Alltagsfrust & REISELUST

Artikel veröffentlicht am 3. März 2014
Artikel veröffentlicht am 3. März 2014

Mein größter Neujahrsvorsatz: Das Reisen. Aus diesem Grund führe ich ein Interview, mit der Person, die mich dazu inspiriert hat in ferne Länder aufzubrechen. Lena Feitl ist neunzehn Jahre alt und aus Prinzip allein unterwegs.

„Fernweh“ lautete der Name von Lena Feitls Abschluss-Kollektion, die sie letztes Jahr zur Reifeprüfung an der Modeschule Hetzendorf präsentierte. Nach fünf Jahren Textilklasse hatte sie ästhetische und gleichzeitig wunderbar bodenständige Stoffe hervorgebracht: blau-lila eingefärbt, möglichst locker sitzend und verziert mit hauchdünn gezeichneten Umrissen aller Kontinente – willkürlich zusammengesetzt, in verschiedensten Konstellationen. Das Highlight der Kollektion: Die praktischen Seesäcke. Das Gesamtbild lädt dazu ein, gerade das Nötigste einzupacken und loszuziehen. Und genau das hat Lena getan.

„Wenn du reist, lernst du verschiedenste Leute und ihre Geschichten kennen. Sie erweitern dein Weltbild und du kannst genauso von ihnen lernen, wie sie von dir. Ich habe mich in Wien immer eingesperrt gefühlt – das Schulsystem und der Alltagstrott wurden mir zu viel,“ so Lena.

Mit den Worten „Ich bin dann mal weg“ zog sie los in Richtung Utrecht, Niederlande. Und damit inspirierte sie auch mich dazu, 2014 zum Jahr der Reisen zu deklarieren. Istanbul, London, Amsterdam, Lissabon. Reisen ist längst keine Frage des Geldes mehr – es ist eine Frage der Zeit. Und gerade deshalb zieht es vor allem junge Menschen kreuz und quer durch Europa und überdies auch weit über Europa hinaus. Das Kontingent an Plattformen scheint unendlich groß. Noch nie war reisen so unkompliziert und günstig. Buchungen von Unterkünften, Flügen und diversen Tickets lassen sich bequem online erledigen.

Heute sitzt Lena mir im Café Museum gegenüber, schlürft an ihrem Gin & Tonic und erzählt mir von ihrem letzten Abenteuer. Unterwegs ist sie aus Prinzip nur mehr alleine.

Eine Frage, die mir sofort durch den Kopf schießt, wenn du mir von deinen Reisen erzählst ist: Warum alleine? Was macht den Reiz aus? Ich erinnere mich, dass du ab einem gewissen Punkt niemanden mehr gefragt hast, ob er/sie dich begleiten möchte.

Lena: Grundsätzlich genießt man einfach mehr Freiheiten, wenn man alleine reist. Man ist offener für andere Begegnungen und ist verpflichtet sich komplett auf die Situation einzulassen. Außerdem lernt man dabei, mit sich selbst klarzukommen.

Mit Freunden zu verreisen bedeutet einen gewissen Teil seiner Komfortzone in das fremde Land mitzunehmen – klar fühlt man sich sicherer. Natürlich kommt es sehr darauf an, mit wem man verreist, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man in Begleitung von Freunden weniger neue Leute kennenlernt. Alleine war ich darauf angewiesen offen zu sein, schnell jemanden kennenzulernen und Anschluss zu finden.

Sag mal, wie löst du das Problem mit dem Essen? Schließlich unterschätzt man gerade diesen Faktor der Reisekosten sehr gerne und müllt sich mit billigem Fast Food zu.

Lena: Selbst kochen! Das klappt in Hostels mit Gemeinschaftsküchen sehr gut und wenn man beim Couchsurfing liebe Leute erwischt, gibt es kaum jemanden, der das Angebot abschlägt. Beim gemeinsamen Kochen kann man viele neue Rezepte erlernen, gerade die traditionellen Gerichte eines Landes. Ich muss zugeben, in London habe ich nicht wirklich gekocht. Aber in Lissabon wurde immer im Hostel gemeinsam gekocht, Einkaufslisten geschrieben und fair auf alle aufgeteilt, Zutaten zusammengeworfen und jeder hat mitgeholfen. Es gab italienische, französische und portugiesische Abende. Besonders gut klappt das in kleineren, gemütlichen Hostels.

