Amerikanischer Arbeitsmarkt – Vorbild für die EU?

Artikel veröffentlicht am 14. Juni 2004
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Artikel veröffentlicht am 14. Juni 2004

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Die EU kann von den USA lernen, ohne ihre Tradition der Solidarität und sozialer Absicherung zu verleugnen.

In den vergangenen Jahren hat es in Europa breite Diskussionen über mögliche Reformen der Arbeitsmärkte gegeben, was zeigt, wie wichtig dieses Thema ist und wie schmerzhaft es sich für einige europäische Staaten mittlerweile darstellt, ineffiziente Arbeitsmärkte zu haben – ganz zu schweigen von dem immer noch nicht realisierten Projekt eines gemeinsamen EU-Arbeitsmarkts.

Können Europapolitiker, Gewerkschaften und die allgemeine Bevölkerung vom amerikanischen Ansatz lernen? Die USA sind viel aktiver, wenn es darum geht, Veränderungen der Waren- und Dienstleistungsmärkte und des Arbeitsmarkts durchzusetzen. Dadurch gelingt es ihnen, viel schneller von den positiven Auswirkungen zu profitieren als ihre lahmen europäischen Pendants.

Mitte der 1990er Jahre riefen die EU und die USA ein Diskussions- und Kooperationsforum ins Leben, das sich mit der Reform der Arbeitsmärkte befasst. Die Europäer hinken jedoch, mit sehr langsamen wirtschaftlichen Wachstumsraten, noch weit hinterher, während die USA sich immer schneller hin zu einer wissensbasierten Volkswirtschaft entwickeln.

Schuld sind die Gewerkschaften

Zuerst ein paar Fakten: Während der durchschnittliche Ertrag pro Arbeitsstunde in den EU und den USA ungefähr vergleichbar ist, arbeiten Europäer weniger als Amerikaner, da Europa eine höhere Arbeitslosenquote hat und der durchschnittliche Arbeitsnehmer weniger Stunden pro Woche arbeitet. Im Vergleich mit den USA ist die Jugendarbeitslosigkeit in Europa viel höher und der Anteil der Frauen und der Menschen mittleren Alters an der Gruppe der Beschäftigten geringer. Die Verantwortung für die Jugendarbeitslosigkeit tragen hauptsächlich die Gewerkschaften, die die Interessen ihrer zunehmend älteren Mitglieder auf Kosten der Nicht-Mitglieder verteidigen, die somit keine oder nur sehr geringe Einflussmöglichkeiten haben. Die geringe Beschäftigungsrate von Frauen hat mit der traditionellen Frauenrolle in vielen europäischen Gesellschaften zu tun sowie mit der geringen Unterstützung, die Frauen durch das Sozialsystem erhalten, insbesondere was die Kinderbetreuung anbelangt (zu nennen wäre hier z.B. das häufige Fehlen von Kindertagesstätten, deren Öffnungszeiten mit den Arbeitszeiten der Mutter übereinstimmen, sowie von Betriebskindergärten). Dass die Beschäftigungsrate von Personen mittleren Alters so gering ist, hat wiederum mit den großzügigen Rentensystemen zu tun.

Somit können die meisten Gründe des schlechten Abschneidens der Europäer auf die Arbeitsmarktinstitutionen und auf politische Entscheidungen zurückgeführt werden. Zwar hat der jüngste Anstieg von Teilzeitjobs und kurzfristigen Arbeitsverträgen die Situation der Jugendlichen und Frauen verbessert, jedoch bleiben die Arbeitslosenraten weiterhin hoch. Zudem können diese Jobs nicht als Ersatz für eine Vollzeitbeschäftigung angesehen werden, da sie z.B. nur zu geringen Rentenansprüchen führen und auch nicht ausreichen, um eine Hypothek aufnehmen zu können.

