Angriff aus der Blogosphäre

Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2006
Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2006

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Das Studiverzeichnis gilt als Erfolgsfall des Web 2.0 in Deutschland. Doch inzwischen ist es durch die Kritik von Bloggern in Verruf geraten.

Eigentlich hatte alles so schön angefangen. Drei Studenten, Ehssan Dariani, Michael Brehm und Dennis Bemmann, gründen in Deutschland ein soziales Netzwerk im Internet, das studivz.

Die Abkürzung steht für „Studentenverzeichnis“. Hier kann sich jeder Student einschreiben, eine persönliche Seite erstellen, sich mit anderen austauschen und eine Gruppe bilden. Das Projekt liegt im Trend des Internets der zweiten Generation, des "Web 2.0". Seiten wie MySpace oder YouTube heißen die erfolgreichen Vorbilder.

Auch für das studivz scheint alles wie am Schnürchen zu laufen. Innerhalb eines Jahres schreiben sich eine Million Studenten ein, es gibt viel Lob von den großen Medien, sie gewinnen den Online-Star und in Frankreich, Polen, Italien und Spanien werden Ableger gegründet. So lautet jedenfalls die offizielle Version.

Die inoffizielle Version dieser Erfolgsgeschichte wird in den Blogs geschrieben. Zunächst fing die Kritik am studivz ganz harmlos an: Das Projekt sei nur ein billiger Klon des amerikanischen Vorbildes facebook, die Performance sei schwach, Mitglieder des Teams hätten in fremden Foren Schleichwerbung und Spamming betrieben sowie die deutschen, französischen und italienischen Wikipedia-Artikel beschönigt. Im hauseigenen Blog seien die betreffenden kritischen Kommentare gelöscht worden.

Jugendsünden, könnte man meinen. Anfängerfehler ambitionierter Jungunternehmer. Es handele sich ja, so der Tenor der meisten Nutzer, um ein kleines, kostenloses Studentenprojekt. Da dürfe das schon mal vorkommen.

Doch dann drängte sich die Frage auf, wie sich das studivz eigentlich finanziert. Die Antworten haben nichts mehr mit einer kleinen Studentenbutze zu tun, als die sich das studivz gerne präsentiert: Oliver Samwer hat mindestens 500 .000 Euro in das Projekt investiert. In einem Interview mit dem Tagesspiegel sagte er, das investierte Geld solle 25 Prozent Rendite bringen. Mindestens. Jährlich. Das klingt nach Business. Doch damit nicht genug. Die Verlagsgruppe Holtzbrink Ventures soll sogar zwei Millionen Euro Venture-Kapital in das Projekt gesteckt haben.

Wie diese Investitionen refinanziert werden sollen, ist bisher unklar. „Wir werden uns über Werbung finanzieren“, sagt Mitgründer Michael Brehm. Glauben will ihm das keiner so recht. Einer der schärfsten Kritiker, der Blogger Don Alphonso alias Rainer Meyer, hat Indizien gesammelt, die auf einen Verkauf an facebook hinweisen.

Damit treffen die Kritiker des studivz den sensibelsten Punkt aller sozialen Netzwerke der neuen Internetgeneration Web 2.0: die Nutzerdaten. Sie sind das Kapital des Projekts, das es umzusetzen gilt, ohne das Vertrauen der Nutzer zu verlieren. Nicht nur das studivz hat dieses Problem. Die Diskussion um facebook in den USA hat gezeigt, dass Firmen und Ermittler der Polizei Profile von Bewerbern oder Verdächtigen einsehen können. Außerdem haben Harvey Jones und José Hiram Soltren herausgefunden, wie Unternehmen gezielt Nutzerprofile herunterladen könnten.

Mitgründer Ehssan Dariani sieht die Sache anders: „In Deutschland herrschen die härtesten Datenschutzgesetze der Welt. Diese übertreffen wir in vielem.“ Allerdings stellte sich bald heraus, dass das studivzgrößere Sicherheitslücken aufweist als angenommen.

Kurz darauf entdeckte Rainer Meyer eine Gruppe im studivz, in der die 700 – exklusiv männlichen – Nutzer dazu aufgerufen wurden, sich gegenseitig Bilder von Frauen vorzuführen und zu kommentieren. Ohne Wissen der Frauen. Ein Stalker-Sumpf im studivz.

Die Bildung solcher Gruppen ist für alle sozialen Netzwerke ein Risiko und wahrscheinlich nicht vollständig zu verhindern. Doch die Kritiker werfen dem studivz vor, zu wenig unternommen zu haben, um die Rechte der betroffenen Frauen zu schützen. Die Betreiber hätten die Risiken unterschätzt und die Benutzer nicht angemessen aufgeklärt.

Nachdem die Betreiber der Seite auf die Gruppe aufmerksam gemacht worden seien, hätten sie lediglich mit der Aufforderung reagiert, doch bitte die „pornographischen Elemente“ aus der Gruppenbeschreibung zu löschen, so dass die sexistische und pornographische Ausrichtung nicht mehr für jeden zufällig Vorbeisurfenden ersichtlich sei. Ein Mitgründer hätte sogar um eine Einladung in die Gruppe gebeten.

Bisher schweigt das studivz zu den Vorwürfen aus der Blogosphäre und widmet sich lieber Aktionen wie „Wer macht die schönsten Weihnachtspostkarten?“ Doch das Ansehen des so rasant gestarteten Projekts nimmt immer größeren Schaden. Noch weiß ein Großteil der Community nichts von den Vorkommnissen rund ums studivz – langsam nehmen sich aber die etablierten Medien wie Spiegel Online oder Heise des Themas an.

Inzwischen gibt sich das zerknirschte Management geläutert. Die Seite wurde vorübergehend offline gestellt, damit an den Sicherheitslücken gearbeitet werden kann. Seit kurzem ist sie wieder online. Ob diese Maßnahme noch rechtzeitig kommt, um das Projekt zu retten, und ob sie ausreichend ist, um das Vertrauen der Nutzer zurück zu gewinnen, wird die Zukunft zeigen.