Algerischer Karikaturist Slim: „Nicht nur Menschenrechte, sondern vor allem die rechte Hand verteidigen“

Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2012
Die meisten Algerier wissen, wer Slim ist. Viele Europäer hingegen kennen ihn nicht. Dabei zeugen die Zeichnungen des 66-jährigen Karikaturisten von einem scharfen Blick auf die Gesellschaft, in der er lebt. Er kennt jene Länder, die den arabischen Frühling erlebten - Tunesien und Ägypten. Aber auch auf Algerien, wo der Umsturz ausblieb. Cafebabel.
com erklärt er, warum die Revolution in seiner Heimat ausblieb.

Slim, das sind 19 Comics und hunderte Veröffentlichungen in zahlreichen Ländern. Mit 67 Jahren ist der algerische Zeichner gut im Geschäft. Seine scharfe Meinung und sein klarer Blick auf die Gesellschaft, in der er lebt, haben ihn bis an die Universität von Los Angeles (UCLA) gebracht. Dort leitete er 2008 eine Vorlesungsreihe über Comics. Kurz: Slim ist eine Art algerisches Pendant zu dem in Tunis geborenen Franzosen Georges Wolinski. Der beliebte Zeichner besprach kürzlich Slims vierte Ausgabe des 2003 erschienen Comic-Bands Walou à l’Horizon [dt. Nichts Neues am Horizont]. Wolinskis Urteil ist deutlich: „Wenn Sie Algerien kennenlernen wollen, lesen Sie Slim.“ Wir haben den Künstler getroffen.

Cafebabel.com: Als Karikaturist lebt man gefährlich. Der syrische Zeichner Ali Ferzat wurde im August 2011 angegriffen, weil er sich in einem Cartoon über seinen Präsidenten Baschar al-Assad lustig gemacht hatte - um nur ein Beispiel zu nennen.  Du hast stets die Politik kritisiert und das Leid der Bevölkerung illustriert. Geht es dir darum, die bestehenden Verhältnisse abzubilden oder möchtest du mit deinen Bildern gegen die aktuelle Situation kämpfen?

Slim: Beides. Ich bekam die Möglichkeit, meine Figuren auf Reise zu schicken, doch ich wusste, dass ich schnell an meine Grenzen stoßen würde. Ich habe einen Comic für das Regierungsblatt auf Französisch gemacht und es war Segen und Fluch zugleich. Es war mir nicht möglich, irgendetwas zu kritisieren. Darum habe ich die Geschichte eines Bauern erzählt, der nach Algier kommt, um gegen die soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen. Um auf meinen  geschätzten Kollegen Ali Farzat zurückzukommen: Er hat eine der schlimmsten Strafen erfahren. Ihm wurden die Hände gebrochen, um ihm zu zeigen, dass er zu weit gegangen ist. Er sollte nie wieder zeichnen können. Dieser liebenswerte Mann, ruhig, gebildet und talentiert, den Kopf voller Ideen, wurde von denjenigen angegriffen, die ihn eigentlich beschützen sollten. Ich wünsche mir, dass er wieder gesund wird. Und dass er die Kraft findet, seine Finger wieder zu benutzen, um dem korrupten Muttersöhnchen, das Syrien regiert, den Stinkefinger zu zeigen. Wir müssen die Rechte der Menschen verteidigen - und dazu gehört auch die rechte Hand des Karikaturisten. Zeichnen ist ein Menschenrecht.

Cafebabel.com: Algerien hat keinen„arabischen Frühling“ erlebt. Einige sagen, das liege daran, dass Algerien schon einmal einen Aufstand teuer bezahlt hat. (Im Oktober 1988 wurden bei schweren Ausschreitungen 500 Jugendliche getötet; A.d.R.). Teilst du diesen Standpunkt?

Slim: Teilweise. Aber wenn man betrachtet, welche Folgen dieser kleine Frühling für uns hatte, gibt es keinen Grund stolz zu sein: Die Gewaltenteilung ist eine Farce,  der algerische Sozialismus wird durch den Aufstieg einer „religiös-politischen“ Partei zerstört.  Jetzt haben wir den Kapitalismus – und jeder hat die Chance „erfolgreich“ zu sein. Aber die wenigsten sind es. Meiner Meinung nach haben wir einen Rückschritt von 40 Jahren gemacht. Bravo!

Cafebabel.com: The Economist zählte vor kurzem Algier zu den „Top 10 der Städte, in denen es sich schlecht lebt“. Du hast das in einem Comic kommentiert: Algerien, ein Urlaubsziel für sadomasochistische Touristen. Lebt es sich wirklich so schlecht in Algerien?

Slim: Ja. Algerien ist das teuerste Land im Mittelmeerraum - es lässt sich nicht mehr übersehen. Man muss sich nur die Mieten und den Immobilienmarkt anschauen. Die Löhne aber sind auf dem Niveau Chinas, die Lebensmittelmärkte werden von der Agrar-Mafia beherrscht. Man lebt schlecht, das popeligste Restaurant ist völlig überteuert. Ich weiß nicht, wohin das führen soll.

Cafebabel.com: Gibt es auch Lichtblicke?

Slim: Das einzig Positive ist die Jugend. Früher oder später wird sich etwas einstellen, das ich den Tsunami-Effekt nenne: Die jungen Menschen werden nicht mehr zu halten sein. Man kann sie einmal, zweimal niederknüppeln, aber nicht für immer. Ich lache mich kaputt, wenn ich daran denke, dass die Unruhen im Januar „Öl und Zucker- Aufstand“ genannt wurden. Die Jugendlichen kennen weder den Preis für Öl noch für Zucker- es ging um Perspektivlosgikeit. Das ist den Nachrichtenschwindlern für das Ausland wirklich gut gelungen.

Cafebabel.com: Welchen Rat gibst du jungen Künstlern in Algerien?

Slim: Ich würde ihnen raten, die Situation zu nutzen, Ideen aus ihr zu gewinnen. Der Perspektivmangel, die Unterdrückung - auch sie können Inspiration sein. Strengt euch an: Ihr seid die Zukunft dieses Landes! Wenn ihr diesen Zustand akzeptiert, die Zukunft die man euch vorzeichnet, dann dürft ihr euch nicht über das Kleingedruckte beschweren! Wichtiger wäre es, euer Land zu verteidigen. Prägt es nach euren Vorstellungen. Und  glaubt nicht den Schwätzern, die euch das Blaue vom Himmel herunterlügen.

Lest den Artikel in der Originalfassung auf dem Blog von Sarah Marmouz.

Illustrationen: Homepage (cc)Cayusa/flickr  ©Internetseite von Slim  Video: (cc)Ali Ferzat Torture/YouTube