Angelo Sicurella: „Waisen auf Wunsch”

Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2016

Angelo Sicurella, Sänger der Band Omosumo aus Palermo, erzählt uns vom Debüt seines Soloprojektes. Inspiriert von einer der größten Tragödien der jüngsten Geschichte, handelt die CD von universellen Themen wie Leere, Wunsch und Verzicht – und zeigt einmal mehr, dass der sizilianische Musiker Talent hat.

Die CD trägt den Titel Orfani per desiderio („Waisen auf Wunsch”) und handelt von der widersprüchlichen, zum Teil traumatischen und dann wieder befreienden Vorstellung, aus freien Stücken auf die eigene Vergangenheit zu verzichten, auf der Suche nach einem Neuanfang. Damit startet der talentierte sizilianische Elektromusiker und Sänger der Band Omosumo, Angelo Sicurella, seine Solokarriere. „Seit einiger Zeit denke ich über die Vorstellung nach, was es bedeutet, zu Waisen der Vergangenheit zu werden: das Leben auf Null setzen, einen Neuanfang wagen, hier und jetzt. Etwas, das sehr schwer zu verwirklichen ist: es zu schaffen, die Nabelschnur zu dem, was einen bis heute ausgemacht hat, durchzuschneiden.”

"Auf Lampedusa habe ich die Bedeutung von Waisen auf Wunsch verstanden"

Die CD ist überwiegend als Ventil für eine ganz reale Situation entstanden, die der Sänger am eigenen Leib miterlebte, und bezieht sich auf einen ganz bestimmten Ort: Lampedusa. „Ich hatte die Möglichkeit, als Krankenpfleger in einem der Auffanglager der Insel zu arbeiten. So kam ich in Kontakt mit Menschen, die ihre Heimat vermutlich für immer verlassen hatten, in der Hoffnung, sich ein neues, völlig anderes Leben als ihr bisheriges, aufbauen zu können. Dort habe ich die wirkliche Bedeutung von „Waisen auf Wunsch“ verstanden“.

Genau in jenen Tagen im Oktober 2013 sollte sich eine der schlimmsten Tragödien auf See der letzten Jahre ereignen: Nahe der „Isola dei Conigli” brach plötzlich ein Feuer auf einem Flüchtlingsboot aus, als die Küste Lampedusas und die Vorstellung, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, schon zum Greifen nahe waren. Die grausame Bilanz: 350 Tote. „Es kamen immer mehr Verletzte in die Krankenstation, ihre Lungen waren voller Benzin. Irgendwann hatten wir keine Worte mehr, wir hatten alle aufgebraucht, wir sahen uns in völliger Stille an, waren seit mehr als 30 Stunden am Arbeiten und hatten nichts gegessen. Der Tag, an dem es passierte, war mein letzter Arbeitstag auf Lampedusa. Ich habe die Insel verlassen und bin direkt nach Santa Cristina Gela, in mein Haus auf dem Land, gefahren. Ich wollte keinen menschlichen Kontakt, wollte nicht inmitten von anderen sein. In den 15 darauffolgenden Tagen sind fast alle Texte der CD entstanden.“

Songs wie L’amore non ci trova più, Sotto la barba del temporale, Carlotta oder Qui il cielo è Strauss sind als direkte Reaktion auf ein Drama entstanden, das sprachlos macht. Auch mit etwas zeitlichem Abstand –  wenn man sich in der Situation wiederfindet, diese Songs vor Publikum zu spielen, kehrt dieselbe emotionale Anspannung zurück. Genau dies passierte mit dem Song Carlotta vor etwa einem Monat, als Sicurella als Vorband für die Band „Calibro 35“ im Teatro Biondo von Palermo spielte. „Ich habe noch nie so viel mit dem Publikum gesprochen. Auch aus dieser Perspektive hatten die Songs eine bemerkenswerte Wirkung: Auf einmal konnte ich mich den Menschen anvertrauen.“

