Alfredo Meschi: 40 000 vegane Tattoos für Tierrechte

Artikel veröffentlicht am 19. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 19. Januar 2017

Alfredo Meschi kämpft gegen Tierhaltung - und das mit vollem Körpereinsatz. Für sein Anliegen hat sich der italienische Aktivist 40 000 'vegane' Kreuze tätowieren lassen. 

„Warum habe ich vierzigtausend vegane Tattoos? Weil das die Zahl der Tiere ist, die weltweit jede Sekunde umgebracht werden, nur um unseren Appetit zu stillen.“ Alfredo Meschi ist ziemlich direkt. Der 1968 in Livorno geborene Italiener hat vor ungefähr dreißig Jahren im Bereich der Informationstechnologie mit Laserdruckern gearbeitet, zusammen mit großen Marken wie IBM und Siemens. Das war aber auch der letzte Job dieser Art. Alfredo Meschio wollte seiner Arbeit sozial einen Sinn geben. Heute ist er nicht nur Theaterpädagoge, Künstler, Aktivist und Autor von Büchern über antispeziesistische Themen, denen die Annahme zugrunde liegt, dass der Mensch nicht mehr Rechte als das Tier hat.

Im Herzen seines Tuns steht aber immer sein Engagement als veganer Akivist, der mit vollem Einsatz gegen Tierquälerei kämpft. Seine Überzeugung geht sprichwörtlich unter die Haut: Alfredo Meschi hat sich 40 000 schwarze Kreuze auf seinen ganzen Körper tätowieren lassen. Seine Liebe für Tiere und die Natur ist ein Akt der Rebellion, der ihn zunächst zum langjährigen Vegetarier und vor wenigen Jahren dann zum Veganer werden ließ: Sein Vater war Jäger und nahm ihn als Kind auf seinen Reisen und Jagden in Afrika mit. Meschi lehnt jede Art von Gewalt gegen Tiere ab und unterstützt die antispeziesistische Theorie. Jahrelang führte er zunächst ein vegetarisches Restaurant, bevor er seinen Kampf auf eine künstlerische Ebene hob.

„Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir dauernd vergessen“, sagt Alfredo. „Es ist, als ob unser Bewusstsein für Ungerechtigkeit, Mitleid und Empathie durch einen Wechselstrom gespeist wird. Am Anfang meiner Arbeit habe ich einen Weg gesucht, dieser sozial verursachten Amnesie zu widerstehen. Etwas, das mir in jeder Sekunde des Tages die Dringlichkeit des Kampfes vor Augen führt. Jede einzelne Sekunde. Und jede Sekunde werden 40 000 ‚nicht menschliche Personen‘ getötet, um unseren Appetit zu stillen. Ich wollte diese Sekunde irgendwie bildlich festhalten, in Erinnerung rufen, auf meiner Haut pulsieren lassen, diese Zahl ständig ins Bewusstsein rufen. Das X habe ich ausgesucht, weil es neutral und anonym ist, ein Symbol, das wir zum abhaken benutzen, wenn wir eine Sache beendet, berechnet - oder eben getötet haben.“

Alles geben - wortwörtlich

Meschis Entscheidung ist zu einem täglichen Projekt und einer persönlichen Verpflichtung geworden. Es ist jetzt schon eine Weile her, seit Alfredo beschlossen hat, einen Großteil seines Lebens unterwegs zu sein, um sein Progetto X so weit wie möglich unter die Leute zu bringen und sie für die Sache zu sensibilisieren. Aber Vorsicht: sensibilisieren heißt nicht, jemanden zu überzeugen, seinem Beispiel zu folgen, das betont Meschi. Sein Konzept basiert auf einer Ausstellung mit dem Titel „Misoteria“, bei der man Bilder des nackten oder halbnackten Künstlers in immer neuen Situationen betrachten kann. Seine Tattoos wurden mit veganer Tinte gestochen, um sich von Produkten zu distanzieren, die an Tieren getestet werden. Die Nachhaltigkeit des Projekt X basiert vollständig auf dem Prinzip der Schenkökonomie.

