"Amanda Knox": Ein Film dreht die moderne Hexenjagd um 

Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2016

Nach acht Jahren, zwei Verurteilungen und zwei Freisprüchen ist Amanda Knox frei. Seit der Novembernacht in Perugia, in der Meredith Kercher tragisch starb, haben die Medien über jeden Gesichtsausdruck, jede Emotion und jede Raktion von "Foxy Knoxy" berichtet. Ein kürzlich auf Netflix veröffentlichter Dokumentarfilm stellt das Skript nun um - und diesmal Medien und Polizei in den Zeugenstand.

"Hat sie es nun getan oder nicht?"

Das ist die unausweichliche Frage, mit der mich meine Freunde konfrontieren, seit ich den nervenzerreißenden Dokumentarfilm gesehen habe. Die Doku gibt einen Einblick ins Innere der berüchtigtesten mutmaßlichen Mörderin des 21. Jahrhunderts. Somit ist es wohl eine berechtigte Frage. 

Diese Geschichte der femme fatale, die ihre unschuldige Zimmernachbarin während eines ausgearteten Sexspiels in einer malersichen Bergstadt in Italien tötete, zog die skandalhungrige Presse und ihre Leserschaft in den Bann.

Die Geschichte von Amanda Knox ist aber ein mediales Märchen, eine reißerische und unheimliche Spekulation, die entstand, weil die Ermittlungen unglaubwürdig wurden: Das DNA sei verunreinigt worden, der Tatort nicht richtig abgesperrt und die Ermittler letzendlich vom italienischen Verfassungsgericht zurückgewiesen. Das Problem daran ist: Die Welt fiel darauf herein.

Schaut man sich die unglücklichen Details des Auslandssemesters in Italien von Amanda Knox genauer an, fällt ihre Normalität auf: Angefangen bei ihrem gepflegten, dunkelblondem Bob und ihrem pinken Pullover. Sie macht den Eindruck, die Kamera anzuflehen und, in Verlängerung uns, die gnadenlosen Zuschauer, die Geschichten über die Domina aus Seattle verbreiten. Dann geht sie schnell ins Schluchzen über, als sie von ihrer ersten Nacht im Gefängnis spricht, während der sie verzweifelt nach ihrer Mutter ruft. Und sie äußert den unheilvollen Spruch: "Entweder ich bin ein Psychopath im Schafspeltz ...oder ich bin du." 

Aber es ist das Narrativ der sexbessenen, kalten Prinzessin, das sie ins Unheil stürzte. Der Dokumentarfilm zeichnet ihre Veränderung nach, von einer Studentin der Washington University zu einer "Foxy Knoxy": einer jungen Frau, die mit allen schläft, Sexspielzeug besitzt und ihren Freund "auf unangemessene Weise" küsste, nachdem Kercher gefunden wurde. Das Narrativ schien so einleuchtend, dass es schnell die zweifehlaften DNA-Beweise überschattete, auf denen der Fall willkürlich aufgebaut wurde. Das macht es so schwer, mit diesem Fall umzugehen; der frauenfeindliche Mythos der weiblichen Verbrecherin war so tief in der Überzeugung verwurzelt, dass er eine lächerliche Anklage plausibel erscheinen ließ, die für Amanda Knox ultimativ zu vier Jahren Gefängisstrafe in Italien führten - und einem Leben voller unaufhörlicher Medienbeschattung.

Als Vergeltung dafür, werden die Architekten des Untergangs von Knox unerschrocken befragt und angehalten, ihr Verhalten zu rechtfertigen. Die Befrager drehen das Skript um und befragen Nick Pisa, den Journalisten der Daily Mail, der als ersrer über das "verdächtige" Verhalten und den Kleidungsstil von Knox schrieb. Sie befragen auch Giuliano Mignini, den tollpatschigen kleinstödtischen Ermittler, der von Ihrer Schuld überzeugt war und sich selbst für Sherlock Holmes hielt (stilecht mit Pfeife und ungerechtfertigter Arroganz). Es kann einen auf die Palme bringen.

Nun, da Details der Ermittlungen ans Licht kommen, betrachtet man fassungslos, was sich nicht mehr ignoriern lässt: Für Migins wilde Vorstellungen eines Sexspieles gab es weder physikalische Beweise, noch Motive oder Zeugenaussagen. Von dem weltweiten Medienecho gestärkt, beharrte so er weiter darauf, dass Meredith Amanda beleidigt hatte, indem sie ihr "fehlende Moral" vorwarf, was dazu geführt haben soll, dass Amanda ihre Mitbewohnerin erstoch, während die Männder zuschauten. 

Den Aussagen von Mignini zufolge war Meredith "in jeder Hinsicht anders" als Amanda, die beschrieben wird als ein "ungehemmtes Mädchen" das "viele Jungen nach Hause brachte" und mit Autoritäten nicht klar kam. Schnell wurde klar, dass Meredith ihm - trotz seiner Beteuerungen, für Gerechtigkeit zu sorgen - als Anfangspunkt einer weithergeholten Geschichte diente: sie war die wunderschöne Madonna der Hure Amanda. Es ist so, wie Nick Pisa es zugab: Die Medien stürzten sich auf die Geschichte von "sexuellen Intrigen, girl-on-girl Kriminalität".

An diesem Punkt wird klar, dass beide Frauen Opfer skuriler Falschinterpretationen der Medien wurden: Amanda, die für schuldig befunden wurde weil sie von der für Frauen akzeptierten Norm abwich, und Merdeith, deren tragischer Tod schamlos alle Medien mit der Sex füllte. Die Verfahren wurden verkürzt, Nachweise wurden nicht beachtet und die Medien verbreiteten weiterhin Erfindungen anstatt Fakten. 

Der Dokumentarfilm wurde zwar dafür kritisiert, die Ineffizienz der Polizei und die Fragwürdigkeit des juristischen Systems nicht beleuchtet zu haben. Dennoch erzählt er sehr raffiniert die Geschichte eines fragwürdigen Justizapparates, vom medialen Zirkus und einer modernen Hexenjagd. Wichtigerweise gibt er Knox auch die Möglichkeit, ihre eigene Meinung in die aktuelle Diskussion einzubringen, von der sie nicht nur für schuldig befunden, sondern auch dauerhaft ausgeschlossen wurde. Die Videoaufnahmen des Tatorts einzufügen mag fragwürdig erscheinen, generell ist der Film aber sehr geschmackvoll und in seiner Kritik am Prozess und der Berichterstattung, die zur Verurteilung von Knox führte, sehr scharfsinning. 

Sowohl die lachhafte Ermittlung unter Vorsitz von Mignini als auch die skrupellosen Journalisten - im Film exemplarisch dargestellt durch Pisa - erscheinen beide im Fokus des Films und werden für gleichschuldig gehalten. So werden wir gezwungen, unsere eigene Rolle zu überdenken: Als Zuschauer haben wir uns dem Kultstatus der Mörderin hingegeben und so am Medienzirkus teilgenommen. Gegen Ende des Dokumentarfilms fühlt sich der Zuschauer also selbst so, als wäre er in der Anklagebank - und es ist kein bequemer Ort. 

Amanda Knox - des Dokumentarfilm ist nun auf Netflix erhältlich.