Erzählungen von Leere

Die anderen Titel, unter anderem Orfani per desiderio, der dem Album seinen Namen gibt, befanden sich schon vor Lampedusa in Arbeit. Sie entstanden eher aus Vorstellungen als aus wiedergegebenen Erinnerungen und erzählen von Leere, von brennenden Häusern, von zusammenbrechenden Börsen, von Geistern, von Booten, die wie die Hoffnung untergehen, und von erloschener oder quälender Liebe, aufgrund derer es besser ist, Abstand zu nehmen von der „Gefahr sich festsetzender Gefühle“. Eine tiefe Stimmlage – intimer als Sicurellas Gesang bei Omosumo, an manchen Stellen fast dunkel und flüsternd, durchsetzt mit hohen hypnotischen Tönen – verschmilzt mit dem elektronischen Sound von Drum machine und Synth. Die Klänge sind im Tonstudio mehr oder weniger zufällig entstanden, wie in einer Art Divertimento: „Generell gebe ich den Songs eine Grundstruktur und fange dann an, etwas herumzuspielen. Alles entsteht aus dieser Spielerei“, erzählt Angelo Sicurella. „In Lingua sul cemento haben Fabio Rizzo und ich ein Verfahren angewandt, bei dem wir Töne austauschten und neue Klänge aus den bereits vorhandenen bildeten. Wir haben uns inmitten einer Spielwiese wiedergefunden: Der Klang unserer rhythmisch mitklopfenden Füße begann zwischen den harmonisch-musikalischen Verflechtungen einen Sinn zu ergeben. Kurz gesagt, wir fingen an Spaß zu haben.“ So haben sich Elemente aus Blues, Folk und Dub mit der elektronischen Musik zu etwas Neuem vermengt.

Mit Urtovox, dem Label, unter dem dieses Projekt veröffentlicht wurde, kam dann der Entschluss, ein dreiteiliges Album herauszubringen, als wäre es eine Trilogie. So sollten einerseits die EPs (Extended Plays) entstehen, die der aktuellen schnelllebigen Konsumgesellschaft standhalten, und andererseits wollte man drei Künstlern aus Palermo die Möglichkeit geben, an dem Konzept mitzuarbeiten, indem drei Cover gestaltet und drei Videos gedreht wurden. Auf dem Cover der ersten EP, Orfani per desiderio Vol. 1, die letzten Dezember veröffentlicht wurde, ist das statuenhafte Gesicht einer Frau mit Schwalben anstelle der Augen und leuchtend roten Lippen abgebildet. Das Video zur ersten Singleauskopplung entstand nach dem Drehbuch und unter der Regie von Manuela Di Pisa und ist von dem Mythos von Orpheus und Eurydike inspiriert – eine weitere Geschichte über eine verzweifelte Trennung.

Das Video zu Orfani per desiderio

Eine vielfältige Karriere

2015 war für Sicurella ein intensives und besonders fruchtbares Jahr: Arbeit an einer CD mit Omosumo, das Solo-Debüt und die Umsetzung des Soundtracks für Fondi rubati all’agricoltura, einen Dokumentarfilm, der den Journalistenpreis Roberto Morrione gewonnen hat. „Das Musik für Dokus Schreiben ist ein Weg, den ich dank Gaspare Pellegrino eingeschlagen habe, einem Dokumentarfilmer aus Trapani. Im Fall von Fondi rubati all’agricoltura ist der Journalist Diego Gandolfo, der an dem Projekt gearbeitet hat, zu mir nach Hause gekommen und hat zu mir gesagt: „Ich will, dass du die Musik dazu machst.“ Und so habe ich angefangen, daran zu arbeiten. Auch das war eine Art, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die anders sind als die traditionelle Welt eines Bühnenmusikers.“

Weit weg also von der Vorstellung eines bloßen Musikers, ist Angelo Sicurellas Schaffen näher an einer konstanten Spannung hin zu einer Stilvermengung, durch die etwas Neues entsteht. Dies zeigt auch seine Zusammenarbeit mit Igor Scalisi Palminteri, welche einen Kurzschluss von Kunst sowie sakraler, arabischer und elektronischer Musik hervorgebracht hat. „Ich stelle mir meine Arbeit als einen Behälter vor, in dem all diese Dinge, so unterschiedlich sie auch sein mögen, landen können, ohne unbedingt in eine Kategorie gesteckt zu werden“. 

Und 2016? „Neben dem neuen Album mit Omosumo arbeite ich weiterhin an meinem Soloprojekt. Ich bin auf der ständigen Suche nach Experimenten, weshalb ich gerne mit Dutzenden von Musikern aus Palermo an einem Ort wohnen würde. Natürlich nicht nur mit Musikern – da würde man ja die ganze Zeit nur über Effektpedale sprechen. Fotografen, Videoproduzenten, Maler – eine waschechte Künstlerresidenz.“ Und wer weiß, was dabei rauskommen könnte…

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Zum reinhören: Orfani per desiderio Vol.1, von Angelo Sicurella (Urtovox rec./Audioglobe, 2015) 

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Veröffentlicht von der Lokalredaktion cafébabel Palermo.