Womit wir gleich beim nächsten Thema wären: Unterkünfte! Was hast du ausprobiert, was würdest du weiterempfehlen, was nicht?

Lena: (lacht) Gerade bei Unterkünften kann man sehr großes Pech haben. In London habe ich einmal in einem extrem ekelhaften Hostel gelebt. Es war eines der Günstigeren, da wir auf Interrail waren und nur zwei Nächte blieben. Das war richtig überfüllt und so gar nicht heimelig. Die Zimmer sahen so nach Massenabfertigung aus und waren schrecklich klein. Privatsphäre gab es sowieso keine. Das erste Mal in London war ich via Schüleraustausch. Meine Gastfamilie lebte in Lewisham, ein Stadtteil weiter auswärts von London. Die Gastmutter war sehr unsympathisch und war wahrscheinlich einfach auf Gastschüler aus dem Ausland angewiesen. Man hatte nicht das Gefühl, dass es ihr große Freude bereitete.

In Amsterdam habe ich jedoch nur gute Erfahrungen gemacht. Einmal übernachtete ich im „Stayokay Hostel“ in der Nähe vom Redlight District. Das war sehr schön, es gab Gratis-Frühstück und ich habe viele nette Leute kennengelernt. Die Vernetzung mit anderen Hostelgästen ging dort überhaupt sehr schnell und unkompliziert vonstatten. Während meinem Interrail-Trip übernachtete ich einmal im Van Gogh Hostel, das zugegeben sehr schön, fast schon 'hotelartig' war.

In Lissabon war ich im „Chillout Hostel“ einquartiert. Das war sehr familiär. Es gab immer gemeinsame Abende mit den anderen Reisenden. Dort habe ich „Volunteering“ gemacht.

Möchtest du vielleicht kurz erklären, was man unter „Volunteering“ versteht?

Lena: Im Prinzip bedeutet das, dass man für Gratis-Unterkunft und Verpflegung halbtags im Hostel aushilft. Ich fand das „Chillout Hostel“ über Helpx, eine Website für Reisende auf der ganzen Welt, die nach günstigen Unterkünften suchen. Das System funktioniert so, dass es Hosts und Helper gibt. Helper fragen bei Hosts an, ob Plätze für einen bestimmten Zeitraum verfügbar sind. Dabei geht es nicht um Geld, sondern eher um den zwischenmenschlichen Austausch. Ich hatte wirklich wenig zu tun und habe es sehr gut erwischt, aber natürlich besteht ein gewisses Risiko, dass es Hosts gibt, die Leute zu unfairen Konditionen für sich schuften lassen. Dafür gibt es aber auf der Website Referenzen, die verhindern sollen, dass Helper ausgenutzt werden. Helpx ist sehr bemüht um faire Hosts. Um auch die ländlichen Facetten Portugals kennenzulernen, habe ich dazwischen eine Woche lang auf einer Ökofarm in der Nähe Lissabons gearbeitet. Die verschiedenen Lebensstile der Menschen kennenzulernen, war eine sehr schöne Erfahrung für mich.

Couchsurfing habe ich einmal in Utrecht probiert und auch sehr davon profitiert. Viele Leute schrecken davor zurück und meinen vor allem für Frauen sei das gefährlich. Absoluter Blödsinn. Als Frau kann man ohne weiteres couchsurfen. Man kann auch hitchhiken. Es gibt da keine Grenzen. Grenzen steckt man sich nur selbst.

Ich kenne dich sowohl als extrovertierten, als auch introvertierten Menschen. Wie stehst du zu dieser zugegeben extremen Aussage: „Ein introvertierter Mensch hat auf Reisen wenig Chancen Anschluss zu finden.“?

