Alternde Rockstars surfen auf der Nostalgiewelle

Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2013
Die Rolling Stones, My Bloody Valentines, Depeche Mode, David Bowie… Die erste Jahreshälfte 2013 war von überraschenden Comebacks in die Jahre gekommener Rockstars geprägt. Zurück auf der Bühne wurden sie mit einer wahren Nostalgiewelle begrüßt. Aber ist Altbewährtes auch zwangsläufig besser?

Im Juni werden die Rolling Stones auf dem englischen Glastonbury-Festival auftreten. Ihr Comeback im Jahr 2013 fällt mit den neuen Alben von anderen „Oldtimern“ des Musikbiz wie David Bowie, Depeche Mode und My Bloody Valentine zusammen. Betrachtet man die diesjährigen Konzerttermine und Festival Line-ups, könnte man sich fast fragen, ob man nicht aus Versehen im falschen Jahrzehnt gelandet ist und in Doc Browns DeLorean sitzt: Black Sabbath, Deep Purple, Robert Plant und Fleetwood Mac, um nur einige der einstigen Stars der 1970er zu nennen, haben ihre Gehhilfen ausgepackt und feiern ihr Bühnencomeback. Reunion-Tours gibt es immer häufiger und mitunter gar ohne den Bandleader (die Doors ohne Jim Morrison, Thin Lizzy ohne Phil Lynott), „Remastered“-Editionen von legendären Erfolgsalben stapeln sich in den großen Multimediamärkten.

Gleichzeitig mit der Rückkehr der alten Stars auf die Bühne beeinflusst die Retrokultur auch die Musik junger Künstler der letzten Jahre: Adele, Amy Winehouse, Duffy und sogar die Strokes haben erfolgreich Klänge recycelt, die auch alternden Ohren entgegenkommen. Die Musikbranche setzt nicht als einzige auf diese Nostalgiewelle: Erst letztes Jahr wurde mit The Artist ein Stummfilm in schwarz-weiß mit dem Oskar für den besten Film ausgezeichnet, Serienfans schätzen Mad Men nicht zuletzt aufgrund der Ausstattung und Kostüme aus den 1950er Jahren und hippe Jugendliche tragen stolz Hosenträger und Mokassins. Smartphone-Apps, die digitale Fotos mit einem Hauch von Sepia altern lassen, sind wohl der deutlichste Ausdruck der paradoxen Faszination der Popkultur für die Vergangenheit.

In die Jahre gekommen

War früher nun alles besser? Bremst dieser ganze Nostalgie-Hype die Kreativität aus – oder ist es das Gegenteil? Sind wir nostalgisch, weil es unserer Zeit an kreativem Elan fehlt, so sehr, dass wir lieber die Idole unserer Eltern anhimmeln? Ist das das Ende der Popkultur?

Natürlich haben die 1990er Jahre manche Künstler mit einem dauerhaften Einfluss hervorgebracht (Radiohead, Nirvana). Dennoch ist es durchaus angebracht, sich zu fragen, ob die vergangenen 10 Jahre ähnliche Ikonen schaffen werden wie die Beatles, Bob Dylan, Elvis Presley, Jimi Hendrix oder die Doors. Auf der anderen Seite darf man auch nicht vergessen, dass sich Kunst stets aus ihrer Vergangenheit inspiriert. Nostalgie gab es schon immer und auch die Utopie eines längst vergangenen goldenen Zeitalters existiert seit den Anfängen der Popmusik. Um das zu verstehen, reicht ein Blick auf die Texte von Morrissey (The Smiths) oder der Beatles (zum Beispiel Penny Lane). Zurückzublicken um voranzukommen - das allein ist noch kein Verbrechen.

Der Erfolg der alten Hasen liegt nicht an einem Mangel an neuen Talenten.

Es ist eine Tatsache: Das Label Retro lässt sich gut verkaufen. Bedenkt man zurückgehende Verkaufszahlen und illegale Downloads, verwundert es nicht, dass sich die Musikindustrie auf Künstlern ausruht, die ihren Wert bereits unter Beweis gestellt haben und die eine etablierte Fangemeinde haben – statt das Risiko einzugehen, in eine Neuheit zu investieren. Es sind längst nicht mehr die „Kids“, die die Musik finanzieren. Und in einer Zeit, die von Sparpolitik und Raubtierkapitalismus geprägt ist, fühlen sich die Menschen mit dem Altbekannten am wohlsten, das ihnen wie eine dicke Kuscheldecke vor der ungewissen Zukunft Schutz bietet.

Der moderne Mann sieht anders aus.

2013: Jahr der alternden Rockstars

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Was wir uns jedenfalls aus dem Kopf schlagen sollten, ist, dass der Erfolg der alten Hasen an einem Mangel an neuen Talenten liegt. Internet, Konzerthallen und Festivals wimmeln nur so von innovativen Künstlern. Der Grund dafür ist vielmehr, dass im Zeitalter der Globalisierung schnell der Eindruck entsteht, die Musik drehe sich im Kreis. Verschiedene Stilrichtungen mischen sich schneller, Trends entstehen - und verschwinden genauso schnell wieder in der Versenkung. Zusammen mit dem Konservatismus der Musikindustrie und ihrer Abneigung Neuheiten gegenüber, kann dieses Phänomen den Eindruck einer kreativen Sackgasse erwecken. Das traditionelle Musikbusiness kommt dem Rhythmus des Internets und der modernen Kommunikationstechnologien nicht mehr hinterher.

Man kann sich auch fragen, wieso sich die Altersverkalkung der musikalischen Szene nur auf die westliche Welt beschränkt, wo der Pop wie wir ihn kennen geboren wurde. In Brasilien, Indien, Island, Südafrika oder Russland boomt die Musikszene, und selbst Blues aus Mali erobert die europäischen Bühnen… Vielleicht können uns diese Länder, die bis vor kurzem auf der Weltkarte des Pop-Rock vernachlässigt wurden, dazu inspirieren, dem Pop einen frischeren Anstrich zu verleihen. Irgendwo da draußen wartet die Zukunft. Wer zieht endlich den Stecker der E-Gitarren unserer in die Jahre gekommenen Popstars?

Illustrationen: Teaser mit freundlicher Genehmigung der ©offiziellen Facebookseite der Rolling Stones; im Text: mit freundlicher Genehmigung der ©offiziellen Facebookseite von Mad Men; Videos: (cc)TheOfficialMBV/YouTube und (cc)OfMonstersAndMenVEVO/YouTube