Angie Merkel hat die Hosen an

Artikel veröffentlicht am 24. September 2009
Artikel veröffentlicht am 24. September 2009
Sie trägt Topffrisur, farbenfrohe Blazer - gern lila, lindgrün oder lachsrosa - und wird für ihren ostdeutschen Akzent von den Medien belächelt. Das Wirtschaftsmagazin Forbes hat „Angie“ - wie sie liebevoll in Deutschland genannt wird - im August 2009 zum vierten Mal in Folge zur mächtigsten Frau der Welt gekürt. Was ist das Geheimnis der Kanzlerin?

Eins hat Deutschland, Europa und die ganze Welt in den letzten vier Jahren gelernt: Man sollte Angela Merkel nicht unterschätzen. Von der promovierten Physikerin und FDJ-Sekretärin, zur Bundesministerin für Frauen und Jugend, dann für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, zur Generalsekretärin und Vorsitzenden der CDU, später Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, bis hin zur Bundeskanzlerin, hat sich ‚das Mädchen‘, wie Helmut Kohl sie zu nennen pflegte, durchgeboxt. Vor den Bundestagswahlen 2005 sagte Angela Merkel: “Dass ich eine Frau bin, sieht jeder, deshalb muss ich keine Frauenpolitik machen.“ Angela Merkel folgte den Stationen ihrer Karriere, ohne einen von ihr initiierten Medienrummel und ohne große Worte zu verlieren, schon gar nicht über ihr Frausein.

Unterstützung von Frauen aus allen politischen Lagern

©Gertrud K/flickrFrauen in Deutschland sind geteilter Meinung. Es scheint, als ob die gestandenen Berufstätigen, die sich bereits auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen mussten, Angela Merkel vorbehaltlos unterstützen, wohingegen junge Frauen am Anfang ihres Berufs- und Familienlebens ihre Wahlentscheidungen nicht vom Geschlecht der Kanzlerkandidaten abhängig machen.

Die Initiative 'Frauen hinter Merkel' versammelt erfolgreiche Rechtsanwältinnen, Ärztinnen oder Geschäftsführerinnen und unterstützt Angela Merkel im Wahlkampf, weil sie laut Internetseite „ein Mensch (sei), der sich sachlich kompetent voll seinen Aufgaben widmet (...) Ihr geht es nicht um ihre eigene Person.“ Angela Merkel verstehe es, „ein fähiges Kompetenzteam zusammenzustellen, ohne von Kompetenz- und Konkurrenzgerangel gestört zu werden.“ 'Frauen hinter Merkel' sehen die Kanzlerin als erfolgreiche Managerin, die sich Rat von ihren Experten holt und dann umsichtige Entscheidungen trifft.

Unter dem Kürzel 'MFM' (Mehr für Merkel) engagieren sich seit 2003 prominente Frauen aus der Wirtschaft wie Verlegerin Friede Springer oder Unternehmerin Ann-Katrin Bauknecht, die in allen Regionen Deutschlands eigene Netzwerke haben und diese nutzen, um Lobby-Arbeit für die Kanzlerin zu betreiben. Ann-Katrin Bauknecht unterstützt Angela Merkel mit der Aussage: „Angela Merkel steht für Kontinuität, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit. Ich bewundere ihre Gabe, komplexe Themen auf das Wesentliche zu reduzieren und ohne Umschweife umzusetzen.“

Unterstützung kommt jedoch nicht nur von CDU-nahen Initiativen oder aus der Wirtschaft, sondern aus allen politischen Lagern. Selbst die links gerichtete Frauenzeitschrift EMMA, deren Herausgeberin Alice Schwarzer das Recht der Frauen auf Abtreibung initiiert hat, interviewt und porträtiert die konservativ-christliche Kanzlerin regelmäßig seit 1992. Die Vorbildfunktion einer weiblichen, wenn auch konservativen Kanzlerin ist Balsam für jedes bewegte Feministenherz.

©Magnus K/flickr

Sie ist so schwer zu fassen

Angela Merkel wählen nur weil sie eine Frau ist? Niemals!

Jüngere Frauen, die am Anfang ihres Berufs- und Familienleben stehen, haben jedoch ein differenzierteres Bild von Angela Merkel. Sie mögen zwar ihren Regierungsstil, doch Angela Merkel wählen nur weil sie eine Frau ist? Niemals. Louise, 28 Jahre, arbeitet in der politischen Beratung und ist zwischen ihren feministischen und politischen Auffassungen hin- und her gerissen: “Angela Merkel hat einen angenehmen Regierungsstil, sie stellt sich nicht in den Vordergrund, aber ihre politischen Auffassungen teile ich nicht. Ich finde es gut, dass wir eine Frau als Bundeskanzlerin haben, aber ich hätte gern eine andere.”

Sie kam mir immer schon eher wie ein "Mannsweib" vor.

Sonja, 31 Jahre, Lehrerin für Französisch und Englisch in Süddeutschland, vertraut Angela Merkel nicht: “Angela Merkel ist eine Frau, die sich durchsetzen kann - jedoch aufgrund ihrer "männlichen" Qualitäten. Sie kam mir immer schon eher wie ein "Mannsweib" vor.“ Kathy, 26 Jahre, ist Veranstaltungstechnikerin. Ihrer Meinung nach sei Merkel „so schwer zu fassen, weil sie nie etwas sagt. Sie lässt erstmal die anderen vor und schließt sich dann der allgemeinen Meinung an.“

Andere finden genau diese Zurückhaltung vertrauenswürdig. Diana, 30 Jahre und in der Marktanalyse tätig, hat vorher SPD oder Die Grünen gewählt. Sie findet es „schwierig, bei einer Ideologie zu bleiben, da alles so komplex geworden ist“ und wählt deshalb seit der Bundestagswahl 2005 CDU. „Angela Merkel würde nie etwas versprechen, was nicht durchsetzbar ist. Sie schaut sich die Gesamtsituation an, orientiert sich an dem, was möglich ist und an ihren christlichen Prinzipien. Dann entscheidet sie pragmatisch und unter globalen Gesichtspunkten. Das ist es, was wir nicht nur in der Krise brauchen.“