Lena: Stimmt nicht! (lacht) Anfangs war es seltsam, also der Flug nach Lissabon im November. Ich flog von Genf aus, wo ich Freunde besucht habe und da war mir danach etwas mulmig zumute. 'Okay jetzt bist du alleine, jetzt bist du auf dich gestellt und im ersten Moment fragte ich mich nur: wie wahnsinnig bist du eigentlich, dass du so etwas machst?' Das war wie eine andere Welt, die ich da betrat. Bei uns in Wien war es eiskalt, in Lissabon noch frühlingshaft-warm. Im Endeffekt waren die Sorgen unbegründet, weil ich sofort Leute kennengelernt habe. Es war dann sogar des öfteren so, dass ich mich eher hin und wieder zurückziehen musste, weil ich auch Zeit für mich brauchte. Denn man ist eigentlich, das hört man ja immer wieder, das ist wirklich wahr, nie alleine wenn man alleine reist. Ich habe plötzlich auch mehrere Angebote bekommen, wie: Okay, wir fahren nach Marokko, du kannst gerne mitfahren, wir haben noch Platz im Auto.

Und natürlich gab es auch Begegnungen außerhalb des Hostels. Interessante Gespräche – beim Ausgehen, in Cafés. Ich habe teilweise selbst Leute angesprochen, manchmal wurde ich aber auch angesprochen. Es hat also wenig mit introvertiert oder extrovertiert sein zu tun. Einmal saß ich am Tejo und drei Studenten sprachen mich wegen eines Kunstprojektes an. Wir kamen vom Hundertsten ins Tausendste und sie fragten mich nach meinen Abendplänen.

Eine Situation, in der ich jemanden ansprach passierte gleich am ersten Tag. Ich war auf der Suche nach der „Ponte 25 de Abril“ und bekam etwas Panik, weil ich sie nicht fand. Schließlich fragte ich zwei Mädchen, die scheinbar auch am Weg dorthin waren und sie nahmen mich mit. Sie waren amerikanische Austauschstudentinnen, die mich im Anschluss ins „Museu do Fado“ mitschleppten, wo ich noch Berliner kennenlernte, mit denen ich Kuchen essen war. Fazit: Ansprechen lohnt sich, denn laut meinen Erfahrungen sind die Leute eigentlich nie abgeneigt.

Weil du sagtest, du hast dir die Brücke angesehen, warst auch im Fado Museum – wie wichtig ist es dir das kulturelle Angebot einer Stadt zu nutzen, beziehungsweise in welchem Ausmaß betreibst du Sightseeing?

Lena: Ich stoße schon sehr gerne vor Ort auf Dinge und Sehenswürdigkeiten. Ich hätte mir das Fado Museum vielleicht nicht angesehen, hätte ich die beiden Amerikanerinnen nicht angesprochen. Trotzdem möchte ich etwas von dem Land mitbekommen, das ich bereise und informiere mich natürlich im Vorfeld. Ich bin aber kein Fan von Reiseführern, weil man sich viel zu sehr auf sie verlässt. Sich informieren ist schon wichtig, um zumindest zu wissen, was kulturell und politisch in einem Land passiert, aber prinzipiell ist es schöner sich in einer Stadt zu verlieren und nicht nach Check-Liste abzuarbeiten, was man unbedingt gesehen haben muss. Dabei entgehen dir nur Begegnungen mit Menschen, die für mich das Reisen – egal wo – so interessant und reizvoll machen.

Was waren so deine größten Schreck- und Angstmomente auf Reisen?

Lena: (lacht). Ich glaube das ist jedem, der in Amsterdam war, schon mal passiert, aber als ich zum ersten Mal mit Freundinnen dort war, habe ich Space Cakes gegessen und dann ist es mir einfach nur schlecht gegangen und es war halt richtig schlimm. Da habe ich mir zum ersten Mal gedacht: Heftig, jetzt sind nicht mal meine Eltern in der Nähe. Meine Freunde haben sich natürlich rührend um mich gekümmert, aber in einem fremden Land, wo man noch nicht genug Orientierung hat, um zu wissen, okay, in drei U-Bahn-Stationen bin ich zu Hause und leg mich einfach hin... das ist was anderes und richtig erschreckend.

Der zweite Schreckmoment war eben wie bereits erwähnt die Hinreise nach Lissabon. Ja, eigentlich war es der Weg dorthin und von der U-Bahn zum Hostel. Das war die ersten drei Tage sehr schwer, aber dann einfach nur mehr cool.