Die europäische Arbeitslosigkeit kann teilweise auf die unvollständigen Strukturreformen in verschiedenen Sektoren zurückgeführt werden, in welchen übertriebener Protektionismus, staatliche Hilfen und Regulierungen den Wettbewerb, Investitionen und Innovationen behindern. Kürzliche Messungen von „Einschränkungen für Unternehmertum“ und „Public ownership“ (O. Blanchard in The Economic Future of Europe) machen deutlich, dass – auch wenn große europäische Staaten in beiden Bereichen Verbesserungen eingeführt haben – die Europäer immer noch weit hinter den USA zurückliegen. Somit drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass die Reformen in den Waren- und Dienstleistungsmärkten sowie in den öffentlichen Verwaltungen nicht tief greifend genug gewesen sind.

Gleichzeitig deuten empirische Belege darauf hin, dass der Wohlfahrtsstaat nicht der Ursprung der Arbeitsmarktprobleme und des schleppenden wirtschaftlichen Wachstums ist. Reformen des Arbeitsmarkts können durchaus im Einklang stehen mit einem europäischen Ansatz, der traditionell durch hohe Solidarität und umfassende Sozialsysteme gekennzeichnet ist, jedoch müssen die Wohlfahrtssysteme entsprechend der neuen Bedürfnisse der sich verändernden Wirtschaft angepasst (und manchmal sogar erweitert) werden.

Mobilität und Integration

Die amerikanische Erfahrung kann auf verschiedene Art und Weise hilfreich sein, obgleich Europa nicht versuchen sollte, die Struktur des amerikanischen Arbeitsmarktes zu kopieren. In den USA besteht besonders im IT-Sektor eine große Nachfrage nach jungen Arbeitskräften. Europa hat sich bisher als langsam erwiesen, wenn es darum ging, in neue Technologien zu investieren oder diese anzuwenden, aber ein klarer Schritt in diese Richtung im Rahmen der Lissabon-Strategie könnte wirtschaftliches Wachstum fördern und Arbeitsplätze schaffen für junge Leute, denen es ja gewöhnlich leichter fällt, sich schnell die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen.

Ein andere Möglichkeit, die Mobilität innerhalb der EU zu verbessern, wäre ein flexibles Rentensystem für Arbeitnehmer, die außerhalb ihres Heimatlandes beschäftig sind, ähnlich dem US-amerikanischen 401K – Ansatz. Europäische Arbeitnehmer, die europäisch arbeiten und wohnen, sollten in der Lage sein, ihre Rentenzahlungen in unterschiedlichen Ländern zu leisten, in denen sie leben und arbeiten. Diese Regelung würde die Mobilität von Arbeitnehmern über Länder- und Wirtschaftssektorengrenzen hinweg fördern, Angebot und Nachfrage erhöhen und somit zum Aufbau eines wahren EU-weiten Arbeitsmarktes beitragen.

Ein dritter Vorschlag betrifft Senioren und Leute mit Behinderungen. In den USA hat der Mangel an Arbeitskräften dazu geführt, dass Reformen durchgeführt wurden, welche diese beiden Gruppen als echte Ressourcen des Arbeitsmarkts betrachten. Diese Reformen helfen Senioren und Personen mit Behinderungen, weiterhin einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Im Einklang mit der europäischen Tradition, die der menschlichen Dimension der Arbeit einen großen Stellenwert beimisst, könnten diese Ansätze durchaus auch in der Alten Welt angewendet werden.

Insgesamt betrachtet ist die größte Lektion, die wir von den USA lernen können, die Lektion der Deregulierung und Liberalisierung der Waren- und Dienstleistungsmärkte sowie die Lektion der Investition und Forschung im Bereich der Hightech-Industrie, die beide dazu geführt haben, dass die USA sich jetzt zu Recht als Wissensgesellschaft bezeichnen. Diese Politik hat zu großen Effizienzgewinnen für die Gesellschaft und die Konsumenten geführt, während sie gleichzeitig die Schaffung von Arbeitsplätzen und das wirtschaftliche Wachstum angeregt hat.