Almaviva: der Protest hat das "Massimo" erreicht

Artikel veröffentlicht am 6. April 2016
Artikel veröffentlicht am 6. April 2016

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Während im "Teatro Massimo" in Palermo die Premiere der Oper "Lucia di Lammermoor" gefeiert wird, treten ein paar Meter entfernt ganz andere Protagonisten in Szene: die Arbeiter des IT-Riesen Almaviva. Sie gehen für ihren Arbeitsplatz auf die Straße. Wir haben diese Menschen getroffen, ihre Stimmen eingefangen und ihre Gesichter mit der Kamera festgehalten.

Sie helfen, wenn die Italiener ein Problem haben: Die Almaviva-Mitarbeiter sind verantwortlich für die, die technische, geschäftliche oder bürokratische Probleme mit großen Dienstleistern wie Tim, Wind, Alitalia, American Express, AMG Gas, Sky und Enel haben. Seit einigen Tagen aber haben die Callcenter-Mitarbeiter selbst ein großes Problem.

2988 von ihnen sollen entlassen werden: 400 in Neapel, 918 in Rom und 1670 im sizilianischen Palermo. In der Hauptstadt der Region mit der 2014 höchsten und 2015 zweithöchsten Arbeitslosenquote in Italien (Quelle: Nationales Statistikinstitut) käme das einer Katastrophe gleich. Almaviva ist für Palermo das, was Fiat für Turin ist: ein Unternehmen mit sicheren Arbeitsplätzen, das vielen jungen Leuten seit 2002 Zukunftsträume erlaubt hat, die jetzt zu verpuffen drohen. «Das Verfahren dauert 75 Tage, es bleibt nicht viel Zeit», erzählt die 36-jährige Mitarbeiterin Ambra. «In dieser Zeit muss man eine Einigung finden, denn wenn die Frist abläuft, wird die Firma die Kündigungsbriefe rausschicken.»

Klar, dass da die Anspannung steigt und sich die Mahnwachen multiplizieren. Der Protest zieht sich von der Straße der Freiheit (Sitz der Firma) über den Gamma Palast (Sitz des Auftraggebers Wind) bis zum Teatro Massimo, wo zur gleichen Zeit die Premiere der Donizetti-Oper "Lucia di Lammermoor" gespielt wird. Die Kundgebung ist irgendwie auch Familienausflug: die Blicke der Kinder gehören genauso dazu wie Hunde an der Leine und gewölbte Bäuche, die die erste Schwangerschaft der ein oder anderen Mitarbeiterin erkennen lassen.  Auf Flyern sind ihre Sorgen nachzulesen: sie wissen nicht, ob sie den Einkauf, die Miete und Nebenkosten sowie Kredite außerhalb der alltäglichen Familienkosten noch bezahlen können. Entlassungen würden auch die Läden in der Umgebung des Callcenters treffen, ebenso wie die Geldanlagen, die von den Mitarbeitern abgeschlossen wurden sowie die Staatskasse, für die die Steuergelder der gut 1670 Gehälter wegfallen würde.

«Ich könnte mich als Informatiker "recyceln", aber ich weiß, dass ich dafür weggehen müsste.» 

Daniele arbeitet seit zwölf Jahren für den Mobilfunkanbieter Tim. Im Alter von 20 Jahren hat er noch während des Studiums bei Almaviva angefangen, mit einem Ausbildungsvertrag, der später in einen unbefristeten Vertrag umgewandelt wurde. Er arbeitet Teilzeit: vier Stunden am Tag. «Es ist nicht so, dass diese Arbeit mir erlaubt hätte, ein Ziel nach dem nächsten zu erreichen und mich zu verwirklichen, sondern sie hat mir erlaubt, zu überleben. Die Arbeit wird nicht hoch belohnt, aber wenigstens erlaubt sie zu "leben". Als die Firma noch wuchs, hoffte ich, von 50 Prozent Teilzeit auf mindestens 75 Prozent zu kommen. Jetzt bin ich frustriert. Es bleibt das Vertrauen in die Institutionen, aber ich verstehe nicht, warum in Italien bei Katastrophen niemand den Mund aufmacht und sich keiner bewegt. Zunächst müssen doch die Italiener beschäftigt werden, wenn es dann einen Überschuss an Arbeit gibt, möge gern die Standortverlegung kommen.»

Daniele bezieht sich hier auf den Wettkampf um den kleinsten Preis, bei dem die Auftraggeber ihren Service outgesourcten Firmen (wie eben auch Almaviva eine ist) anvertrauen - nicht auf Basis der Servicequalität, sondern auf Basis der geringsten Kosten. Klar, dass bei ähnlichen Bedingungen die Callcenter in Schwellenländern weniger kosten und deshalb die Arbeit ins Ausland verlagert wird. «Ich könnte mich als Informatiker "recyceln", aber ich weiß, dass ich dafür weggehen müsste», erzählt Daniele weiter. «Die Verbindung zu Palermo ist tief, es wäre ein schwerer Schlag, wenn ich die Stadt verlassen müsste. Auch, weil es nicht darum geht, wenige Kilometer entfernt zu arbeiten, sondern in einem anderen Land.»