Und die schönsten Momente?

Lena: Amsterdam ist einfach... Vielleicht studiere ich ja bald dort, oder ich lebe mal da. Kennst du das Gefühl, wenn du zum ersten Mal in eine fremde Stadt kommst und du fühlst dich wohl und geborgen und denkst dir: 'Das ist es jetzt!'? Das war bei mir so, als ich mit fünfzehn mit meiner Mutter und Tante dort war. Und seither ist es jedes Mal immer dieselbe Nervosität gepaart mit Vorfreude. Mein schönster Tag in Lissabon war der Ausflug zum „Cabo de Roca“ mit einem Amerikaner aus dem Hostel. Man spaziert an einem Fels entlang zum Strandufer hinunter. Das war wirklich surreal schön. Solche Dinge passieren nur, wenn man sich hinauswagt.

Wie sieht es bei dir mit Erwartungen aus? Kannst du als neugieriger Mensch deine Erwartungen abstellen oder hast du schon Enttäuschungen erlebt?

Sicherlich hat man ein paar Erwartungen und stellt sich vor, wie das dort sein wird. Aber eigentlich wurde ich immer positiv überrascht. Von London hatte ich ein etwas anderes Bild. Sehr positiv überrascht hat mich Istanbul. Dort war ich mit meiner Textilklasse auf Projektwoche und ich muss zugeben, es hat mich davor nie wirklich hingezogen. Und jetzt ist sie für mich neben Lissabon eine der interessantesten Städte, die ich je bereist habe. Sehr inspirierend...

Amsterdam war soundso Liebe auf den ersten Blick – nicht zu klein, nicht zu groß, international, überschaubar...

Lissabon ist sehr schön und sehr melancholisch, der perfekte Schauplatz für ein Drama. Ja, Lissabon ist Herzensangelegenheit.

Und London... London ist sehr modern, sehr schnell. Vor allem schnell.

Mittlerweile ist es mir nicht nur wichtig Städte kennen zu lernen, sondern auch die rustikalen Seiten eines Landes. Ich liebe es Landschaften zu erkunden.

Was ist dein nächstes Reiseziel?

Lena: Wenn die Flüge finanziell leistbar sind Australien und Neuseeland. Ich würde gerne mal raus aus Europa. Ich habe auch sehr spontan eine Bewerbung an ein Urban Gardening Projekt in New York geschickt. Die wären nicht abgeneigt mir ein Praktikum zu geben und haben sehr nett zurückgeschrieben, dass sie mich gerne nehmen würden. Ich habe dann angefragt, ob ich das auf Volunteering-Basis machen könnte, da eine Unterkunft in New York für drei Monate ja sicherlich schwer zu finanzieren ist. Sie haben geantwortet, dass sie sich beraten werden, aber prinzipiell ist das jetzt auch mal eine offene Option. Natürlich tendiere ich zu Australien, denn wenn man arbeitet ist man wieder ortsgebunden.

Abschließend: Was sind die wichtigsten Lektionen, die das Reisen dir gelernt hat?

All meine positiven Erfahrungen haben mir die Angst davor genommen einfach meine Sachen zu packen und loszufahren. Wenn man einmal angefangen hat, kann man nie wieder aufhören. Man wird sehr oft von seinem sozialen Umfeld verunsichert, bekommt tausend Gründe warum es nicht geht oder wird mit Aussagen konfrontiert wie: Du bist faul, wenn du nur reist. Ich habe gelernt für mich selbst einzustehen und zu sagen: Für mich hat das aber einen Wert, für mich ist das wichtig. Es geht immer. Wenn man will dann geht es.

Reisen ist für mich leben. Im letzten halben Jahr habe ich so viele Leute kennengelernt, tolle bereichernde Menschen getroffen. Nach Portugal habe ich auch zum ersten Mal diesen Perfektionsanspruch an mich selbst verloren und gelernt es ist okay manchmal schlecht gelaunt zu sein. Man muss nur sein Tempo finden und es ist nicht wahr, dass man immer jedem gefallen muss.