Am Rande Roms

Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2007
Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2007

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Roms Vorstädte sind weit von den Zuständen der französischen banlieue oder der britischen suburbs entfernt. Dennoch ist das Leben in der periferie nicht einfach.

Um nach Tor Bella Monaca im Osten Roms zu gelangen, muss man den kleinen Vorortzug nehmen, der vom Hauptbahnhof Termini abfährt. Innerhalb von 40 Minuten weicht die Eitelkeit des römischen Stadtzentrum der Funktionalität grauen Betons.

Der Zug fährt durch die Borgate: kleine Ortschaften, die in den dreißiger Jahren von den Faschisten angelegt wurden, um die neue Arbeiterklasse zu beherbergen. Dann kommt man durch Alessandrino. Diese Vorstadt galt früher als abrissreif. Inzwischen sprießen unzählige Satellitenschüsseln in den Himmel. Zusammen mit den Blumenbalkonen und kleinen Geschäften prägen sie das Straßenbild Um hier eine Wohnung mit 35 Quadratmetern zu mieten, muss man etwa 700 Euro im Monat ausgeben.

Kunst für die Vorstädte

Zehn Kilometer weiter: Szenenwechsel. In Tor Bella Monaca stehen in karger Umgebung zehnstöckige Hochhäuser. Inmitten der trostlosen Stadtlandschaft thront das Theater TBM. Es wird von Michele Pacido geleitet, dem Regisseur des Films „Romanzo Criminale“ (2005). Pacido trat vor einem Jahr mit einer klaren politischen Aussage an: Man wolle einen angesehenen Ort in einem Viertel schaffen, dass unter einem schlechten Ruf leidet. Die Bevölkerung solle in die künstlerischen Aktivitäten eingebunden werden. Vor kurzem konnte man im TBM den Schauspieler Leonard di Caprio und den Regisseur Peter Brooks sehen.

Die Einwohner seien begeistert und stolz darauf, dass „die Römer des Stadtzentrums extra hierher kommen, um ins TBM zu gehen“, erklärt Claudia, eine Jugendliche aus dem Viertel. „Sie können sehen, dass wir nicht in einem Ghetto leben. Gleichzeitig lernen sie unsere Probleme kennen. Die meisten Besucher müssen mit dem Auto kommen, weil die öffentlichen Verkehrsmittel so schlecht funktionieren.“

Vom Ghetto zum Sozialprojekt

Der Stadtteil wuchs in den achtziger Jahren unmäßig, um die Einwohner der letzten Elendsviertel Roms aufzunehmen. Innerhalb von vierzig Jahren stieg die Bevölkerung von 2000 auf 210 000 Einwohner an. Unterkünfte wurden gebaut, aber der öffentliche Dienst zog nicht nach. Schnell schottete sich das Viertel ab und bot einen idealen Nährboden für Drogenhandel.

Vor kurzer Zeit erst nahm der Bürgermeister von Rom Notiz von diesen Problemen. Durch das Bersani-Gesetz von 1997 konnten der Stadtverwaltung 56 Millionen Euro überwiesen werden. Das Gesetz regelt die wirtschaftliche Entwicklung der Vorstädte. Die Kommune verwendete diesen Fonds für das Programm „Autopromozione sociale“, mit dessen Hilfe bisher 760 Unternehmen und rund 3800 Arbeitsplätze in den Vorstädten geschaffen werden konnten. Die Initiative erntete sogar in Brüssel Anerkennung, wo sie den „Europäischen Unternehmerpreis“ erhielt.

Auch die politische Zentralisierung ist ein Problem für die Vororte. Rom ist in 19 Stadtbezirke unterteilt und erstreckt sich auf 150 000 Hektar. Doch die Entwicklungspolitik geht weiterhin vom Zentrum aus. Der ehemalige Stadtrat Gianpiero Alunni hätte gerne „eine lokalere Verwaltung der Politik. Das Bürgermeisteramt der Stadtbezirke hat keinerlei Handlungsbefugnis. Sie läuft lediglich hinter den Problemen her.“

„Die Vorstädte haben eine zentrale Rolle“

Für den Soziologen Franco Ferrarotti, Experte für die römischen Vorstädte, „gibt es einen unleugbaren Fortschritt was Beschäftigung und Arbeit angeht. Es werden aber nicht genug Anstrengungen unternommen, damit sich die Einwohner der Peripherie als vollständige Bürger fühlen.“ Insgesamt leben 86 Prozent der Römer in den Vorstädten. „Die Gemeinde von Rom hat noch nicht verstanden, wie wichtig die Rolle der Vorstädte innerhalb des Stadtgebietes ist“, erklärt Ferrarotti.

Dort, wo der öffentliche Dienst durch Abwesenheit glänzt, spielt die Kirche eine wichtige soziale Rolle. In Tor Bella Monaca hat die Kirchengemeinde Santa Maria Madre del Redentore eine Seelsorgestation eingerichtet. Die Einwohner können dort bei Psychologen, Anwälte und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Familienberatung Hilfe suchen. „Das größte Problem ist der fehlende familiäre Halt, der vor allem den Kindern die Motivation nimmt, zur Schule zu gehen“, unterstreicht Pater Don Ricardo.

Trotz allem entstehen viel versprechende Initiativen. Im letzten Jahr wurden in der medizinischen Ambulanz 1500 Kinder geboren. Viele ehrenamtlichen Ärzte halfen bei den Geburten. „Bella Monaca hat seine Schwierigkeiten, aber es ist ein schönes Viertel“, betont der Priester. Diese Meinung teilt auch Vivian, eine Nigerianerin, die nach Italien kam, um das Studium ihrer vier Kinder in Abuja zu finanzieren.

„In Tor Bella Monaca hilft man sich gegenseitig. Manchmal verdiene ich nicht genug, um meine Miete zu bezahlen und meinen Kindern Geld zu schicken. Dann bitte ich meine Vermieterin, später zahlen zu dürfen. Auch meine Nachbarn können mir helfen, Geld nach Nigeria zu schicken.“ Die junge Frau weiß auch, dass „nicht jeder soviel Glück hat.“ Aber in Tor Bella Monaca, ist man mit ganzem Herzen dabei.

Fotos: Mathilde Gérard