Patrizia, 41, lebt seit 15 Jahren im Almaviva-Universum. Sie hat damals sofort einen unbefristeten Vertrag bekommen - wie viele Angestellte der ersten Stunde. Sie arbeitet für den Mobilfunkanbieter Wind und wurde schon mehrfach versetzt. «In der Tat sind es von Beginn an schwierige Jahre gewesen, auf die Mitarbeiter wurde jede Art von Spannung abgeladen. Zum Beispiel die Abwesenheit von Anbietern, man lebt ja von den Vertragsverlängerungen der großen Auftraggeber. Und im ersten Jahr waren wir ja ein Start-up und daher, sagte man uns, müssten wir uns besonderen Schwierigkeiten stellen; dann die Spannungen rum um die Vertragsverlängerungen. Der Druck ist immer auch bei uns angekommen, auf die eine Art oder die andere. Dennoch haben wir immer gewusst, dass es stets darum ging, den größten Gewinn zu machen, zum Nachteil der Mitarbeiter. Heute ist die Situation auf dem Höhepunkt angekommen, weil es nun um Entlassungen geht.»

Der Großteil der Arbeiter ist um die 40 Jahre alt

Als wir Patrizia fragen, ob ihre Versetzungen ihre Fachkompetenzen verringert haben, erklärt sie:  «Diese Arbeit hat mir erlaubt, ein Zuhause einzurichten, unabhängig zu sein, Projekte umzusetzen, meine Würde als Arbeiterin zu bewahren und Mensch zu sein. Heute ist der Großteil der Arbeiter etwa 40 Jahre alt. Ich muss keine Kinder versorgen, aber es gibt Kollegen mit Krediten, darunter auch Ehepaare und Frauen mit Babybauch. Auch die sind hier auf dem Theatervorplatz und protestieren. Ich würde mir wegen meines Alters und der Gesamtsituation auf Sizilien nicht wirklich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausrechnen. Wir haben Fachkompetenz als Studierte, als Freiberufler, die schon viele Jobs gemacht haben, aber der Hauptanteil, das feste Gehalt ist vom Callcenter gekommen, das alles andere als ein Übergangsjob ist. Theoretisch hätte ich eine Reihe von Kompetenzen wie Kundenbetreuung, Empathie, die Fähigkeit Zuzuhören, Teamfähigkeit, Stressresistenz. Aber der Markt ist gesättigt: wir müssten alle weggehen, um Arbeit zu suchen und zu Hause, Familie und Kredite zurücklassen. Und dann gehen alle weg, es bleiben die, die nicht wegkönnen. Und das heißt, dass das kulturelle Niveau in Palermo weiter sinken wird, wenn wir so weiter machen. Tut mir leid, das zu sagen, aber es ist die Wahrheit.»

Es sind Geschichten, die hinter den bloßen Zahlen stehen, die in den letzten Tagen von dem Unternehmen kommuniziert wurden, dessen Gewinn auf dem italienischen Markt von 2011 bis heute 33 Prozent gesunken ist. In Palermo steht die Firma am Rande einer Identitätskrise: Plant man eine Zukunft für Arbeit und Kultur in dieser italienischen Stadt, die sich in den vergangenen zehn Jahren geleert hat, oder nicht? Deshalb engagieren sich in der Sache Almaviva auch Vertreter der palermischen Kulturszene wie Pif(sizilianischer Fernsehstar Pierfrancesco Diliberto, Anm. d. Ü.) und Ficarra und Picone (Comdeyduo aus Palermo), die sich in den sozialen Netzwerken mit Schildern zeigen, auf denen der Hashtag #iosonoAlmaviva ("IchbinAlmaviva") zu lesen ist.

Auch die Institutionen werden aktiv: in den vergangenen Tagen hat Italiens Arbeitsminister Poletti Almaviva aufgefordert, den Entlassungsprozess zu stoppen und sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Unterdessen hat Siziliens Präsident Crocetta (auch er wird beim Protest schwer kritisiert) während einer Kundgebung am Jahrestag der Sizilianischen Vesper entschieden, in der Streitfrage mit einem Brief die Aufmerksamkeit von Regierungschef Renzi zu erregen.

«Crocetta hat sich ein bisschen spät geregt, aber besser spät als nie», ist der Kommentar von Nicola, der seit 2002 für sechs Stunden am Tag angestellt ist. «Die Situation durchlebe ich miserabel. Ich bin Vater von zwei Kindern und auch meine Frau arbeitet bei Almaviva. Wir haben bis zum letzten Moment für dieses Unternehmen alles gegeben, wir würden nie aufgeben. Auch wenn ich nicht weiß, wie wir da rauskommen. Ab einem gewissen Punkt hat unser Patron (Almavia-Hauptaktionär Familie Tripi, Anm. d. R.) die Investitionen in neueste Technik reduziert und das hat uns auf professionellem Niveau blockiert. Nichtsdestotrotz gehen wir jeden Tag professionell an die Arbeit, wir wollen arbeiten: wenn wir hier protestieren, dann nur, weil viele Familien bei Almaviva entstanden sind und von den Gehältern der Firma leben.»