...Ali Lmrabet, Kämpfer für die Pressefreiheit

Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2006

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Nach einer Gefängnisstrafe und einem Hungerstreik wurde er zur Symbolfigur des Kampfes für die Meinungsfreiheit. Und Ali Lmrabet ist bereit, seinen Kreuzzug fortzusetzen. Seine einzige Waffe: Das Wort.

Die Leichtigkeit, mit der wir ein Gespräch mit dem bekannten Journalisten Ali Lmrabet bekommen haben, grenzt an Luxus. Wir treffen uns an einem Samstagmorgen in einem Café mitten in Eixample, einem Viertel Barcelonas. Während wir beide Kaffee bestellen, blättert Ali die zwei Zeitungen durch, die er mitgebracht hat. Ihm wird ein entkoffeinierter Kaffee serviert, den er während unseres Gesprächs genussvoll ausschlürfen wird.

Ikone im Kampf für die Meinungsfreiheit

Schon zu Beginn überrascht er uns mit einer Neuigkeit: Er ist kurz davor, Barcelona zu verlassen, wo er mit seiner Familie lebt, um für unbekannte Zeit nach Marokko zurückzukehren. Dort hat er nämlich „Verpflichtungen vielen Leuten gegenüber“, wie er sagt. Als Mitglied der Marokkanischen Vereinigung für Menschenrechte und vehementer Kämpfer für die Meinungsfreiheit in seinem Land, glaubt Lmrabet „zurückkehren zu müssen um zu berichten, was vor sich geht“. Denn in Barcelona zu bleiben „käme mir vor, als ob ich mich verstecken würde.“ Er wurde der Verleumdung beschuldigt, weil er berichtet hatte, dass die in Lagern lebenden Sahraouis nicht Gefangene, sondern Flüchtlinge seien. Daraufhin wurde er von dem alawitischen Regime mit einem Berufsverbot von 10 Jahren für jegliche Veröffentlichung in den Medien des Landes belegt. Das wird ihn jedoch nicht daran hindern, in Marokko zu arbeiten, da er als Korrespondent der spanischen Tageszeitung El Mundo dorthin reisen wird.

Wir haben es hier mit einem wahren Hans Dampf in allen Gassen zu tun, einem kämpferischen Journalisten, den das geruhsame Leben in Barcelona langweilt. 2003, als er Chefredakteur der Satirezeitungen Demain Magazine und Doumane war, wurde er für schuldig befunden, den König beleidigt sowie die Monarchie und die territoriale Einheit Marokkos verhöhnt zu haben. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt. Der Grund? Karikaturen von einigen Fotos des Monarchen, eine Fotomontage, die Veröffentlichung eines Interviews mit einem ehemaligen marokkanischen republikanischen Dissidenten, das in einer spanischen Tageszeitung erschienen war, sowie ein Artikel über die Finanzen des marokkanischen Königshauses. Er trat zweimal in Hungerstreik, um auf die Haftbedingungen aufmerksam zu machen und forderte, ihn als politischen Gesinnungshäftling zu behandeln. So wurde er zur Ikone des Kampfes für die Meinungsfreiheit.

Nach sieben Monaten Haft begnadigte ihn der König aufgrund internationalen Drucks. 2005 war Lmrabet kurz davor, neue Projekte in Marokko zu beginnen. Doch neue Anschuldigungen hielten ihn davon ab. Dennoch kehrt er nun zurück, da es in dieser „Bananenmonarchie ohne Meinungsfreiheit“ noch viel zu tun gebe. Ist seinen Erfahrungen nach eine unabhängige Presse in Marokko möglich? „Natürlich. Darin liegt auch die Hoffnung für die Demokratisierung des Landes, denn Freiheit gibt es nicht ohne Meinungsfreiheit.“ Er weiß, dass er nach seiner Rückkehr wieder im Gefängnis landen kann, denn „warum sollte ein Regime, das nichts respektiert, nicht einmal seine eigenen Gesetze, mich respektieren?“, fragt er. Es ist ein schwieriger Weg, den engagierte Menschen wie Lmrabet wählen. Nachdem er seine Arbeit als Diplomat aufgegeben hatte, stieß er zufällig auf den Journalismus. Ein befreundeter Chefredakteur einer Wochenzeitung hatte einen Artikel nicht erhalten und bat ihn daraufhin, schnell etwas zu schreiben.

