Alles ruhig an der akademischen Front

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2008
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Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2008
Die Sorbonne-Universität, tagsüber meine bescheidene Heimat, ist fast völlig leer. Kein lautes sorgenfreies Studentenleben ist zu hören, keine lebhaften Unterhaltungen im Cour d’Honneur, dem Innenhof der Uni, und keine Studenten, die die Flure hoch und runter flitzen. Das Leben scheint angehalten, oder zumindest verlangsamt zu sein. Was ist los?

Es gibt nur eine Erklärung für diese Traueratmosphäre: Prüfungen. Es ist die Zeit der partielles, Mühe und Elend erreichen hier ihren Höhepunkt. Es ist die Zeit, in der dein Mut und dein Durchhaltevermögen den Härtetest bestehen müssen. Es ist die Zeit, in der du dir selbst und all der nicht erledigten Arbeit deines Studiums ins Auge blicken musst. Es ist der Kampf gegen die Zeit, deine physischen Bedürfnisse und letzten Endes gegen die ganze Welt (so wird es sich zumindest anfühlen, wenn du nach nur zwei Stunden Schlaf schon beim Lernen für die nächste Prüfung sitzt).

Prüfungen sind nicht nur die Zeit emotionaler und physischer Achterbahnen; es ist auch die Zeit philosophischen Nachsinnens. Denn wie unzählige male schon stellst du dir jetzt wieder DIE Frage: Studieren oder nicht studieren? Wolltest du dies alles wirklich? Würdest du nicht viel lieber für einen café crème und ein knuspriges croissant ins nächste Café wechseln? In diesem Moment bist du für gewöhnlich in so tiefer Hypnose, dass du alles stehen uns liegen lässt und nur noch raus in die Freiheit rennst. Natürlich bereust du es am nächsten Tag immer.

Diese Jahr habe ich entschieden, mein Leben in neue Bahnen zu lenken. Ich habe entschieden den Vorlesungen wach und konzentriert zu verfolgen und mich nicht zu sehr zu stressen. Ok, ich habe in allem versagt – mit Ausnahme des nicht zu sehr Stressen. In den ersten drei Monaten war ich sehr entspannt und locker. Du kannst dir denken, was im vierten Monat dabei herauskam...

In schwierigen Zeiten hat jeder Student seine eigenen Überlebensstrategien. Psychologen würden es Verdrängungsmechanismen nennen. Der erste und am weitesten verbreitetste ist Leugnen: Neeein, ich habe morgen keine wichtige Prüfung, ich kann ruhig noch auf ein Gläschen bleiben. Dann beginnt die Rationalisierung: Du beginnst darüber nachzudenken, wie wenig wichtig Prüfungen doch seien, wie wenig sie fähig sind, die Tiefe deiner Persönlichkeit zu messen, deine Lebenserfahrung, und ganz wichtig – deine soziale Kompetenz.

Die schwierigste aber auch effektivste Strategie sind die Wahnvorstellungen, bei denen du alle deine inneren Ängste auf deine Kommilitonen projizierst und sie anfängst als Feinde wahrzunehmen. Sie seien die Ursache all deines Unglücks, sie haben dich überredet letzte Woche mit ihnen auszugehen, usw. usf. Wenn du diese Strategie erfolgreich fährst, wirst du dich definitiv weniger schuldig fühlen, möglicherweise verlierst du dann aber alle deine Freunde.

Das Studentenleben ist also wahrlich kein Zuckerschlecken. Nebenbei gesagt, falls du noch weitere so nützliche Tricks zur Gemütsmanipulation kennst, dann lass es mich wissen – ich brauche sie dringend!