Amelia Andersdotter: Politik statt saufen

Artikel veröffentlicht am 20. März 2014
Artikel veröffentlicht am 20. März 2014

Sie ist die jüngste Abgeordnete im Europäischen Parlament. Manchmal fragt sie sich, warum sie überhaupt da ist. Die schwedische Abgeordnete Amelia Andersdotter, tritt bei den nächsten Europawahlen wieder für die Piraten an. Wir reden über Komasaufen, das Europaparlament und Wale.

Ame­lia An­ders­dot­ter trägt einen gift­grü­nen Ruck­sack und schaut sich um. Als wir die Hände schüt­teln, scheint sie er­leich­tert zu sein. In Paris ist sie die jüngs­te Ab­ge­ord­ne­te des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments nicht so häu­fig. Auf dem Weg zum Café, er­zählt sie von einem Cy­ber-Si­cher­heits­kon­gress, den sie am nächs­ten Tag be­su­chen wird. Ei­gent­lich wüss­te man dort gar nicht so genau, worum es geht. Der Kon­gress schei­ne ihr ein biss­chen so zu sein, als ob Geis­ter ge­jagt wür­den. Ob ich Angst vor Geis­tern hätte, fragt sie mich. Ich finde dar­auf spon­tan keine pas­sen­de Ant­wort. Wir schwei­gen ein biss­chen.

Kurz vor ihrem Einzug ins Europäische Parlament

Sie be­stellt sich Chips und einen Tee, der gut riecht. Wir set­zen uns etwas an den Rand eines In­nen­hofs vol­ler jun­ger, gut ge­klei­de­ter Pa­ri­ser. Man­che sit­zen al­lei­ne vor ihren App­les, man­che schrei­ben etwas in ihre Mo­le­s­kin-Hef­te. Länge Bärte beu­gen sich über die ers­ten luf­ti­gen Klei­der die­ses Früh­lings. Die Sonne scheint noch ein biss­chen. Ame­lia fängt an, etwas hek­tisch die Chips zu essen.

An­de­re sof­fen, sie mach­te Po­li­tik

Ist ihre Hei­mat Schwe­den wirk­lich so ein ro­man­ti­scher Ort, wie man sich das vor­stellt? Ernst blickt sie auf. Auf­ge­wach­sen ist sie in einem klei­nen Dorf, dort wo schwe­di­sche Fa­mi­li­en gerne ihre Kin­der ab­seits der gro­ßen Städ­te auf­wach­sen sehen. Über Schwe­den sagt Ame­lia, dass sie re­ser­viert seien: „Ich glau­be, dass ich in diese Ka­te­go­rie sehr gut passe.“ Sie sagt das, ohne Wi­der­spruch von mir zu er­war­ten. Als sie in die Nähe von Stock­holm zum Stu­di­um ge­zo­gen ist, hatte sie ein­fach keine Lust so viel zu trin­ken, wie die meis­ten an­de­ren Schwe­den in ihrem Alter. Junge Schwe­den lieb­ten binge drin­king, er­zählt sie. Das war der An­fang ihrer po­li­ti­schen Kar­rie­re: wäh­rend die meis­ten Stu­den­ten be­trun­ken in der Ecke lagen, dis­ku­tiert sie mit ihren Freun­den über Po­li­tik. „Auf dem Grund mei­ner Kaf­fee­tas­se fand ich meine po­li­ti­schen Ideen." Das hört sich wie ein In­si­der an, aber sie sagt es mit un­durch­dring­li­chem Ernst.

Warum sie wie­der ins Eu­ro­päi­sche Par­la­ment ge­wählt wer­den will, frage ich. Sie ver­zieht die Mund­win­kel leicht und schaut in die wol­ken­lo­se Pa­ri­ser Däm­me­rung, ihren Ruck­sack hält sie dabei eng bei sich. „Manch­mal ist es schwer zu sagen. Die eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen sind wie ein über­ge­wich­ti­ger Wal, der sich nur lang­sam dre­hen lässt.“ Wie rea­lis­tisch fin­det sie es, dass der Wal sich ir­gend­wann dreht, will ich wis­sen: „Flie­gen wären ein­fa­cher, sie än­dern ihre Rich­tung so­fort.“ Sie de­mons­triert mir die Flug­bahn einer Flie­ge mit ihren Hän­den. Sie könn­te sich über mich lus­tig ma­chen, viel­leicht möch­te sie, dass ich dar­über lache – wirk­lich si­cher bin ich mir nicht. 

Ihre Ar­beit im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment treibt der Zorn an, dass viele Dinge dort für sie kei­nen Sinn er­ge­ben. Dafür gibt sie ein Bei­spiel: Neu­lich hat sie einem Ver­tre­ter der Ka­be­l­in­dus­trie zu­ge­hört, der das­sel­be ge­sagt hatte, wie einer ihrer Kol­le­gen aus Par­la­ment in einer Sit­zung ei­ni­ge Tage zuvor. Viele Par­la­men­ta­ri­er könn­ten mit dem stän­di­gen Lob­by­is­mus im Par­la­ment nicht um­ge­hen und wür­den Ver­tre­tern von In­ter­es­sen­grup­pen nach dem Mund reden. Ihr ver­nich­ten­des Ur­teil: vie­len Par­la­men­ta­ri­ern – wie ihrem Kol­le­gen, der die Ka­be­l­in­dus­trie re­zi­tier­te -  fehl­ten Moral und Werte, um den Lob­by­in­ter­es­sen zu wi­der­ste­hen. Sie habe des­halb an­ge­fan­gen, Leu­ten da­nach ein­zu­schät­zen, wen sie re­prä­sen­tie­ren. Das sei eine Krank­heit, die sie sich in Brüs­sel ein­ge­fan­gen hätte.

Pla­gi­iert!

Die eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen mach­te Ame­lia mir nicht ver­trau­ter, son­dern ließ sie eher wie Un­ge­tü­me, denen man nicht zu nahe kom­men soll­te, er­schei­nen. Ich muss­te mir eine Reihe Par­la­men­ta­ri­er vor­stel­len, deren Ideen von einem gro­ßen Wal ver­schluckt und deren Mei­nun­gen bis zur Un­kennt­lich­keit von Lob­by­is­ten ver­bo­gen wer­den. Ist Eu­ro­pa wirk­lich so furcht­ein­flö­ßend?

Im Ge­gen­teil, sagt Ame­lia: Eu­ro­pa müsse auf­pas­sen, wei­ter­hin den of­fe­nen Aus­tausch in­ner­halb des Kon­ti­nents zu för­dern. Tra­di­tio­nell sei Eu­ro­pa in der Wis­sen­schaft und Kul­tur nur so weit vorne ge­we­sen, weil Eu­ro­pä­er von­ein­an­der pla­gi­iert hät­ten. Das Par­la­ment müss­te si­cher­stel­len, dass sich Per­so­nen frei be­we­gen könn­ten, um von­ein­an­der ab­zu­gu­cken. Wir leb­ten in einer Zeit, in der wir Freun­de nach ge­mein­sa­men Er­fah­run­gen, an­statt nach geo­gra­fi­scher Lage ma­chen wür­den. 

Am Ende geben wir uns wie­der die Hand. Die­ses Mal ver­beugt sie sich leicht. Dann has­tet sie mit ihrem grü­nen Ruck­sack bis zum Aus­gang. Bis zu den Par­la­ments­wah­len, gibt es noch ei­ni­ges zu tun.