„Europa kennt den Maghreb nicht“

Lmrabet spricht leidenschaftlich. Seine Stimme ist ernst, aber lebhaft. Er erzählt vom heutigen Marokko anhand von Geschichte und Kultur, um uns ein Bild der Wirklichkeit dieses Landes zu vermitteln. Die mittlerweile in das Lokal strömenden Gäste erinnern uns daran, dass die Frühstückszeit vorüber ist und schon Bestellungen für das Mittagessen aufgenommen werden. Unsere Kaffeetassen sind schon fast leer als es uns endlich gelingt, das Gespräch auf das Verhältnis zwischen Europa und dem Maghreb zu lenken. Für Lmrabet steht fest: „Der Maghreb kennt Europa nicht und Europa kennt den Maghreb nicht.“

Das Mittelmeer ist für ihn „mehr als nur ein Meer, sondern ein Ozean zwischen zwei Welten, die sich nicht kennen. Das Mittelmeer trennt sie eher, als dass es sie verbindet.“ In Europa werd viel über die Situation an der Südgrenze gesprochen, aber dies geschehe auf ignorante Art und Weise. Er kann den Politikern Europas überhaupt nicht zustimmen, wenn sie behaupten, dass Marokko mit dem neuen König Mohammed VI. eine neue Ära der Offenheit erlebt. „Ich weiß nicht, ob es ein Zeichen von Zynismus oder Opportunismus ist, wenn einige Politiker wie der spanische Regierungschef José Rodríguez Zapatero meinen, dass in Marokko zur Zeit sowohl die Freiheit als auch die Demokratie gefestigt würden.“

Die Allianz der Unzivilisierten

Lmrabet übt auch an Zapateros Vorschlag Kritik, eine „Allianz der Zivilisationen“ zu schmieden, die den Dialog zwischen dem Westen und der arabisch-muslimischen Welt fördern solle. „Eine gute Initiative ohne Inhalt, mit Ideen, die in die Welt gesetzt und von den Medien aufgeblasen werden“, empört er sich. Dem Journalisten stellt sich die Frage, mit wem diese Allianz verwirklicht werden soll: „Mit Mohammed VI.? Mit Gaddafi? Mit dem tunesischen Präsidenten Ben Ali? Sie haben vor, eine Allianz der Zivilisationen mit Unzivilisierten zu schließen!“ Lmrabets Vorschlag sieht anders aus: Die Allianz muss mit den Völkern geschlossen werden und mit den Vereinen der Zivilgesellschaft, die sie repräsentieren.

Auch die Europäische Union kommt nicht ungeschoren davon. Der Journalist kritisiert im Fall Marokko, dass sie „nicht nur nicht bei der Demokratisierung hilft, sondern dass sie diese undemokratische Monarchie schützt und unterstützt“. Er erklärt uns, dass die EU das Ziel hat, fundamentalistisch-islamistischen Bewegungen Einhalt zu gebieten, aber dafür sei es schon zu spät: „Der Islamismus kann nicht gestoppt werden, da er im Volk verwurzelt ist“. Außerdem „hat er das Recht, zu existieren, wenn er die Spielregeln akzeptiert: Demokratie und Meinungsfreiheit“. Lmrabet steht auf der Seite des Dialogs und des Respekts vor der Meinung anderer, wie sehr diese Meinungen auch von der seinen abweichen mögen.

Nach anderthalb Stunden Gespräch erschwert der zunehmende Lärm im Café die Fortführung unserer Unterhaltung. Doch Lmrabet lässt sich nicht bremsen und unterhält uns mit weiteren Anekdoten und Kommentaren, während wir unseren Weg zum Ausgang suchen. Dann verabschieden wir uns von einem Journalisten und Kämpfer für die Freiheit, der in seine Heimat zurückkehrt, der er immer verbunden sein wird. Er erklärt es uns anhand eines Zitats aus dem Roman Der Leopard des italienischen Schriftstellers Lampedusa: „Wenn die Exilanten ihre Heimat nach dem 18. Lebensjahr verlassen, werden sie sich niemals an einen anderen Ort anpassen und bleiben das ganze Leben Exilanten. Ich bin etwas zu spät gegangen, mit 19 Jahren. Und ich bleibe für immer Marokkaner“.