen haben ihr Leben in den letzten Tagen verloren oder wurden schwer verletzt. Ich bin Journalistin, ich bin es gewohnt, mit Nachrichten umzugehen und den Überblick zu behalten. Aber im Moment wird mir das alles zu viel. Ich komme nicht mehr mit: War Ansbach der Axt-Angreifer? Hatte der Angreifer in der Regionalbahn eine Machete? Oder war das in München? Namen wirbeln in meinem Kopf herum, von Orten, von Menschen. Ich kann sie kaum noch zuordnen.

Natürlich wusste ich, dass immer etwas passieren kann. Überall. Ich lebe in Berlin, der deutschen Hauptstadt. Meine Familie macht sich Sorgen: „Wenn da nun was passiert?“ Die Wahrheit ist: Auch in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet, könnte was passieren. Das Ruhrgebiet ist ein Ballungsraum, Millionen Menschen leben dort zusammen. Und wenn es nicht Berlin ist, nicht das Ruhrgebiet, dann vielleicht Köln, Hamburg. Oder eben Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach.

Ein Amoklauf ist kein Terrorangriff

Mich irritiert, wie schnell Frankreichs Präsident François Hollande von „Terror“ spricht. Die deutschen Behörden sind da vorsichtiger, die deutsche Regierung auch. Ich bin dankbar dafür – für den Willen, erst sorgsam zu ermitteln und daraus dann Schlüsse zu ziehen. Dafür, dass in vielen deutschen Medien darauf hingewiesen wird, dass es einen Unterschied gibt zwischen „Terrorangriff“ und „Amoklauf“. Deutschland tut sich mit Dingen, die es selbst betreffen, immer schwer. Und das finde ich momentan ganz gut.

Ich dachte immer, wenn in Deutschland etwas passiert, würde ich nur noch vor meinem Laptop hängen, vorm Fernseher, jede Nachricht verschlingen, jeden Artikel lesen. Geschockt, elektrisiert. Wie bei Paris, wie bei Brüssel. Stattdessen zwinge ich mich dazu, nur einmal am Tag die Nachrichten zu lesen, Twitter zu meiden. Der Fernseher bleibt aus. Ist das einfach Resignation? Oder Selbstschutz?

Einfach leer

Als ich von dem Anschlag in Nizza hörte, brach ich in Tränen aus. Und dann noch einmal, als ich im Fernsehen einen Bericht sah über den Anschlag in Bagdad Anfang Juli: Ein Mann, der nicht nur seinen Sohn, sondern auch mehrere Neffen durch den Terror verloren hatte, wurde interviewt. Er war verzweifelt, er weinte leise vor sich hin.

Nach den blutigen Angriffen in Deutschland weine ich nicht. Es ist, als hätte ich keine Trauer mehr in mir. Als sei ich einfach leer. Als hätte das Ganze nichts mit mir, nichts mit meinem Heimatland zu tun. Dann ist da aber noch dieses Gefühl, als würde ich ersticken. Als müsste ich unter Wasser atmen. Mein Kopf scheint zu platzen, meine Augen brennen.

Irgendwie sollte sich das anders anfühlen.