Anatomie eines Hasses

Artikel veröffentlicht am 26. Januar 2004
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Artikel veröffentlicht am 26. Januar 2004

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Die Geschichte des Antisemitismus in Europa ist so alt wie die Diaspora der Juden. Die ewig gleichen Vorurteile, derer sich auch heutige Antisemiten bedienen, beruhen vor allem auf einem: Fremdenfeindlichkeit.

1945 schien der Holocaust dem in die Kritik geratenen Konzept der jüdischen Geschichte als Märthyrium eine neue Legitimation zu verleihen, unterstrich dieser Zivilisationsbruch doch den Eindruck der Omnipräsenz des Leidens durch Antisemitismus in den mehr als 2000 Jahren jüdischer Geschichte. Zwar steht für Historiker fest, dass die Shoa nicht das Resultat eines teleologisch seit dem Mittelalter auf Auschwitz zusteuernden Judenhasses gewesen ist; es bleibt jedoch die Frage wie sich der Judenhass als Konstante der Weltgeschichte behaupten konnte. Wie wurden ausgerechnet die Juden immer wieder zu Haßobjekten? Und, warum haßt der Antisemit? Ist es doch laut Sartre letzterer, der den Juden erst kreiert.

Die Angst vor dem Fremden

Die Geschichte des Judenhasses ist auch die Geschichte der Fremdenfeindlichkeit, denn innerhalb der Mehrheitsgesellschaften, in denen die Juden der Diaspora nach der Vertreibung aus Palästina lebten, erfüllte der Judenhass meist die Funktion der negativen Integration. Für den christlichen Antijudaismus Europas war und blieb „der Jude“ der Mörder Christi, insbesondere während der Kreuzzüge. Ob in Form der bis heute noch an einigen Kirchen angebrachten und von Luther protegierten Judensau oder durch die Verbreitung von Ritualmord- und Hostienschändungslegenden: „der Jude“ übernahm die Rolle des Dämons im manichäistischen Weltbild des Christentums. Und auch für die moderne Spielart des Antisemitismus (als Begriff 1879 erstmals von Wilhelm Marr geprägt) ist das Phänomen der Integration durch Ausgrenzung charakteristisch. Als unüberwindbare Trennbarriere zwischen Mehrheit und Minderheit in der Moderne galt nun nicht mehr zwangsläufig die Religion, sondern die Nation und schließlich die „Rasse“: Paradigmatisch hierfür der Nationalsozialismus, dessen Propagandaideal der „klassenlosen arischen Volksgemeinschaft“ die Kehrseite der legalisierten Verfolgung der „jüdischen Rasse“ gewesen ist. So wurde ein Zusammengehörigkeitsgefühl durch Verschwörungstheorien – wie etwa die der Umzingelung durch „die rote und die goldene Internationale“ – erzeugt, denenzufolge die antisemitischen Verfolger als von den Juden Verfolgte dastanden. Exemplarisch hierfür das berüchtigte Protokoll der Weisen von Zion, das die zaristische Geheimpolizei 1905 in Umflauf brachte und somit gekonnt die Aggressionen des Volkes auf einen „gemeinsamen Feind“ lenkte.

In Krisensituationen fungierten die Juden stets als Sündenbock für die Massen. Im Mittelalter vollzog sich dies im Zusammenhang mit unerklärlichen Naturkatastrophen. Als Europa 1348 von der Pest heimgesucht wurde, starben tausende von Juden auf dem Scheiterhaufen aufgrund des Vorwurfs der Brunnenvergiftung. Eine Kette von Pogromen führte auch 1881 in Russland zu einer Auswanderungswelle der Juden, die kollektiv für das Attentat auf Alexander II verantwortlich gemacht wurden, weil es sich bei einem der Terroristen um einen Juden gehandelt hatte. Und in Deutschland erzeugte der Aufruhr des Ersten Weltkriegs den abermaligen Ausbruch eines virulenten Antisemitismus, in dessen Zuge die „Judenfrage“ des 19.Jahrhunderts neu aufgeworfen wurde. Die Solidarität mit den Ostjuden und Auslandsverbindungen schienen erneut zu unterstreichen, dass die Juden nicht in Deutschland „verwurzelt“ und daher anders waren, so sehr sie auch an der Front für den Kaiser fielen.

Die ewige Sonderrolle

Ein Anderssein, das durch seine Undefinierbarkeit verunsichert. Denn als was soll man die Juden betrachten? In Israel sind sie eine Nation. Doch viele Juden verstehen sich in erster Linie als Amerikaner etc. In Osteuropa hingegen gelten sie als eine von vielen Ethnizitäten, im Dritten Reich als sich durch eine krumme Nase auszeichnende Rasse, im heutigen Europa als Konfession. Der fortwährende Judenhass trug dazu bei, dieses kollektive Anderssein zu festzuschreiben, wie etwa im Falle des Geldes. Aus religiösen Gründen war es Christen im Mittelalter untersagt, Zinsen zu nehmen. Da die Juden weder Land besitzen noch Mitglied in einer Handwerkszunft werden durften, blieb ihnen nur der Handel und das Geldgeschäft als Erwerbsmöglichkeit. Antijüdische Diskriminierung kreierte somit eine Sonderrolle, die vom modernen Antisemiten schließlich als schändliches Rassemerkmal gebrandmarkt wurde. Doch tragischerweise richtete sich der irrationale reaktionär-moderne Antisemitismus des Faschismus dann auch gegen die „zersetzenden“ und „gefühllosen“ Aspekte der Moderne, mit denen die Juden ihre traditionelle Sonderrolle überwinden wollten: den Liberalismus, den Rationalismus der Aufklärung und weitere Elemente des „zivilisierten Fortschritts“. Selbst die durch die Erfahrung der Shoa kreierte moralische Sonderrolle konnte den Hass nicht stillen, sondern führte zu der Idee, auch die Juden als „Tätervolk“ zu überführen sowie zum Vorwurf, eine „Holocaust-Industrie“ würde inzwischen das jüdische Leiden regelrecht vermarkten.

Der derzeit von einer Allianz aus bestimmten Linken, Alt-Antisemiten und einigen Muslimen propagierte Antizionismus richtet sich gegen den Staat Israel und seine Politik. Er wirft Israel mehr oder weniger explizit vor, nicht aus dem gelernt zu haben, was den Juden Europas wiederfahren ist: rassistische Diskriminierung und Verfolgung. Im Gegensatz zum Christentum ist das Verhältnis des Islam zum Judentum jedoch nicht von vornherein belastet gewesen. Muslime betonen daher, dass es den Juden in der islamischen Welt besser erging als im christlichen Europa. Und auch von Antisemitismus kann nicht direkt die Rede sein, gehört doch das Arabische ebenfalls zu den semitischen Sprachen. Nichtsdestotrotz läßt sich beobachten, dass der Antizionismus die jahrhundertealte Stereotypisierung des Juden importiert hat. So tauchten die angeblichen Protokolle der Weisen von Zion auch als Argumentationshilfe gegen Israel in einem in der Tat völlig anderen Zusammenhang auf. Das mittlerweile globalisierte Feindbild als mobilisierende, simplifizierte Antwort auf schwierige Fragen, die nur selten im direkten Zusammenhang mit Juden standen: es hat seine haßerfüllten Schöpfer überlebt.