„Jede menschliche Person, die ich treffe und die meine Träne aus Kreuzen sieht, meine Hände und meinen Hals im Winter und im Sommer meine ganze Haut, ist eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit, einen Kontakt herzustellen, eine Unterhaltung zu beginnen, die Dringlichkeit dieses Kampfes zu vermitteln. Natürlich gibt es Menschen, die über mich lachen und Witze machen, aber das ist wirklich selten, verglichen mit dem Interesse und der ehrlichen Aufmerksamkeit, die meine 40 000 Tattoos auf sich ziehen“ erklärt Meschi.

„Seit vielen Jahren erkunde ich die Möglichkeiten nonverbaler Kommunikation, vor allem über das Bildertheater. Als es darum ging, auf die Situation der Tiere aufmerksam zu machen, da habe ich die Notwendigkeit gespürt, die erste Form zu verwenden, die uns zur nonverbalen Kommunikation und zum Austauschzur Verfügung steht: die Haut. Das Tattoo erschien mir als das ideale Mittel, meine Botschaft rüberzubringen, sowohl vom künstlerischen als auch vom kommunikativen Standpunkt aus.“

Die ehemalige Kunstform des Tattoos ist mittlerweile zu einer gängigen Modeerscheinung geworden. Die visuelle Stärke, die Alfredos Engagement über das Tattoo wiederspiegelt, lässt den Betrachter aber keineswegs kalt. Öffnet man Meschis Webseite, hängt der Aktivist dort splitternackt und kopfüber, ähnlich einem gerade geschlachteten Tier, für den Betrachter am Haken. Die Einheit des wiederholten Symbols ist beeindruckend. Sie kreiert eine betäubende Dichte von Zeichen, einen unwiderstehlichen Blickfang. Die Kreuze, die nahezu jeden Winkel der Haut von Alfredo Meschi bedecken, erschaffen eine eigene Sprache.

Banalisierte Bedeutung

„Im Internet gibt es immer mehr Berichte von Tattookünstlern und -künstlerinnen, die verzweifelt über die zunehmende Banalisierung ihrer Kunst sind“, erklärt Meschi. „Ein 'Missstand' der mit der exponentiell steigenden Zahl der tätowierten Menschen zusammenhängt. Aber es werden immer mehr Personen, Galerien, Museen und Kunstkritiker, die das Tattoo als eine der wichtigsten künstlerischen Bewegungen der Gegenwart ansehen. Ich persönlich glaube, dass es außer dem künstlerischen Aspekt auch die Möglichkeit geben muss, wichtige soziale oder politische Botschaften zu verbreiten. Ich bin sicher, dass dieser Aspekt in den nächsten Jahren stark hervortreten wird“, fährt er fort.

Kunst und Haltung gehen dabei Hand in Hand: Die Botschaft würde ohne das Modephänomen nur wenig Aufmerksamkeit von der Masse erhalten. Meschis Kunstaktion am eigenen Körper ist auch eine Bestätigung dafür, dass Vegetarismus und Veganismus keine bloßen Diäten sind. Andererseits ist es schwierig zu ignorieren, dass der Markt vor allem auf die Kommerzialisierung des Phänomens bedacht ist.

„Neben der Banalisierung der veganen Botschaft, die dem Boom des Veganismus als kommerziellem Motiv und dem ‚vegan washing'großer Konzerne geschuldet ist, helfen wir, eine politische Dimension der Befreiung von Tieren herauszubilden. Wenn die Leute mich oder meine Fotos sehen, reagieren sie mit großem Enthusiasmus oder mit scharfer Kritik. Aber die interessanteste Reaktion ist einfach die Aufmerksamkeit. Wenn jemand zu mir kommt, um sich zu informieren, meinen Kontakt in den sozialen Netzwerken sucht, sind das für mich alles wertvolle Gelegenheiten, einen Dialog anzufangen und ein Bewusstsein zu fördern. Ich bin ein antispeziesistischer Aktivist und ich verpflichte mich meiner Sache 24 Stunden am Tag, 7 Tage die  Woche, damit dieser Gedanke immer stärker wird.“

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Voglio Vivere Così ist eine Artikelreihe, in der wir über alternative Lifestyles berichten. 8 Wochen, 8 Geschichten, gesammelt von unserem Cafébabel-Team.